03. Juni 2009

Ein Blick in den „Spiegel“ und vom „Focus“ bis zum „Gong“ Im Rausch des Glücks

Über die stille Produktion der Knechtschaft

Wir müssen uns Deutschland als ein glückliches Land vorstellen. Soviel Glücksberatung war nie. Innerhalb von zwei Tagen erschienen nun: Ein Fernsehmagazin mit dem Titelthema „Die neue Glücks-Formel“, ein Nachrichtenmagazin mit dem Titelthema „Was Glück ist“, ein Konkurrenzprodukt mit dem Titelthema „Glück, selbst gemacht“. Und von Platz Eins der Sachbuchbestsellerliste lächelt glückstrunken der Laienkabarettist Eckart von Hirschhausen mit der Gute-Laune-Fibel „Glück kommt selten allein“. Das 21. Jahrhundert, so scheint es, hat sich einer neuheidnischen Glücksreligion verschrieben.

Als Griesgram gilt und Misanthrop, wer im Angesicht des Glücks von seinem Menschenrecht auf Zweifel Gebrauch macht. Was gibt es an der Sehnsucht nach einem glücklichen Leben zu bekritteln? Dachte nicht schon Plato einen „Staat von Glücklichen“? Schrieb der Aufklärer John Locke nicht, allen Menschen seien „das Begehren nach Glück und der Abscheu vor Unglück“ angeboren? Will nicht auch der Glückskritiker selbst lieber glücklich als unglücklich seine Tage verbringen?

Ja, das will er. Dennoch macht soviel Glücksreklame stutzig. Von welcher Art ist das Glück, das öffentlich feilgeboten wird? Im Wochenmagazin „Focus“ lautet die Unterzeile zum Titel „Hammer, Harke, Kochlöffel – Die Deutschen entdecken den Spaß, ihr Leben in die Hand zu nehmen“. Im Innenteil folgen Geschichten über „Die Ladys und das Laminat“ und Tipps zum richtigen Gemüseanbau, „Hacken, säen und genießen“. Das „Focus“-Glück besteht demnach ganz im spaßigen Handhaben von Werkzeugen zur Verschönerung des häuslichen Umfelds. Es ist das Glück der Nähe, das Glück der kleinen Menge und des kleinen Raums, das Glück als Handarbeit, das Glück als Technik.

Der „Spiegel“ hingegen verspricht „Eine Kulturgeschichte des schönsten Gefühls der Welt“. Ein Gefühl, das sich nach getaner Arbeit einstellt, eine innere Belohnung ist das Glück auch hier, doch wurde, historisch sehr zu Recht, aus dem kleinen Raum die ganze Welt. Auf den technischen Zugriff aber mag auch der mittlerweile als „Glücksexperte“ firmierende Auflagen- und Einkommensmillionär von Hirschhausen nicht verzichten. Dem „Spiegel“ vertraut er an, Glück sei eine „Übungssache“ und ergo „eher im aktiven Handeln als am Strand zu erleben.“ Individualistisch und primär im Anstrengen zu haben ist das von Hirschhausensche Glück.

In der Fernsehzeitschrift schließlich, „Gong“ mit Namen, ist Glück weitgehend mit „Hochstimmung“ und „Besser drauf“-Sein identisch. Vier „Tricks“, also Techniken, werden hierfür empfohlen: mehr Schlaf, mehr Bewegung, mehr Denken, mehr Serotonin. „Glück kann man futtern“, heißt es; „ist genügend Serotonin im Körper vorhanden, fühlen wir uns ruhig und ausgeglichen.“ Ein Körperglück und ein Gefühl ist das Glück also wiederum. Es endet wenige Millimeter vor der eigenen Nase, dem eigenen Bauch, den eigenen Zehenspitzen.

Ergo hat die Glücksinflation, die wir zurzeit erleben, rein gar nichts zu tun mit dem guten Leben, das klassischerweise unter einem glücklichen Leben verstanden wird. Keine beatitudo wird hier angestrebt, keine „Vollendung in Hinsicht auf die Tugend“, keine vollendete Freude im Herzen dank der „Vereinigung aller Güter“ – so die Formulierung des Boëthius. Das spätmoderne Glück ist eine Fünf-Minuten-Terrine für die Mittagspause, ein Instantgefühl mit Soforteffekt, ein Peeling fürs Ego.

Diese reduktionistische Glücksdoktrin aber ist eine zweischneidige Sache und zudem ein politisch’ Ding. Nach seinem eigenen Glück streben und es im Körper vermuten – „Operation Glück“ betitelte eine Teeny-Zeitschrift die Ausgabe zum Boom der Schönheitsoperationen –, kann und darf keinem verwehrt werden. Alle aber sind betroffen, wenn aus den Körpertechniken fürs Einzelwesen eine Gruppenmoral zu werden droht.

Dann nämlich ist der Unglückliche nicht nur der Spielverderber und Störenfried, sondern der Gesellschaftsfeind. Unglück wird zum Makel, wenn Glück das Resultat sein soll einer Leistung. Man wird dann kein Pech mehr haben, wird nicht mehr traurig, sondern faul gewesen sein. Man hätte eben rechtzeitig Vorsorge treffen müssen gegen seine Trauer, hätte mehr Nüsse knabbern müssen, mehr sich bewegen, mehr schlafen, mehr von Hirschhausen lesen müssen.

Der Unglückliche wäre der Versager schlechthin. Darüber geriete in Vergessenheit: Glück ist nicht die Regel, Glück wird trotz aller Anstrengung die Ausnahme bleiben, die verzweifelte Glücksanstrengung kann Unglück züchten.

Wenn das Glück die höchste Norm ist, braucht zudem jede sinistre Absicht sich nur ein Glückskleid überzuziehen, um allgemein anerkannt zu werden.

Glücklich, aber fremdbestimmt lebt man in Aldous Huxleys böser Utopie, glücklich, aber unfrei sind die letzten Menschen, die Nietzsche imaginierte, im Sonnenstaat des Tommaso Campanella wird das Glück durch Gleichheit verordnet, aber die Todesstrafe winkt Frauen, die sich schminken. Noch in den Glückspillen unserer Tage schwingt dies dunkle Erbe mit.

Die Wahrheit gepachtet hat hier einmal Hermann Burger, der sein Leben leider sehr unglücklich zu Ende brachte: „Nirgendwo steht verbrieft, der Mensch habe ein Anrecht auf ein Quäntchen Glück.“ Wer das Gegenteil behauptet, treibt dem Unglück neue Knechte zu.


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