Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Die S-Kurve: Wellen der Bevölkerungsentwicklung

von Gérard Bökenkamp

Warum die Geburtenrate global zurückgeht, aber in ferner Zukunft wieder steigen wird

Im 19. Jahrhundert stellte sich die Lage anders dar als heute. Nicht das Schrumpfen, sondern das rasante Bevölkerungswachstum machte den Zeitgenossen Sorgen. Im Jahr 1816 lebten auf dem Gebiet des späteren Deutschen Reiches etwa 24 Millionen Menschen, zur Zeit der Reichsgründung 1871 waren es bereits 40 Millionen, Anfang der 90er Jahre waren es über 50 Millionen. Damit hatte sich die Deutsche Bevölkerung innerhalb eines dreiviertel Jahrhunderts mehr als verdoppelt. Das Ausmaß des Bevölkerungszuwachses beunruhigte Staat und öffentliche Meinung.

Thomas Malthus hatte die These populär gemacht, dass das Bevölkerungswachstum zwangsläufig zu Hunger und Elend führen würde. Deshalb strebte die Obrigkeit danach, die Geburtenrate der unteren Schichten zu begrenzen, auch weil man das revolutionäre Potential  fürchtete. In John Stuart Mills 1848 veröffentlichten „Principles of Political Economy“ kann man nachlesen, dass die deutschen Staaten dazu übergegangen waren, die Geburtenrate durch strenge Ehegesetze zu regulieren. In Mecklenburg, Sachsen, Württemberg, Bayern und Lübeck, musste ein bestimmtes Heiratsalter erreicht sein, die Ableistung von Militärdienst oder ein bestimmter Besitz nachgewiesen werden, um eine Familie gründen zu dürfen.

Im Laufe des 19. Jahrhundert stellte sich heraus, dass Malthus düstere Visionen sich nicht erfüllten. Der Bevölkerungsüberschuss fand in den neuen Industriezentren Arbeit und die Bevölkerung ging massenweise zur privaten Familienplanung über. In Frankreich war bewusste private Familienplanung schon im 18. Jahrhundert zum Massenphänomen geworden. Deutschland erreichte die individuell gewollte Begrenzung der Geburtenrate im 19. Jahrhundert. Das „Princeton Fertility Project“, eine umfassende empirische Untersuchung zum demographischen Übergang, setzt das Jahr 1888 als denn Beginn des definitiven Übergangs zur allgemeinen innerfamiliären Geburtenkontrolle an.

Der Geburtenrückgang im Deutschen Reich erfasste im Jahr 1879 die ersten Regionen und 1914 die letzten. Historische Demographen gehen davon aus, dass bereits in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts ein Massenmarkt für Verhütungsmittel entstanden war. Großfamilien mit sechs und mehr Kindern wurden schon bis zum Jahr 1900 in höheren Bildungsschichten zur Ausnahme. Bei den Mittelschichten waren es die Freiberufler, Beamten und Angestellten, die als erste zur Geburtenbegrenzung übergingen. In ländlichen Regionen erfasste der Rückgang der Geburtenrate die Bauern schneller als die Besitzlosen. Die Frauen-Generation, die in den 1850er Jahren geboren wurde, brachte im Durchschnitt etwas mehr als fünf Kinder zur Welt. Innerhalb weniger Jahrzehnte reduzierte sich die Geburtenrate der folgenden Frauengenerationen auf zwei Kinder.

Über die individuellen Motive für die Begrenzung der Kinderzahl geben die historischen Quellen kaum Auskunft. In unserer Gegenwart laufen aber in den so genannten Entwicklungsländern ganz ähnliche Prozesse ab. Eine Dorfstudie aus den siebziger Jahren über das ländliche Bangladesh kam zu dem Ergebnis: „Spätestens im Alter von 12 Jahren werden männliche Kinder Nettoproduzenten. Außerdem arbeiten sie bereits im Alter von 15 Jahren genug Stunden mit genügend hoher Produktivitätsrate, um für die von ihnen in der Zeit ihrer Abhängigkeit verursachten Kosten aufzukommen. Im Allgemeinen…erzielen…Eltern daher mit männlichen Kindern in der Zeit, in der diese dem elterlichen Haushalt unterstehen, einen wirtschaftlichen Gewinn.“  Dies entspricht dem Zustand in einer agrarisch geprägten Gesellschaft, in der Kinder als Arbeitskräfte eingesetzt werden können, der noch bis ins 19. Jahrhundert hinein auch in Europa und Deutschland vorherrschte.

Es wird berichtet, dass Anfang der siebziger Jahre auf die Frage an Dorfbewohner im Pandjab, warum diese sich nicht an Programmen zur Familienplanung beteiligen wollten, diese geantwortet hatten: „Warum 2500 Rupien für eine zusätzliche Arbeitskraft bezahlen? Warum nicht einen Sohn haben?“ So erfolglos die staatlichen Familienplanungsprogramme waren, so erfolgreich ist die freiwillige private Geburtenplanung angesichts einer veränderten ökonomischen Logik. Der Einbruch der Geburtenraten erfolgt auch in der Dritten Welt im Prozess der Urbanisierung, des Rückgangs des Bedarfs an Kinderarbeit und der Möglichkeit, außerhalb der traditionellen Landwirtschaft Arbeit zu finden.

Für Rampur, ein Dorf in der indischen Hauptstadt Neu Delhi, konnte zum Beispiel nachgewiesen werden, dass die Zahl der Kinder pro Frau abnahm als die Arbeitsmöglichkeiten außerhalb des Dorfes zunahmen. Um von den neuen Möglichkeiten des Arbeitsmarktes zu profitieren, mussten die Einheimischen ihren Kindern eine bessere Ausbildung ermöglichen, damit diese später eine gut bezahlte Bürotätigkeit ausüben können. Die Einheimischen erkannten, dass weniger Kinder mit hohem Einkommen ihre Eltern besser versorgen können als viele Kinder mit niedrigem oder gar keinem Einkommen. Und sie zogen daraus die Konsequenzen. Sie reduzierten die Zahl ihrer Kinder, um deren Ausbildung finanzieren zu können.

Bis zu einem gewissen Grad ist der Rückgang der Furchtbarkeit in Deutschland, Europa und der übrigen Welt tatsächlich ein Marktphänomen. Darüber hinaus spielen jedoch die staatlichen Umverteilungssysteme eine erhebliche Rolle, da sie, wie oft gesagt worden ist, „die Kosten der Kinderaufzucht individualisieren, den Nutzen aber sozialialisieren.“ Welchen Anteil der Markt und welchen Anteil die Umverteilung am Zustandekommen der heutigen Geburtenzahl haben, ist schwer zu sagen. Vermutlich wären die Fruchtbarkeitsraten ohne Umverteilung innerhalb der Gesellschaft anders verteilt. Die Fruchtbarkeit der Mittelschichten wäre möglicherweise etwas höher, die der Transferempfänger etwas geringer. Aber auch in diesem Fall gilt: In einem partiell unfreien System ist schwer vorherzusagen, was das optimale alternative Ergebnis auf einem freien Markt wäre.

Es lässt sich aber sagen, dass, soweit die private Familienplanung im Rahmen einer freien Marktordnung erfolgen kann, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit früher oder später wieder der historisch bekannte Ausgleichsmechanismus greifen wird. Sollte wegen der sinkenden Geburtenrate  und trotz der zu erwartenden Produktivitätssteigerungen die Zahl der global zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte knapp werden, so würde das die Bedingungen für die dann Arbeitssuchenden radikal verbessern. Eine solche Situation hat es in der Geschichte auch schon gegeben. Nachdem im 14. Jahrhundert Hungersnöte und Pest einen großen Teil der europäischen Bevölkerung dahingerafft hatten (nach einer Phase starken Bevölkerungswachstums), war Land zur Genüge vorhanden, Arbeitskräfte waren jedoch knapp. Dies schuf die Voraussetzung für eine sehr günstige Lohnentwicklung. Und das führte wiederum zu einem Vorziehen der Eheschließungen und zu einer erneuten Zunahme der Fruchbarkeit.

Im Prinzip hat sich das Muster der Anpassung der Geburtenraten an die ökonomischen Rahmenbedingungen nicht grundlegend geändert. Anders als in früheren Jahrhunderten führt jedoch nicht unbedingt sexuelle Abstinenz oder Herausschieben des Heiratsalters oder gar Hungersnöte zur Anpassung, sondern der Einsatz chemischer und mechanischer Verhütungsmittel. Über die Jahrhunderte hinweg beschreibt die Bevölkerungsentwickung eine S-Kurve oder, wenn man das S auf den Bauch legt, eben eine Welle. Europa und bald auch der gesamte übrige Teil der Welt befinden sich in einer demographischen Abwärtsbewegung, die noch so lange anhalten wird, bis die globalen Arbeitsmärkte geräumt sind und sich der Trend wieder umkehrt.

14. Juni 2009

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