Ronald Gläser

Jg. 1973, Amerikanist aus Berlin, Medienredakteur bei der "Jungen Freiheit".

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Politische Korrektheit: Staatlich sanktionierte Heuchelei

von Ronald Gläser

Wie Firmen die Mitbestimmung aushebeln

Manchmal frage ich mich, warum „die Wirtschaft“ – ich meine vor allem die Führungscrews in Großkonzernen und die dazugehörigen Verbandslobbyisten – nicht stärker Sturm läuft gegen sozialistische Gesetze. Gegen Vorschriften, die in die inneren Angelegenheiten einer Firma eingreifen. Das Antidiskriminierungsgesetz etwa oder das Frauenbeauftragten-Unwesen, eigentlich die gesamte Politische Korrektheit bezogen auf Arbeitsverhältnisse, all das müsste Firmenchefs doch eigentlich massiv gegen den Strich gehen. Sie tun aber nichts oder nur wenig dagegen. Warum?

Zum einen sind die großen Konzerne ein Spiegelbild der Gesellschaft. So wie beim Wahlvolk eine Hälfte rechts und eine links ist, so ist das auch bei Managern. Vielleicht sind in den Führungsetagen ein paar mehr rechts als links – aber nicht alle. Also machen einige Konzernchefs aus echter Überzeugung mit, wenn es darum geht, Frauenförderpläne umzusetzen oder Multikulti-Richtlinien für die Belegschaft aufzustellen.

Mir geht es aber um etwas anderes. Ich glaube, dass manche Firmenbosse die Politische Korrektheit ganz gezielt einsetzen, weil sie damit ein probates Mittel gefunden haben, Arbeitsschutzgesetz umgehen und missliebiges Personal schneller vor die Tür setzen zu können. Normalerweise haben wir in Deutschland sehr arbeitnehmerfreundliche Gesetze. Je größer eine Firma ist, desto schwerer wird es, einen Mitarbeiter zu feuern. Wenn der Gesetzgeber nun aber politisch korrekte Vorschriften schafft, auf deren Grundlage jemand gefeuert werden kann, dann ist das im Sinne der Firmen, die jemanden anders nicht loswerden können.

Der Staat, der Arbeitnehmer massiv unterstützt, hat ein Hintertürchen für den Personalabbau geschaffen. Ein Beispiel aus dem echten Leben: Das Berliner Nobelhotel Four Seasons hatte vor mehreren Jahren einen Direktor, der sehr unfreundlich zu seinem Personal war und angeblich dafür bezahlt wurde, dass er möglichst viele der unterbeschäftigten Mitarbeiter vor die Tür setzt. So wurde jedenfalls in der Belegschaft gemunkelt. Dieser Griesgram feuerte eines Tages einen mir persönlich bekannten Mitarbeiter, weil der eine private Email verschickt hatte: Im Anhang habe sich ein rassistisches Video befunden, lautete die Begründung. Ich habe das Video gesehen. Es war so ein typischer Kurzfilm aus der Prä-Youtube-Ära, der einen Farbigen zeigte, der ein so langes Geschlechtsteil hatte, dass er einen Knoten damit machen konnte. Sie können das geschmacklos nennen – aber rassistisch?

Mit dem Argument, jemand habe an seinem Arbeitsplatz rassistische Propaganda verbreitet, lässt sich eine Kündigung vor einem Arbeitsgericht viel lockerer durchbringen. Das bestätigt auch Geraint Anderson, der Autor des Buches „Cityboy – Beer and Loathing in the Square Mile“. Als Analyst einer Investmentbank hat er jahrelang das Geschehen an Londoner Börse beobachten können und jetzt in einer packenden Enthüllungsstory beschrieben. Über die Gefahr, bei Insidergeschäften am Telefon erwischt zu werden, schreibt er, man müsse die Anschuldigungen nur mit dem „Vorwurf rassistischer oder sexistischer Kontakte“ kombinieren – schön könne jede Karriere beendet werden.

Es hat tatsächlich seinen Grund, wenn Rechtsabteilungen Fehlverhalten ignorieren. Die Arbeitgeber haben in der Regel kein Interesse daran, Mitarbeiter zu feuern. Schon gar nicht, wenn sie gut sind. Wenn die in sie gesetzten Erwartungen aber ausbleiben – dann sind plötzlich „sexistische“ oder „rassistische“ Fehltritte der Vorwand für eine Entlassung. Das ist deshalb schlau, weil sich bei den allermeisten Leuten sofort irgend eine falsche Bemerkung über den Po von Fräulein Müller (sexistisch) oder den IQ von O. J. Simpson (rassistisch) finden lässt.

Ich finde, Unternehmen sollten unfähige Mitarbeiter feuern können. Gewerkschaften haben gerade in großen Firmen und im öffentlichen Dienst zu viel Mitspracherecht. Deswegen stellen Firmen so ungern neues Personal ein. Insofern ist es verständlich, wenn Arbeitgeber jetzt opportunistisch agieren und die Politische Korrektheit zu ihrem Vorteil nutzen. Aber die dahinter stehende Doppelmoral – die ist falsch. Der Staat sollte die Vertragsfreiheit wieder herstellen, nicht mehr in Arbeitsverhältnisse intervenieren und sich aus dem Wirtschaftsleben heraushalten. Die jetzige Regelung ist nichts anderes staatlich sanktionierte Heuchelei.

18. Juni 2009

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