Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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ef Television

Das Prinzip der Freiwilligkeit: Lust an der Leistung schlägt Zwang und Bevormundung

von Gérard Bökenkamp

Über den falschen Gegensatz von Pflicht und Neigung

Es gibt Wahrheiten, die sind so einfach, dass es erstaunlich ist, wie wenig sie beachtet werden: Menschen begehen Handlungen in der Regel deshalb, weil sie sie begehen wollen. Dieser eine Satz erklärt, warum in der Praxis die Ideologie mit ihren Zielen scheitert. Politische Debatten werden in der Regel darüber geführt, was Menschen tun sollten. Ihr Verhalten wird be- und verurteilt und die Politik nimmt für sich das Recht in Anspruch, missliebiges Verhalten zu ändern. Schließlich rauchen die Leute zu viel, essen zu wenig Gemüse, schauen die falschen TV-Formate und zeugen zu wenig Kinder. Es gibt eigentlich kaum eine Verhaltensweise, die nicht von einem Teil der Gesellschaft als anstößig empfunden wird. Von der Obrigkeit wird eben die Korrektur dieses Tuns gefordert. Dies ist bei einigen extremen Verhaltensweisen, wie der Anwendung von Gewalt gegen Leben und Eigentum der Bürger auch möglich und notwendig, der Versuch über diese einfachen Rahmenbedingungen hinaus, das Verhalten zu korrigierung und zu lenken, führt jedoch in der großen Mehrheit der Fälle nicht zum gewünschten Ergebnis.

Menschen dauerhaft zu etwas zu zwingen, was sie nicht tun wollen, erfordert einen enormen organisatorischen und psychologischen Aufwand. Der Staat kann die Menschen unter der Androhung von Strafe dazu bringen, eine bestimmte Handlung zu tun, er kann sie aber nicht dazu bringen, diese Handlung auch tun zu wollen. Der Staat kann zum Beispiel das Singen der Nationalhymne zu bestimmten Anlässen vorschreiben, das Schulgebet verpflichtent machen, die Teilnahme an Demonstrationen, das Schwenken von Winkelementen oder die Lobreden auf verstorbene Parteivorsitzende.  Man kann Menschen dazu zwingen, vor einem Stück Stoff zu stehen und zu singen oder mechanisch irgendwelche Rituale auszuführen. Was man nicht erzwingen kann, sind echte Gefühle und das Ausschöpfen der vorhandenen Leistungspotentiale.

Das ist der Grund, warum totalitäre Staaten nie wissen, wie loyal ihre Bürger wirklich sind. Die DDR hat ihre Insassen 40 Jahre lang „erzogen.“ Massen gingen auf die Straße, um ihren sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat zu feiern, als junge Pioniere lernten sie dem System treu zu dienen. Alle offiziellen Treuebekundungen erwiesen sich schließlich als eine leere Inszeenierung. Sobald die Bürger die Möglichkeit hatten, über die Qualität des Systems mit den Füßen abzustimmen, nahmen sie diese Möglichkeit zu Hunderttausenden wahr. Man kann Herrschaft für einige Zeit auf Bojonetten begründen. Ein einziger Moment der Schwäche reicht dann aber aus, und das Kartenhaus fällt in sich zusammen. Die Stabilität politischer Systeme rührt daher, dass Menschen sich aus persönlichen Motiven mit ihnen identifizieren und deshalb bereit sind, sie auch zu verteidigen. Wenn diese persönliche Motivation nicht da ist, kann ihr Fehlen nur durch Zwang kaschiert, aber die Lücke nicht gefüllt werden.

Daneben gibt es noch eine zweite Möglichkeit, die dem Staat zur Verfügung steht: die Bestechung. Man bezahlt den einzelnen Bürger für das Verhalten, das man für das wünschbarste hält, egal ob es sich um gesunde Ernährung, Kinderkriegen oder Energiesparen handelt. Das ist das Prinzip des modernen Wohlfahrtsstaates. Hier gibt es dasselbe Problem wie bei der Anwendung des staatlichen Zwangs: Wenn der Geldstrom einmal versiegt, geht auch die Loyalität und die Bereitschaft, sich an die Vorgaben zu halten, verloren. Wenn die Regeln nicht schon vorher auf breiter Front unterlaufen werden, was meistens der Fall ist.

Die Information, wie sehr sich die Menschen einer bestimmten Weltanschauung, Religion oder Tradition verpflichtet fühlen, erhält man durch den Grad der Opfer und des  Engagements, das Menschen bereit sind, freiwillig für diese Werte zu erbringen. Überzeugungen und Glaubensvorstellungen, die auf Zwang oder finanzielle Anreize angewiesen sind, weil sich freiwillig niemand mehr danach richten möchte, sind im Grunde bereits abgestorben. Der Staat bewegt den Kadaver zwar noch an seinen Schnüren, um den Schein der Lebendigkeit zu erwecken. Das macht den Leichnahm aber auch nicht wieder lebendig. Eine freiwillige Spende sagt mehr über den Grad der „sozialen Solidarität“ aus als jede Zwangsabgabe.

Es geht nicht darum, dass Menschen gegen ihre eigenen Interessen handeln, sondern darum, dass die persönlichen Interessen und der Einsatz für ein bestimmtes Ziel, sei es den Aufbau eines Unternehmens, der Gründung einer Familie, der Organisation eines sozialen Projektes oder sonstiges, deckungsgleich werden. Darum hilft es auch wenig, jemanden dazu zu bewegen, seinen eigenen Wünschen Gewalt anzutun, um einem bestimmten Prinzip gerecht zu werden. Damit gewinnt man in der Regel nicht viel oder gar nichts. Menschen, die Tätigkeiten verüben, die ihnen von grundauf zuwider erscheinen, sind mit dem, was sie tun, nicht gerade effizient. Auch dafür ist der Sozialismus ein gutes, aber längst nicht das einzige Beispiel. Lust an der Leistung und persönlicher Ehrgeiz sind das Schmiermittel der Zivilisation.

Prof. Felix von Cube erklärte das in einem Interview: „Wer zuverlässig und auf Dauer gute Leistung bringen soll, muss an der Arbeit Spaß haben. Von der Verhaltensbiologie wissen wir, wie Lust an der Arbeit entsteht: Wenn die Triebdynamik stimmt, wenn der Neugier- und Aggressionstrieb befriedigt werden, wenn das Bedürfnis nach sozialer Einbindung verwirklicht wird. Daraus folgen als Naturgesetze der Führung: Die Arbeitswelt muss so gestaltet werden, dass der Mitarbeiter Herausforderung erlebt, die er bewältigen kann, dass er Anerkennung für Leistung erhält, dass er Bindung erfährt im gemeinsamen Handeln und dass er Identifikation mit der Gruppe und der Firma entwickeln kann. Mitarbeiter, die auf so geführt werden, arbeiten mit Schwung, sind zufrieden, kooperativ und gesund. Verwöhnung dagegen erzeugt Fehlverhalten, führt zu Krankheiten und zu hoher Aggressivität. Ebenso falsch ist Anstrengung ohne Lust. Das führt zu Stress und macht auch krank.“

Dies gilt nicht nur für die Arbeitswelt, dies gilt für jede menschliche Tätigkeit ob beruflich, politisch oder privat. Wenn man jemanden dauerhaft zu etwas zwingt, was dieser partout nicht will und seinem inneren Wesen widerspricht, dann wird dieser auf Dauer entweder pathologisch oder rebellisch. Die freie Marktgesellschaft ist deshalb allen Unkenrufen zum Trotz die humanste denkbare Gesellschaftsform. So lange man Leben und Eigentum anderer nicht verletzt und seinen Lebensunterhalt selbst bestreitet, darf man seiner Neigung folgen und seine Bedürfnisse auf dem Weg befriedigen, den man selbst für den richtigen hält und der einem selbst als gangbar erscheint. Dies schafft sowohl Ehrlichkeit über die wahre Bedeutung von Werten in der Gesellschaft, als auch Effizienz und das höchste Maß menschlicher Zufriedenheit, das in Hinblick auf die unvollkommene Natur des Menschen überhaupt möglich ist.

22. Juni 2009

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