Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Die Islamische Revolution von 1979: George Orwells „Farm der Tiere“ auf persisch

von Gérard Bökenkamp

Khomeinis geschickte Bündnispolitik brachte ihn an die Macht

Man hat sich nnach der Revolution des Ayatolla Khomeini im Iran daran gewöhnt, alle Ereignisse, die den Nahen- und Mittleren Osten betreffen, als religiöse Phänomene zu deuten. Dies entspricht der Deutung der politischen Protagonisten, die darum bemüht sind, ihre sehr weltlichen machtspolitischen Motive religiös zu bemänteln. Die Beweggründe für die so genannte Islamische Revolution im Iran lagen nicht allein, ja: nicht einmal in der Hauptsache, in der Religion begründet, sondern vor allem im dem gemeinsamen Bestreben unterschiedlicher sozialer Gruppierungen, die Machtverteilung zu ihren Gunsten zu verändern. Diese Aktivitäten konnten wirksam werden, weil es Ayatolla Khomeini gelang, die unterschiedlichen Interessen hinter einem Banner zu vereinen und seinem persönlichen Ehrgeiz dienstbar zu machen.

In der Geschichte ist eine politische Gruppierung allein selten in der Lage gewesen, einen Umsturz zu erreichen. Macht bezeichnet deshalb vor allem die Fähigkeit, Allianzen zwischen verschiedenen politischen und sozialen Gruppen zu schmieden und Widersprüche innerhalb dieser Allianzen zu überwinden beziehungsweise durch einen geschickten ideologischen Diskurs zu verdecken. Die Führung tritt derjenige an, der in seiner Weltanschauung, Rhetorik und Konzeption flexibel genug ist, den verschiedenen Gruppen entgegenzukommen und sie in sein Bündnis einzubeziehen. Genau das gelang Ayatolla Khomeini.

So wie Lenin den Marxismus umdeuten musste, um aus ihm eine auf die russischen Verhältnisse anwendbare Herrschaftsideologie zu machen, so deutete Khomeini die schiitischen Anschauungen um, um seine politische Revolution auf den Weg zu bringen. Eine Machtergreifung aus politischen Gründen durch die Geistlichkeit stand damals im Widerspruch zur herrschenden Lehre. Die Mehrheit der schiitischen Geistlichkeit hielt weltliche Regierungsgewalt aus theologischen Gründen für unrein, erwartete die Rückkehr des verborgenen Imams und lehnte deshalb eine Regierungsbeteiligung ab. Erst die systematische Umdeutung der bis dahin vorherrschenden theologischen Vorstellungen machte es möglich, die Religion für den politischen Umsturz zu instrumentalisieren.

Die Hauptfunktion einer Ideologie besteht für eine politische Massenbewegung darin, der Organisation Grundprinzipien zu geben, die dehnbar genug sind, eine Projektionsfläche für unterschiedliche Bedürfnisse und Interessengruppen zu bieten. Khomeini gelang durch seine flexible Auslegung das Kunststück, sehr unterschiedliche Gruppen unter einen ideologischen Hut zu bringen. Der französische Islamexperte Gilles Kepel schreibt in seinem Schwarzbuch des Dschihad, seinen Sieg verdanke Khomeini „seiner bemerkenswerten Fähigkeit, die verschiedenen religiösen und säkularen Komponenten einer Bewegung zu einigen, die anfangs vom Hass auf den Schah und sein Regime getragen wurde. All diese Gruppierungen konnten ihre jeweiligen politischen Vorstellungen in diesen islamischen Diskurs hineininterpretierten, und sie erkannten ihren Irrtum erst, als nach der Machtergreifung die Säuberungen begannen.“

Die von Khomeini geschmiedete Allianz setzte sich zusammen aus der säkularen Mittelschicht, der aufgrund der demographischen Entwicklung sehr jungen städtischen Unterschicht sowie der konservativen Geistlichkeit. Die Mittelschicht stellte die materiellen Ressourcen zu Verfügung, die Geistlichkeit ihre organisatorische Infrastruktur und die städtische Unterschicht eroberte als Masse den öffentlichen Raum. Nur durch die Vereinigung dieser Kräfte war es möglich, den Schah, der einer der verlässlichsten Verbündeten des Westens war, zu stürzen und ein neues politisches System zu errichten.

Nach seiner Rückkehr nach Teheran am 1. Februar 1979 begann Khomeini nicht nur damit, seine politischen Gegner, sondern nach und nach auch Teile seiner Verbündeten auszuschalten. Es waren die städtischen Mittelschichten, die in der Auseinandersetzung um die Macht in den folgenden Jahren den Kürzeren zogen. In George Orwells Roman „Farm der Tiere“, die eine Metapher auf die Russische Revolution und den Stalinismus ist, stürzen die Farmtiere den brutalen Bauern Jones. Doch der Eber Napoleon errichtet schließlich eine noch schlimmere und grausamere Herrschaft. Diese stützt er auf die abgerichteten Bluthunde, die seine Gegner in Stücke reißen und die übrigen Tiere in Angst und Schrecken versetzen. Khomeinis Bluthunde kamen aus der Gruppe jener Stadtjugend, die geholfen hatte, für die Revolution die Straßen zu erobern.

Nachdem sie in den ersten Jahren der Revolution die atheistische Linke ausgeschaltet hatten, übernahmen sie nun den Part, die Mittelschichten einem strengen Sittenregime einschließlich der Zwangsverschleierung zu unterwerfen. Kepel schreibt: „Die potentiell ungenügend Verschleierten gehörten vor allem der säkularen, intellektuellen Mittelschicht an, während sich die Komitehs aus den unteren Volksschichten rekrutierten; diese wurden somit zu Hütern und Wächtern der Werte der Islamischen Republik, und als solche unterdrückten sie die Mittelschicht, den Sündenbock, der bis dahin schlecht und recht seine soziale Stellung und sein kulturelles Kapital behauptet hatte.“

Es ist eben diese Mittelschicht, die im Iran den Aufstand probt, um die Ketten abzuschütteln, in die sie die Revolution gelegt hat. Ob sie erfolgreich sein wird hängt davon ab, ob es ihr gelingt, ein ebenso breites Bündnis zu schmieden wie Khomeini einst für seine Revolution.

29. Juni 2009

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