13. Juli 2009

Papst Benedikt XVI. und die Sozial-Enzyklika Ein Farbfilm und der archimedische Punkt

So steht es geschrieben in „Caritas in veritate“

Sie haben ihn nicht entdeckt: jenen archimedischen Punkt, von dem aus die neue päpstliche Enzyklika die Welt tatsächlich aus den Angeln heben will. Im Kern schreibt Benedikt XVI., auch wenn er nicht der hauptsächliche Autor ist von „Caritas in veritate“, ein weltumstürzendes Projekt fort. Er will, dass die Erde endlich vorankomme auf ihrem Weg zu „jener universellen Stadt Gottes, auf die sich die Geschichte der Menschheitsfamilie zu bewegt.“ So reden keine Kulturpessimisten, so schreiben keine Nostalgiker.

Das zuweilen forciert übellaunige, zuweilen naiv sich überrascht gebende Presseecho deutete die 70-Seiten-Schrift als politisches Manifest. Von links gab es eher Lob, von rechts eher Tadel. Fast irenisch gestimmt war die Berliner „tageszeitung“, die sonst sich schwertut, den Unterschied zwischen Kirche und Kirmes zu benennen. Die „Frankfurter Allgemeine“ hingegen watschte die Enzyklika ab. Der katholische Kirchenredakteur nannte sie ein „katholisches Selbstgespräch“, ein „Trauerspiel“. Die „Brücke zu anderen Weltreligionen“ werde nicht geschlagen.

Diese Enzyklika ist wie jede Enzyklika zunächst einmal an die Katholiken gerichtet. Ihnen wird eingeschärft, wie sie sich verhalten sollen, damit nicht die „technokratische Ideologie“ triumphiere und mit ihr die „Logik der Macht“. Stattdessen setzen die Autoren auf die titelgebende „Liebe in der Wahrheit“, auch und gerade unter den Bedingungen eines weltweiten Marktes. Wo Nachbarn sind, sollen Geschwister werden.

Wahr ist natürlich auch: Das vielfach verschlungene, durchaus zähe Werk liest sich mitunter wie ein „Club of Rome“-Bericht für das 21. Jahrhundert. Nicht mehr um die „Grenzen des Wachstums“ wie weiland 1972 ist es jedoch den Verfassern zu tun, sondern um die Unangemessenheit des Wachstumsbegriffes überhaupt. Einzig die Kategorie der Entwicklung sei den globalen Verflechtungen angemessen. Mit diesem Perspektivenwechsel geht ein gewaltiger Appell an jeden Menschen einher – ein Appell zu Demut und Verantwortung. Subjekt nämlich sämtlicher Entwicklung ist die „Einheit der Menschheitsfamilie“.

Kein Land, ließe sich sagen, kein Mensch ist ein Farbfilm, der ein für alle mal entwickelt wird und dann unwandelbar ins Album wandert. Nein, wir Menschen sind allesamt unterwegs, sind allesamt Werdende, allesamt unvollkommen. Wir alle leben in Entwicklungsländern. Es gibt keine Erste, Zweite und Dritte Welt, sondern nur die eine Herausforderung: menschlich zu werden. Das Projekt der Enzyklika hört deshalb auf den Namen „solidarische Humanisierung“.

Ebenfalls ein wenig nach den siebziger Jahren, nach flower power und New Age klingt die schon im Untertitel als Ziel ausgegebene Ganzheitlichkeit. Man ist versucht, an Ying und Yang zu denken, an Atma Vichara und andere Meditationstechniken. Bedeutet Ganzheitlichkeit etwa nicht, mit allen Sinnen zu schmecken, den Körper zu spüren, das Sein ganz dicht an sich heran zu lassen?

Das Wort hat jedoch auch eine christliche Imprägnierung. Im „Kompendium der Soziallehre der Kirche“ von 2004 heißt es: Das von Christus zugesagte Heil sei umfassend und universal, „es betrifft die menschliche Person in all ihren Dimensionen, der persönlichen und der sozialen, der geistigen und der körperlichen, der historischen und der transzendenten.“

In der Enzyklika lesen wir, der „Aufbau einer guten Gesellschaft und einer echten ganzheitlichen Entwicklung des Menschen“ sei untrennbar; „wenn die Entwicklung nicht den ganzen Menschen und jeden Menschen betrifft, ist sie keine wahre Entwicklung“. Ganzheitlich aber könne nur jene Sicht sein, „welche die verschiedenen Aspekte des Menschen widerspiegelt, wie sie sich dem von der Liebe geläuterten Blick darstellen.“ Darum ermüdet die Lektüre. Kein Lebensbereich wird ausgespart, soll doch jedes Feld, auf dem Menschen einander begegnen, ein Schauplatz werden der Liebe, die nicht in Sentimentalität abgleiten darf, der christlichen Wahrheit, die nicht zum Gefühl degenerieren darf.

Gewiss hätte man sich eine stringentere, knappere Durchführung vorstellen können. War es nötig, neben den Migrationsströmen auch den Sextourismus zu behandeln, neben der Abrüstung auch die Ehe und das Energiesparen? Doch der globale Ansatz verlangt einen Gang durch die Welt, in der wir leben.

Auf Totalität ist dieses Projekt angelegt, so wie auch das Christentum keine Feierabendbeschäftigung an wolkenlosen Tagen sein will. Und diese Welt umfasst ebenso den Atheismus wie den Fundamentalismus, die Eugenik wie die Euthanasie, die Wissenschaft wie die Frömmigkeit, umfasst Ost und West, Nord und Süd, den Markt und das Gebet und, beide verbindend, den „Geist des Schenkens“.

Die Enzyklika blättert sich gleichsam von selbst auf, packt man sie an ihrem archimedischen Punkt. Er findet sich in Abschnitt 51 und lautet: „Das Buch der Natur ist eines und unteilbar sowohl bezüglich der Umwelt wie des Lebens und der Bereiche Sexualität, Ehe, Familie, soziale Beziehungen, kurz der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen.“

Es gibt demnach nur ein einziges „Buch der Natur“, mit vielen Seiten zwar, mit verschiedenen Kapiteln und Überschriften; wer es aber ganz liest, der darf sich laut dieser Enzyklika nicht so schizophren verhalten, wie es im Westen Mode und in den Vereinigten Staaten Regierungsdoktrin ist – der darf nicht sich „über Nebensächlichkeiten entrüsten“ und gleichzeitig „unerhörte Ungerechtigkeiten tolerieren“, darf also nicht gegen das ferne Elend protestieren und zugleich das Leid des Nachbarn dem Staat überlassen, darf nicht zum Apostel der Mülltrennung werden und zugleich Versuche am Menschen für Fortschritt halten, darf nicht Trauermärsche für Wanderfrösche organisieren und Spätabtreibungen hinnehmen, nicht Menschenrechte einklagen und Fromme schmähen. Unteilbar ist die Natur: So heißt Benedikts archimedischer Punkt, seine goetheanische Pointe.

Das ist ein schwindelerregend anspruchsvolles Programm, wer spürte es nicht. Der Mensch aus einem Guss soll Gestalt werden, nach Jahrhunderten, in denen der Homo sapiens seine Bestialität verfeinerte. Kann das je gelingen? Kann das uns gelingen? Sehr leise, mit einer Gebärde eher denn einem Begriff endet deshalb die Enzyklika.

Das große Vertrauen, das sie in den Menschen setzt, wird nicht zurückgenommen, aber geerdet. Nur den Betern, bedeutet uns der Schluss, und den Staunenden kann es geschenkt werden, diese Revolution der Liebe ins Werk zu setzen. Wir Menschen nämlich sind nicht die Meister unseres Machens, nicht unserer Triumphe und nicht unseres Scheiterns.

Die Liebe in der Wahrheit zu sagen und die Wahrheit in Liebe zu tun: dazu braucht es jenen Menschenschlag, der um seine Grenzen weiß und sie staunend, betend überschreitet – weil er hinter seinem Horizont ein Licht sieht, zart, doch unauslöschlich, ein Licht, das kein Markt, kein Mensch, keine Macht ihm je wird verdunkeln. So steht es geschrieben in „Caritas in veritate“.


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