18. Juli 2009

Filmkritik Slumdog Millionär

Angst vor Verantwortung

Einer der erfolgreicheren Filme des Jahres ist das britische Drama Slumdog Millionär unter der Regie von Danny Boyle. Auch kommerziell konnte das Werk überzeugen. Weltweit spielte Slumdog Millionär über US$ 350 Millionen ein, obwohl das Budget der Produktion nur bei ungefähr US$ 15 Millionen lag. Die Handlung in groben Zügen ist recht schnell erzählt.

Der junge Jamal ist erfolgreich beim indischen Pendant zum weltweiten Quizshow-Schlager Wer wird Millionär. Zwischen zwei Drehtagen nimmt ihn die Polizei in Mumbai fest, um herauszufinden, wie ein einfacher „chai wallah“, ein Teekellner, es schaffen kann, so viele Fragen korrekt zu beantworten. Im Rückblick auf die Fragen des ersten Teils der Show verknüpft Jamal in seiner Erzählung diese mit Ereignissen aus seinem Leben, wegen derer er die Antworten auf die ihm gestellten Fragen kennt. Vor den Augen des Zuschauers entwickelt sich so in der Rückblende die Geschichte eines Straßenjungen, der früh die Eltern verloren hat und sich mit seinem Bruder Salim durchs Leben schlagen musste. Nebenbei erfährt der Zuschauer von der innigen Verbindung Jamals zu Latika, die ebenfalls ihre Eltern verloren hat. Prägendes Ereignis der Beziehung Jamals zu Latika ist die gemeinsame Flucht vor Maman, dem Betreiber eines Waisenkinderhauses, als Jamals Bruder entdeckt, dass Maman die Waisen verkrüppelt, damit sie ihm höhere Einnahmen als Bettler einbringen. Jamal und seinem Bruder gelingt die Flucht, Latika bleibt zurück. Später kehren die Geschwister nach Mumbai zurück. Sie schlagen sich – wie zuvor nach der Flucht – mit halblegalen Gelegenheitsjobs durch, doch Jamals Ziel ist es, herauszufinden, was Latika passiert ist. Er findet sie wieder, doch ist sie von Maman zur Prostituierten ausgebildet worden, damit er im Austausch gegen ihre Jungfräulichkeit einen hohen Preis verlangen kann. Die Geschwister können sie befreien, doch wendet sich Salim gegen Jamal, weil er Latika für sich haben möchte.

Jahre später ist Jamal besagter chai wallah in einem Mobilfunkunternehmen. Über dessen Datenbank kann er seinen Bruder Salim wieder aufspüren. Dieser arbeitet inzwischen für den reichen Gangster Javed, der sich auch der schönen Latika bemächtigt hat. Jamal schleicht sich unter einem Vorwand ein und trifft Latika wieder. Latika schaut dort die Sendung Wer wird Millionär, die für sie Ausdruck der Hoffnung auf ein besseres Leben ist. Latika ist Jamal wegen ihrer Rettung aus den Händen von Maman immer noch emotional zugeneigt. Sie lehnt es jedoch ab, Javed für Jamal zu verlassen, da dieser ihr nichts bieten könne und die Gefahr der Verfolgung durch Javed zu groß sei. Dennoch unternimmt sie später einen erfolglosen Fluchtversuch, der aber wegen des gewaltsamen Eingreifens Salims scheitert.

Jamal beginnt nach einer Nacht auf der Polizeistation den zweiten Drehtag von Wer wird Millionär. In Javeds Haus sieht Latika Jamals Erfolg im Fernsehen und beschließt zu fliehen. Salim hilft ihr dabei, indem er ihr die Autoschlüssel und sein Handy übergibt. Die Straßen sind verstopft, die Stadtbevölkerung fiebert mit der Sendung und mit Jamal, einem von ihnen, mit. Er ist das Symbol einfacher Menschen auf ein besseres Leben. Die letzte Frage ist zu beantworten und Jamal nutzt den Telefonjoker. Es ist das Handy von Salim, das klingelt, und Latika nimmt den Anruf im letzten Moment an, kann Jamal aber auch nicht mit der Antwort helfen. Ist die Stimme der davongelaufenen Latika für Jamal die schönste Nachricht, so bedeutet sie für Salim den Tod, da so sein Verrat an Javed entdeckt wird. Mit Glück beantwortet Jamal die letzte Frage trotz allem korrekt und trifft sich mit Latika, um das gemeinsame glückliche Leben zu führen.

Die Lebensgeschichte von Jamal ist mit starken Bildern beeindruckend und emotional erzählt. Sie befriedigt das romantische Bedürfnis des Zuschauers und ist eine moderne Version eines alten Märchens insoweit, als sie Raum für ein „… und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende“ lässt. Sie gleicht einem Märchen auch darin, dass neben die Liebesgeschichte der sagenhafte Aufstieg eines Slumdogs, eines Ghettokindes, zum wohlhabenden Mann wird. So wunderbar die Lebensgeschichte endet, so kontrastreich dazu visualisiert der Film das harte Leben Jamals als Straßenjunge. An der Darstellung von schlimmen Verbrechen, großen Ungerechtigkeiten und der Härte des Lebens selbst mangelt es nicht. Es ist das Gegenüber von härtestem Leben und größtem Glück, das den Reiz des Films ausmacht, ihn zu etwas besonderem. Vier Golden Globes und Acht Oscars  konnte der Film gewinnen, einige davon sicher zu Recht.

In Übereinstimmung mit geltenden gesellschaftlich verankerten Glaubenssätzen, aber doch zu Unrecht bekommt der Film allerdings den Oskar für das beste Buch. Die Geschichte vom Slumdog Millionär beruht auf dem Glauben an die Unmöglichkeit des sozialen Aufstiegs, wenn dieser nicht durch großes Glück oder illegale Mittel bewirkt ist. Es ist der Verbrecher Javed, der mit seinen brutalen illegalen Methoden erfolgreich wird. Da ist Salim, der sich diesem anschließt und es nur in seinem Gefolge ebenfalls zu etwas bringen kann. Auch in früheren Tagen fußt das Überleben von Jamal und Salim auf ihren Diebstählen und Betrügereien. Schließlich ist da das Jauch-Pendant, der Moderator von Wer wird Millionär, der es zu etwas gebracht hat, aber ein durch und durch unsympathischer und schmieriger Mensch ist. Erfolg, so scheint es, kann man nur als schlechter Mensch haben. Formuliert wird die Botschaft des Filmes durch Latika. Hoffnung auf ein gutes Leben ist nicht gegeben, wenn man nicht bei Wer wird Millionär den Hauptpreis gewinnt. Einleitung und Ende des Filmes geben dieser Botschaft den letzten Dreh: Nur das Schicksal ist es, das Dich aus Deinem Elend reißen kann.

Durchmustert man den Film nach den ungeschriebenen Voraussetzungen der Freiheit, so fällt das Fehlen der Verantwortung im Slumdog Millionär ins Auge. Freiheit bedeutet nicht nur, die Möglichkeit und Qual der Wahl zu haben. Sie bedeutet, die Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen zu müssen. Unabhängig von einer rechtlichen Bewertung ist jede Handlung auch einer moralischen Bewertung zugänglich. Diese bestimmt, ob eine Handlung Lob oder Schande erfährt. Jeder setzt sich durch sein Tun dem Lob oder der Schande anderer aus. Problematisch ist es, wenn Verantwortung unpopulär wird, etwa indem Menschen gegenüber dem Tun ihrer Mitmenschen gleichgültig werden und von moralischer Bewertung absehen. Das ist immer der Fall, wenn das Tun der Menschen als alternativlos angesehen wird, etwa weil es die Umstände sind, die einen Menschen zum Handeln veranlassen. Die Ursache hierfür liegt in der Ablehnung von Verantwortung, die wiederum in der Angst vor verantwortlichem Handeln liegt. Wer Zweifel hat, in den Augen seiner Mitmenschen für seine Handlungen Lob erfahren zu können, der lehnt aus Angst die Verantwortung für das eigene Tun ab und sucht die Rechtfertigung seiner Taten in den Umständen. Die Angst vor Verantwortung ist ein Grund für die Angst vieler vor der Freiheit. Slumdog Millionär befriedigt die Nachfrage nach Rechtfertigungen für diese Angst. Während seine Zuschauer in Angst und Verantwortungslosigkeit verharren, hat er seine Macher reicht gemacht.


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