Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker.

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Die Ursache der Industriellen Revolution: Warum in England, warum im 18. Jahrhundert?

von Gérard Bökenkamp

Demographie, Energie und Preise

Die Industrialisierung ist wohl das bedeutsamste wirtschafts- und sozialhistorische Ereignis der Menschheitsgeschichte. Ohne Industrialisierung würden heute nicht über sechs Milliarden Menschen auf der Welt leben, ohne Industrialisierung wären wir immer noch abhängig vom Zyklus der Jahreszeiten und von den Schwankungen des Klimas. Die meisten Menschen würden immer noch auf dem Land leben und nicht in den Städten. Ein Großteil unseres Lebens würde sich um die tägliche Kalorienzahl drehen. Die Zahl der Güter, die wir darüberhinaus zu unserem Wohlergehen erwerben könnten, wäre sehr begrenzt. Die Industrialisierung hat das Leben der Menschen – wenigstens in den Industriestaaten, aber auch in den Entwicklungsländern – so radikal verändert, wie zuvor wohl nur die neolithische Revolution, als aus Jägern und Sammlern Bauern wurden.

Die Industrialisierung trat ihren Siegeszug im ausgehenden 18. Jahrhundert von  Großbritannien aus an. Die Frage, die sich stellt, lautet: Warum von dort und warum zu diesem Zeitpunkt? Robert C. Allen, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Oxford, hat in seinem in diesem Jahr erschienenen Buch „The British Industrial Revolution in Global Perspective" die Ursachen der Industriellen Revolution untersucht.Seine Darstellung zeigt, wie über Jahrhunderte hinweg die  Marktteilnehmer immer neue Antworten auf schwierige Ausgangsbedingungen suchen mussten und fanden. Aus diesen Antworten ergaben sich wiederum neue Komponenten, die durch unternehmerische Innovation neu kombiniert wurden. Der Weg zur Industrialisierung ist ein historisches Paradebeispiel dafür, wie der Markt aus der vorgegebenen Knappheit der Güter und Leistungen den optimalen Nutzen bewirkt – gesteuert nicht durch eine zentrale politische Planung, sondern durch den Mechanismus der Preisbildung.

Die Industrialisierung war die Reaktion auf ein im 18. Jahrhundert global einmaliges Preisgefüge, das wiederum die Folge der regionalen Knappheit von Arbeit war. So wies Großbritannien am Ausgang der Frühen Neuzeit zwei extreme Besonderheiten auf: global gesehen sehr hohe Löhne und extrem preiswerte Energie. Die Antwort des Marktes war logisch und einfach: Teure Arbeit wurde durch den Einsatz preiswerter Energie ersetzt – die Dampfmaschine ersetzte Körperkraft. Das ist das Geheimis der industriellen Revolution.

Selbst ungelernte Arbeiter hatten im 18. Jahrhundert in England einen im Vergleich relativ hohen Lebensstandard, waren relativ gut ernährt, was auf dem Kontinent nur in einigen Regionen wie Paris und Wien der Fall war. Der durchschnittliche Engländer verfügte über einen höheren Wohlstand als die Bevölkerung in Westeuropa, und einen enorm höheren Lebensstandard im Vergleich zu den Einwohnern Osteuropas, Südeuropas und Asiens. Die britische Wirtschaft war eine Hochlohn-Ökonomie.

Wie kam es nun zu dieser besonderen Ausgangslage? Der Lohn ist ein Preis und wie jeder Preis ergibt sich dieser aus Angebot und Nachfrage. Wenn die Nachfrage nach Arbeit langsamer wächst als das Angebot an Arbeitskräften, dann fallen die Löhne. Im Reich der Könige von England ist in der frühen Neuzeit die Nachfrage nach Arbeit offensichtlich schneller gestiegen als das Angebot zur Verfügung stehender Arbeitskräfte, was das Lohnniveau rasant in die Höhe schnellen ließ.

Die Ursache dafür ist im späten Mittelalter zu suchen. Nach dem Schwarzen Tod im 14. Jahrhundert und der damit verbundenen Entvölkerung stiegen die Löhne in ganz Europa an, weil Boden reichlich, Arbeitskraft aber knapp war. Das Lohnniveau fiel jedoch in den kommenden Jahrzehnten mit der rasanten Bevölkerungszunahme auf dem europäischen Kontinent. In Großbritannien vollzog sich der Bevölkerungsanstieg weniger sprunghaft. Während sich die meisten anderen Länder von dem Bevölkerungsrückgang bereits in der ersten  Hälfte des 15- Jahrhunderts erholten, blieb die Bevölkerungsdichte der den britischen Inseln bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts niedrig. Eine Ursache war das nordwesteuropäische Familienmodell. Das Heiratsalter von Frauen war in England relativ hoch und jede fünfte Frau blieb kinderlos.

Deshalb blieben Arbeitskräfte im Verhältnis zum Boden, der landwirtschaftlich bearbeitet werden konnte, knapp. Die Kosten der Beschäftigung blieben für die Grundbesitzer hoch und viele Flächen konnten nicht genutzt werden. Da Arbeitskräfte dauerhaft knapp waren und Arbeit teuer, lohnte es sich, Arbeit durch Kapital zu ersetzen und sich nach alternativen Nutzungsmöglichkeiten für brach liegende Flächen umzusehen. Die Schafzucht wurde aus diesem Grund zu einem weit verbreiteten Geschäftsmodell, das bald die englische Landschaft prägte. Die Wolle musste wiederum verarbeitet werden und wurde über London ins Ausland verschifft. Ende des 17. Jahrhunderts wurden vierzig Prozent der englischen Wollproduktion exportiert und die Wollproduktion machte fast 70 Prozent des gesamten Exports aus.

Dies führte zu Entstehung der vorindustriellen Industrie und zu einem Urbanisierungsschub. Im Jahr  1520 lebten in London etwa 55.000 Menschen, um 1600 waren es 200.000, um 1700 waren es etwa eine halbe und um 1800 über eine Million Einwohner, die zum großen Teil in der expandierenden Produktion und im Handel beschäftigt waren. Diese Expansion von Handel und Gewerbe in den urbanen Zentren führte dazu, dass die Löhne auch dann noch hoch blieben, als die Bevölkerung wieder ein starkes Wachstum aufwies. Das bedeutete, das mehr Menschen in den urbanen Zentren, vor allem in London, versorgt werden mussten, aber der Landwirtschaft durch die Abwanderung Arbeitskräfte verloren gingen. Wieder standen die Marktteilnehmer vor einer Herausvorderung, die sie mit großem Erfolg meisterten.

Der Zufluss von Kapital und die damit einhergehende steigende Kaufkraft der Stadtbevölkerung führte zu Investitionen in die Landwirtschaft und zu einer erheblichen Effizienzsteigerung, die die Abwanderung der Bevölkerung vom Land nicht nur ausglich, sondern überkompensierte. Weniger Menschen konnten mehr Menschen ernähren. Zwischen dem frühen 16. Jahrhundert und den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts verdoppelte sich die Produktion der Landwirtschaft, was zu der im globalen Vergleich hervorragenden Ernäherungslage der britischen Bevölkerung in diesem Zeitraum  führte. Um 1800 produzierte ein englischer Bauer genug, um zwei Arbeiter in den übrigen Wirtschaftsbereichen zu versorgen. Der geschätzte durchschnittliche  Kalorienverbrauch lag in England im ausgehenden 18. Jahrhundert täglich bei 2700, in Frankreich bei etwa 2300.

Durch die Urbanisierung und die verstärkte Handelstätigkeiten entstanden zwei weitere Komponenten:  Die eine betraf den Bildungsstand der Bevölkerung und die andere den Energieverbrauch. Da die Tätigkeiten im Handel und in den Manufakturen große Attraktivität besaßen, investierten immer mehr Briten Zeit und Geld in ihre Bildung und die Bildung ihrer Kinder. Schul- und Universitätsausbildung breiteten sich aus, die Alphabetisierung machte erhebliche Fortschritte und die Auflage mathematischer Lehrbücher wuchs deutlich. So entstand eine Schicht von Bürgern, die nicht nur lesen und schreiben konnten, sondern auch mit den Grundprinzipien der Mathematik und dem damaligen Stand der Naturwissenschaften vertraut waren. 

Aus dieser neuen Schicht gebildeter Bürger rekrutierte sich eine Gruppe von Erfindern, die nicht mehr nur an der Erkenntnis um der Erkenntnis willen interessiert waren, sondern nach praktischen technischen Lösungen für praktische unternehmerische Probleme suchten. Die  englischen Unternehmer suchten nach einer Möglichkeit, den Mangel an billigen Arbeitskräften auzugleichen. Ihre Lösung  war der Einsatz der preiswertesten Energiequelle, die zur Verfügung stand – der Kohle.

Die Entstehung dieses preiswerten Energieliferanten war ebenfalls die Folge unternehmerischer Innovation als Antwort auf eine durch die Knappheitsverhältnisse bestimmte Herausforderung: Wie konnte man eine Metropole wie London mit den wenigen Holzvorräten der Insel beheizen? In London kam auf einer relativ kleiner Fläche eine große Zahl von Haushalten mit einer vergleichsweise hohen Kaufkraft zusammen. Dies erhöhte zuerst erheblich die Nachfrage nach Feuerholz und ließ den Preis für Feuerholz ansteigen. Der Anstieg war auch deshalb sehr groß, weil die englischen Wälder schon früh abgeholzt worden waren. Das machte Kohle, die zunächst nur in kleinen Mengen abgebaut wurde, aber in großen Mengen vorhanden war, als Substitut interessant.

Die große Zahl von Haushalten begünstigte Innovation und rasante Fortschritte der Bautechnik. Es gelang schließlich, die Häuser mit Kohle zu beheizen und dabei die Belästigung durch Rauch zu vermeiden. Allen schreibt: „Londons Boom schuf den Anreiz auf Kohle umzustellen und unterstützte die Innovationen, die notwendig waren, um die damit verbundenen Probleme zu lösen.“ Dies war die Voraussetzung für einen breit angelegten effizienten Kohleabbau. Im Jahr 1560 wurden in England, Schottland und Wales 227 Tonnen Kohle abgebaut, im Jahre 1700 waren es fast 3.000 Tonnen und um 1800 über 15.000 Tonnen. Das führte dazu, dass Großbritannien nicht nur die höchsten Löhne der Welt, sondern auch die billigste Energieversorgung besaß.

Nun nehme man alle diese Komponenten zusammen: eine innovative Unternehmerschaft auf der Suche  nach Wegen, die hohen Lohnkosten durch Rationalisierung zu senken, eine mathematisch und naturwissenschaftlich gebildete Mittelschicht und die preiswerteste Kohleversorgung der Welt. Die Industrialisierung war die logische marktkonforme Konsequenz. Hätte man an irgendeinem historischen Moment dieser Entwicklung versucht, den Prozess einer zentralen Planung zu unterwerfen, wären die Folgen wohl im besten Falle Stagnation, im schlechtesten Falle eine soziale Katastrophe gewesen.

Eine zentrale Planungsgewalt hätte zum Beispiel versuchen können, durch Bevölkerungspolitik die Zahl der Arbeitskräfte zu erhöhen und damit die Löhne zu senken, oder die Urbanisierung durch Zuzugsbeschränkungen zu verhindern, oder Feuerholz zu rationieren. Keine dieser Maßnahmen hätte das zu Grunde liegende Problem gelöst, aber eine effektive Antwort auf die jeweilige wirtschaftliche und soziale Herausforderung behindert.

Der Markt führte nicht ins Paradies, aber seine Akteure machten aus der jeweiligen Situation das beste, optimierten in jeder Phase die vorhandenen Potentiale und kompensierten die Mängel.Die Erkenntnisse über den historischen Prozess der Industriellen Revolution geben die Zuversicht, dass die Marktteilnehmer auch auf die aktuellen Herausforderung fallender Geburtenraten, möglicher Energieengpässe und ökologischer Veränderungen im Bereich des Möglichen optimale Antworten finden werden – soweit die Politik das heute noch zulässt.

Literatur

Robert C. Allen: The British Industrial Revolution in Global Perspektive, Cambridge 2009.

20. Juli 2009

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Kommentare

Carl, am 20. Juli 2009 um 13:01 ( Link )

Welch eine Gnade des Schicksals, daß es damals noch nicht die Grünen gab. Diese hätten, im Angesicht von zigtausend Toten und Schwerverletzten durch die unbeherrschbare Risikotechnologie "Dampfdruckkessel" sicher einen Ausstieg aus diesem Wahnsinn gefordert.

Sie, werter Herr Bökenkampf, und ich wären in diesem Fall wohl gerade damit befaßt einen Ochsen über die paar Quadratmeter Acker eines adeligen Gutsherren zu treiben. Wahrlich keine sehr angenehme Vorstellung.

Radiergummi, am 20. Juli 2009 um 13:49 ( Link )

Welche Rolle spielten die britischen Kolonien?

Horst E. Böttcher, am 20. Juli 2009 um 14:00 ( Link )

Eine sehr schlüssige Erklärung für den Sprung in die Industriegesellschaft. Wer mal die Bücher jenes Schweizer Autoren von Däneken gelesen hat, stösst immer auf die Erklärung, dass die antiken Hochkulturen das Ergebnis von "Entwicklungshilfe" durch Raumfahrer gewesen sind. Nun haben die Theorien von Dänekens durchaus einige fundierte Fakten, aber selbst die wüstesten Verschwörungsanhänger werden behaupten, dass Ende des 18. Jahrhunderts Ufo-Besatzungen die Dampfmaschinen-Technologie gegen einige Barrel Scotch getauscht haben!

Zu den Ausführungen ist noch ergänzend anzumerken:

England hatte bereits ein rudimentäres, demokratisches System mit entsprechender Rechtssicherheit des Eigentums.

In England nimmt man auch heute noch "Spinner" ernster als in anderen Ländern, sodass zunächst verrückt anmutende Ideen leichter in die Praxis umgesetzt werden können.

Vielleicht sind ja auch die antiken Hochkulturen ähnlich wie die Industrialisierung Englands erklärbar, aber das zu untersuchen kann Historikern überlassen werden.

Wichtig für unsere Zeit ist, dass wir die durch demografische Entwicklung fehlenden Arbeitskräfte durch Innovationen ersetzen können.

Sven Adam, am 20. Juli 2009 um 16:17 ( Link )

Ohne Industrialisierung würden heute nicht über sechs Milliarden Menschen auf der Welt leben, ohne Industrialisierung wären wir immer noch abhängig vom Zyklus der Jahreszeiten und von den Schwankungen des Klimas. Die meisten Menschen würden immer noch auf dem Land leben und nicht in den Städten. Ein Großteil unseres Lebens würde sich um die tägliche Kalorienzahl drehen. Die Zahl der Güter, die wir darüberhinaus zu unserem Wohlergehen erwerben könnten, wäre sehr begrenzt.

Tja, und mit Industrialisierung?

Wir sind immer noch abhängig von den Schwankungen des Klimas: Je mehr es schwankt, desto teurer wird unser Leben durch CO2-Kompensationen. Wobei es egal ist, in welche Richtung das Klima schwankt.

Die meisten Menschen leben bald wieder auf dem Land. Weil es in den Städten zu teuer, zu migrantenfremdsprachig oder zu migrantengewalttätig wird. Die Landflucht ist nur ein Intermezzo.

Ein Großteil unseres Lebens dreht sich auch heute um die tägliche Kalorienzahl: Fit4Fun, SpeckWeg, Abnehmwunderpülverchen oder - ganz pervers - die "Briefe von Ana", die man im Internet finden kann und mit denen sich pubertierende Gerippe hirnwaschen lassen.

Die Zahl der Güter, die wir uns zu unserem Wohlergehen beschaffen können ist zwar nicht begrenzt. Nur bezahlen können wir sie nicht, weil wir zuvor Beamte und öffentlich Angestellte, Hartz4ler, Rentner, Arbeitslose, Asylbewerber, Schornsteinfeger bezahlen müssen.
(Ihr seid übrigens ab heute per Satzung zur Mitgliedschaft in meiner ganz persönlichen Wohlstandskammer verpflichtet, also her mit der Jahreskohle!!!)

Die Industrialisierung hat unserem technischen Umfeld etwas gebracht. Der Mensch hat sich kaum verändert: Da schau, die Höhlenmenschen der Swastika-Sippe kämpfen gegen international vereinte Neandertäler! Und das Bundesfinanzhörnchen legt Vorräte für den Winter an. Und die Politik pflegt ihre Dreifelderwirtschaft: Zwei Legislaturperioden Rot-Grün, eine Legislaturperiode Groß und dann wieder zwei Legislaturperioden Schwarz-Gelb. Nach der Menstruation geht's wieder von vorne los.

Stefan Miller, am 20. Juli 2009 um 16:33 ( Link )

@Sven Adam
wo leben Sie, daß Sie so vom Klima abhängig sind? Also ich kann zur jeder Jahreszeit Tomaten kaufen. Ich lebe in Deutschland, Mitteleuropa. Mir macht das Klima gar nichts.

LePenseur, am 20. Juli 2009 um 17:12 ( Link )

@Stefan Miller:

Also ich kann zur jeder Jahreszeit Tomaten kaufen.

Mag schon sein — aber der blaßrote Biomüll, der Ihnen im Supermarkt entgegenlacht, schmeckt dann auch danach ...

Ernst-Gottlieb von Emhofen, am 20. Juli 2009 um 19:59 ( Link )

Vielen Dank, Herr Bökenkamp, für diesen erhellenden Artikel! Ich wünschte nur, auch in der öffentlichen Wahrnehmung würde die Industrielle Revolution als grosser Fortschritt, statt als Dystopie erkannt werden.

Sven Adam, am 20. Juli 2009 um 20:34 ( Link )

@ Stefan Miller

Sie sind mir aber ein politisch Unkorrekter ;-)
Sicher kennen Sie folgenden Sachverhalt noch nicht (Warnung: Klimahysterie):

Die beheizten Glashäuser verbrauchen aber überproportional viel Energie.1 Ein Kilo Tomaten aus einem beheizten Treibhaus benötigt eine Energiezufuhr, die 9,3 kg CO2-Äquivalenten entsprechen. Selbst Paradeiser, die per Flugzeug z. B. von den Kanarischen Inseln geliefert werden, haben pro Kilo mit 7,2 kg CO2 einen geringeren Energieverbrauch. Ein kg Freilandtomaten aus der Region benötigt nur 85,7 g CO2-Äquivalente, werden sie auch noch biologisch aufgezogen, entstehen nur mehr 34 g.
Die Hors-Sol-Produktion in Gewächshäusern ohne Heizung verursacht 2,3 kg CO2-Äquivalente, Freilandtomaten aus Spanien beanspruchen/brauchen – trotz des Energieaufwandes für den LKW-Transport – gerade noch 600 g CO2. Womit beide deutliche Vorteile gegenüber inländischen Tomaten aus beheizten Glashäusern aufweisen.
Energieverbrauchssteigerung in der Landwirtschaft ist nicht nur in Österreich, sondern in nahezu allen Industrieländern zu verzeichnen. In Holland werden die Glashäuser nicht nur beheizt, sondern auch schon künstlich beleuchtet, um auch von Dezember bis März Gemüse produzieren zu können. Nimmt man Klimaschutz ernst, muss man diesem Trend entschieden entgegen wirken.

Sind Sie sicher, daß das Klima Ihr Eßverhalten nicht schon tomatologisch zwangshispanisiert hat? Weil es beim Discounter gar nix anderes mehr gibt?
Oder zahlen Sie für die Dreckschleuder "Tomate aus deutschen Landen" wirklich keinen Cent extra?

;-)

Sven Adam, am 20. Juli 2009 um 20:47 ( Link )

Und um mit dem oben gesagten an die Industrialisierung anzuknüpfen: Wie kämen denn die politisch korrekten Hispanotomaten ohne Industrialisierung und damit ohne Trucks und fliegende Ozonkiller in die Bioradikale Diktatur (BRD)?
Die Industrialisierung dürfte für Wollpullistricker und die Verfechter der Legalisierung der Phytoehe (Ehe mit Pflanzen) unerträglich, weil dank Effizienzsteigerung unverzichtbar sein. Der Trieb, den Dreck aus dem Auspuff an einer Leipziger Börse, deren Name mir gerade entfallen ist, dann wenigstens kompensieren oder emissionsberechtigen zu lassen, ist in jener Sippe ontogenetisch veranlagt. Mit Vernunft hat das freilich nichts zu tun.

Ich finde es faszinierend, daß man heute mit Rußpartikelablaßbriefen, die es ohne Industrialisierung nicht gäbe, neue Märkte erschließen kann. Vielleicht wird das die neue, inflationssichere Währung .... immerhin ist die Menge der Emissionszertifikate streng begrenzt.

// sarcasm off

Michael Schlenger, am 20. Juli 2009 um 23:29 ( Link )

Herzlichen Dank, Herr Bökenkamp,
für diesen ermutigenden Artikel. Man muss nicht alles großartig finden, was unsere britischen Freunde in den letzten 200 Jahren zuwege gebracht oder angerichtet haben, aber ein gewisses Talent, pragmatisch mit den Herausforderungen umzugehen, die hierzulande radikale Reflexe wie „Alles oder nichts“, „Ruhm und Ehre dem unbekannten Klimaforscher“ „Apokalypse oder Waldorf for ever“ auslösen, kann ihnen nicht abgesprochen werden.

Ich weiß, die Kinderarbeit in Waliser Kohlebergwerken, mit der man uns am humanistischen Lyzeum konfrontiert hat, darf nicht unerwähnt bleiben, auch nicht das Leiden indischer Rikschafahrer (obwohl böse Zungen sagen: Die Hindus wollen das so) und gewiss waren auch die Beiträge von Robert Louis Stevenson’s Rocket-Lokomotive zur lokalen Feinstaubbelastung weit über dem vertretbaren Maß.

Doch als Antiquitätensammler kann ich nur bestätigen: Die Vielfalt und Qualität englischer Alltagsgegenstände ab 1800, selbst industriell gefertigter, sucht in Europa ihresgleichen. Sie lässt nicht nur auf eine hochentwickelte Industrie schließen, die auch das Kunstgewerbe befruchtete, sondern spricht für einen beachtlichen Lebensstandard in der Breite, verglichen etwa mit den erbärmlichen Alltagszuständen, die noch bis in die frühen 1950er Jahre selbst in fruchtbaren Gegenden Deutschlands wie der hessischen Wetterau das Dasein der Landbevölkerung bestimmten (Kenner der Lokalhistorie werden mir vielleicht zustimmen, wenn ich sage, dass es heute unmöglich ist, zwischen Frankfurt und Kassel hochwertige Antiquitäten nicht-englischer Abkunft zu erwerben).

Nur eines mögen Sie mir nachsehen: Ihrer Feststellung, wonach die Industrialisierung das wohl bedeutsamste wirtschafts- und sozialhistorische Ereignis der Menschheitsgeschichte ist, möchte ich widersprechen. Hier würde ich die Aufbruchsstimmung und den Handelsgeist des von griechischer Kultur geprägten Mittelmeerraums als noch wichtiger für das moderne Europa veranschlagen. Ohne den ungeheuren Unternehmergeist, den Wagemut und das wettbewerbliche Denken in den griechischen Poleis des 8. bis 5. Jahrhunderts v.u.Z. würde es das Europa der Renaissance, der Aufklärung und des Liberalismus, wie wir es schätzen, vielleicht nicht geben…
Viele Grüße
aristodemos

TrebMelsa Fördermitglied, am 21. Juli 2009 um 6:50 ( Link )

@ Carl

Das ist schon richtig, wenn es damals die Grünen gegeben hätte, was dann?
Aber sind Sie nicht ein wenig optimistisch? Wenn es die Grünen gegeben hätte und deshalb keine industrielle Revolution stattgefunden hätte, dann würden die wenigsten von uns heute Ochsen treiben, sondern der überwiegende Teil der heute lebenden Menschen wäre überhaupt nicht geboren worden.
Ohne die Industrialisierung kein solcher medizinischer Fortschritt und keine verbesserte Wohlfahrt für die Menschen. Unsere Vorfahren hätten zu einem großen Teil nicht überlebt und uns nicht zeugen können.
Meinen Dank an Industrialisierung und Manchesterliberalismus!

vonclausewitz, am 22. Juli 2009 um 10:58 ( Link )

Ich frage mich, warum die Ökos und Klimaschützer nicht schon längst ihre Heiligenfigur in Pol Pot gefunden haben, wie es den Linken mit dem Che gelungen ist.

Mal sehen: Deindustrialisierung, Deurbanisierung, Abkehr vom Privatbesitz, eine totalitäre Heilslehre, eine radikalisierte Jugend und eine umweltschonend-nachhaltige Methodologie des Terrors (von der Elektrizizäz in den Gefängnissen abgesehen).

karen meiser, am 29. Juli 2009 um 10:28 ( Link )

...dass die Marktteilnehmer auch auf die aktuellen Herausforderung fallender Geburtenraten, möglicher Energieengpässe und ökologischer Veränderungen im Bereich des Möglichen optimale Antworten finden werden – soweit die Politik das heute noch zulässt.

Schübe einer "Industrialisierung" gab es bei vielen aufstrebenden Völkern in deren Übergangsperiode der Kultur zur Zivilisation, und diese wird es auch in Zukunft geben.

Jene "Marktteilnehmer" - offensichtlich meinen sie die monetaristisch ausgerichteten anonymen Individuen europider Abstammung, welche früher in Sippen, Ständen, Völkern, Klassen und Rassen organisiert waren - weisen tatsächlich "fallende Geburtenraten" auf. Es gibt aber mittlerweile auch andere "Marktteilnehmer", und die werden aus dem brauchbaren Restmüll der angloeuropäischen Industrialisierung und aller anderen Industrialisierungen eine eigene Weltmacht aufbauen.

Das war bisher nie anders in der Geschichte, und da auch das derzeitige europäische Untergangsszenario erschreckend analog zu dem früherer Hochkulturen ist, wird es auch diesmal keine Ausnahme geben.

...sondern der überwiegende Teil der heute lebenden Menschen wäre überhaupt nicht geboren worden.

Exakt: Entstehung der Massengesellschaft und damit zwangsläufiges Abgleiten von Kulturhöhe ins Fellachentum, Auflösung der tradierten Gemeinschaft, Geburtenschwund, Degeneration, Verweichlichung, Monetarismus, Individualismus ... Untergang des Eigenen und Aufstieg des Anderen.

Und der verständnislose Blick der Individualisten nach dieser Feststellung: Wer ist denn hier der "Eigene" und wer der "Andere"?


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