20. Juli 2009

Die Ursache der Industriellen Revolution Warum in England, warum im 18. Jahrhundert?

Demographie, Energie und Preise

Die Industrialisierung ist wohl das bedeutsamste wirtschafts- und sozialhistorische Ereignis der Menschheitsgeschichte. Ohne Industrialisierung würden heute nicht über sechs Milliarden Menschen auf der Welt leben, ohne Industrialisierung wären wir immer noch abhängig vom Zyklus der Jahreszeiten und von den Schwankungen des Klimas. Die meisten Menschen würden immer noch auf dem Land leben und nicht in den Städten. Ein Großteil unseres Lebens würde sich um die tägliche Kalorienzahl drehen. Die Zahl der Güter, die wir darüberhinaus zu unserem Wohlergehen erwerben könnten, wäre sehr begrenzt. Die Industrialisierung hat das Leben der Menschen – wenigstens in den Industriestaaten, aber auch in den Entwicklungsländern – so radikal verändert, wie zuvor wohl nur die neolithische Revolution, als aus Jägern und Sammlern Bauern wurden.

Die Industrialisierung trat ihren Siegeszug im ausgehenden 18. Jahrhundert von  Großbritannien aus an. Die Frage, die sich stellt, lautet: Warum von dort und warum zu diesem Zeitpunkt? Robert C. Allen, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Oxford, hat in seinem in diesem Jahr erschienenen Buch „The British Industrial Revolution in Global Perspective" die Ursachen der Industriellen Revolution untersucht.Seine Darstellung zeigt, wie über Jahrhunderte hinweg die  Marktteilnehmer immer neue Antworten auf schwierige Ausgangsbedingungen suchen mussten und fanden. Aus diesen Antworten ergaben sich wiederum neue Komponenten, die durch unternehmerische Innovation neu kombiniert wurden. Der Weg zur Industrialisierung ist ein historisches Paradebeispiel dafür, wie der Markt aus der vorgegebenen Knappheit der Güter und Leistungen den optimalen Nutzen bewirkt – gesteuert nicht durch eine zentrale politische Planung, sondern durch den Mechanismus der Preisbildung.

Die Industrialisierung war die Reaktion auf ein im 18. Jahrhundert global einmaliges Preisgefüge, das wiederum die Folge der regionalen Knappheit von Arbeit war. So wies Großbritannien am Ausgang der Frühen Neuzeit zwei extreme Besonderheiten auf: global gesehen sehr hohe Löhne und extrem preiswerte Energie. Die Antwort des Marktes war logisch und einfach: Teure Arbeit wurde durch den Einsatz preiswerter Energie ersetzt – die Dampfmaschine ersetzte Körperkraft. Das ist das Geheimis der industriellen Revolution.

Selbst ungelernte Arbeiter hatten im 18. Jahrhundert in England einen im Vergleich relativ hohen Lebensstandard, waren relativ gut ernährt, was auf dem Kontinent nur in einigen Regionen wie Paris und Wien der Fall war. Der durchschnittliche Engländer verfügte über einen höheren Wohlstand als die Bevölkerung in Westeuropa, und einen enorm höheren Lebensstandard im Vergleich zu den Einwohnern Osteuropas, Südeuropas und Asiens. Die britische Wirtschaft war eine Hochlohn-Ökonomie.

Wie kam es nun zu dieser besonderen Ausgangslage? Der Lohn ist ein Preis und wie jeder Preis ergibt sich dieser aus Angebot und Nachfrage. Wenn die Nachfrage nach Arbeit langsamer wächst als das Angebot an Arbeitskräften, dann fallen die Löhne. Im Reich der Könige von England ist in der frühen Neuzeit die Nachfrage nach Arbeit offensichtlich schneller gestiegen als das Angebot zur Verfügung stehender Arbeitskräfte, was das Lohnniveau rasant in die Höhe schnellen ließ.

Die Ursache dafür ist im späten Mittelalter zu suchen. Nach dem Schwarzen Tod im 14. Jahrhundert und der damit verbundenen Entvölkerung stiegen die Löhne in ganz Europa an, weil Boden reichlich, Arbeitskraft aber knapp war. Das Lohnniveau fiel jedoch in den kommenden Jahrzehnten mit der rasanten Bevölkerungszunahme auf dem europäischen Kontinent. In Großbritannien vollzog sich der Bevölkerungsanstieg weniger sprunghaft. Während sich die meisten anderen Länder von dem Bevölkerungsrückgang bereits in der ersten  Hälfte des 15- Jahrhunderts erholten, blieb die Bevölkerungsdichte der den britischen Inseln bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts niedrig. Eine Ursache war das nordwesteuropäische Familienmodell. Das Heiratsalter von Frauen war in England relativ hoch und jede fünfte Frau blieb kinderlos.

Deshalb blieben Arbeitskräfte im Verhältnis zum Boden, der landwirtschaftlich bearbeitet werden konnte, knapp. Die Kosten der Beschäftigung blieben für die Grundbesitzer hoch und viele Flächen konnten nicht genutzt werden. Da Arbeitskräfte dauerhaft knapp waren und Arbeit teuer, lohnte es sich, Arbeit durch Kapital zu ersetzen und sich nach alternativen Nutzungsmöglichkeiten für brach liegende Flächen umzusehen. Die Schafzucht wurde aus diesem Grund zu einem weit verbreiteten Geschäftsmodell, das bald die englische Landschaft prägte. Die Wolle musste wiederum verarbeitet werden und wurde über London ins Ausland verschifft. Ende des 17. Jahrhunderts wurden vierzig Prozent der englischen Wollproduktion exportiert und die Wollproduktion machte fast 70 Prozent des gesamten Exports aus.

Dies führte zu Entstehung der vorindustriellen Industrie und zu einem Urbanisierungsschub. Im Jahr  1520 lebten in London etwa 55.000 Menschen, um 1600 waren es 200.000, um 1700 waren es etwa eine halbe und um 1800 über eine Million Einwohner, die zum großen Teil in der expandierenden Produktion und im Handel beschäftigt waren. Diese Expansion von Handel und Gewerbe in den urbanen Zentren führte dazu, dass die Löhne auch dann noch hoch blieben, als die Bevölkerung wieder ein starkes Wachstum aufwies. Das bedeutete, das mehr Menschen in den urbanen Zentren, vor allem in London, versorgt werden mussten, aber der Landwirtschaft durch die Abwanderung Arbeitskräfte verloren gingen. Wieder standen die Marktteilnehmer vor einer Herausvorderung, die sie mit großem Erfolg meisterten.

Der Zufluss von Kapital und die damit einhergehende steigende Kaufkraft der Stadtbevölkerung führte zu Investitionen in die Landwirtschaft und zu einer erheblichen Effizienzsteigerung, die die Abwanderung der Bevölkerung vom Land nicht nur ausglich, sondern überkompensierte. Weniger Menschen konnten mehr Menschen ernähren. Zwischen dem frühen 16. Jahrhundert und den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts verdoppelte sich die Produktion der Landwirtschaft, was zu der im globalen Vergleich hervorragenden Ernäherungslage der britischen Bevölkerung in diesem Zeitraum  führte. Um 1800 produzierte ein englischer Bauer genug, um zwei Arbeiter in den übrigen Wirtschaftsbereichen zu versorgen. Der geschätzte durchschnittliche  Kalorienverbrauch lag in England im ausgehenden 18. Jahrhundert täglich bei 2700, in Frankreich bei etwa 2300.

Durch die Urbanisierung und die verstärkte Handelstätigkeiten entstanden zwei weitere Komponenten:  Die eine betraf den Bildungsstand der Bevölkerung und die andere den Energieverbrauch. Da die Tätigkeiten im Handel und in den Manufakturen große Attraktivität besaßen, investierten immer mehr Briten Zeit und Geld in ihre Bildung und die Bildung ihrer Kinder. Schul- und Universitätsausbildung breiteten sich aus, die Alphabetisierung machte erhebliche Fortschritte und die Auflage mathematischer Lehrbücher wuchs deutlich. So entstand eine Schicht von Bürgern, die nicht nur lesen und schreiben konnten, sondern auch mit den Grundprinzipien der Mathematik und dem damaligen Stand der Naturwissenschaften vertraut waren. 

Aus dieser neuen Schicht gebildeter Bürger rekrutierte sich eine Gruppe von Erfindern, die nicht mehr nur an der Erkenntnis um der Erkenntnis willen interessiert waren, sondern nach praktischen technischen Lösungen für praktische unternehmerische Probleme suchten. Die  englischen Unternehmer suchten nach einer Möglichkeit, den Mangel an billigen Arbeitskräften auzugleichen. Ihre Lösung  war der Einsatz der preiswertesten Energiequelle, die zur Verfügung stand – der Kohle.

Die Entstehung dieses preiswerten Energieliferanten war ebenfalls die Folge unternehmerischer Innovation als Antwort auf eine durch die Knappheitsverhältnisse bestimmte Herausforderung: Wie konnte man eine Metropole wie London mit den wenigen Holzvorräten der Insel beheizen? In London kam auf einer relativ kleiner Fläche eine große Zahl von Haushalten mit einer vergleichsweise hohen Kaufkraft zusammen. Dies erhöhte zuerst erheblich die Nachfrage nach Feuerholz und ließ den Preis für Feuerholz ansteigen. Der Anstieg war auch deshalb sehr groß, weil die englischen Wälder schon früh abgeholzt worden waren. Das machte Kohle, die zunächst nur in kleinen Mengen abgebaut wurde, aber in großen Mengen vorhanden war, als Substitut interessant.

Die große Zahl von Haushalten begünstigte Innovation und rasante Fortschritte der Bautechnik. Es gelang schließlich, die Häuser mit Kohle zu beheizen und dabei die Belästigung durch Rauch zu vermeiden. Allen schreibt: „Londons Boom schuf den Anreiz auf Kohle umzustellen und unterstützte die Innovationen, die notwendig waren, um die damit verbundenen Probleme zu lösen.“ Dies war die Voraussetzung für einen breit angelegten effizienten Kohleabbau. Im Jahr 1560 wurden in England, Schottland und Wales 227 Tonnen Kohle abgebaut, im Jahre 1700 waren es fast 3.000 Tonnen und um 1800 über 15.000 Tonnen. Das führte dazu, dass Großbritannien nicht nur die höchsten Löhne der Welt, sondern auch die billigste Energieversorgung besaß.

Nun nehme man alle diese Komponenten zusammen: eine innovative Unternehmerschaft auf der Suche  nach Wegen, die hohen Lohnkosten durch Rationalisierung zu senken, eine mathematisch und naturwissenschaftlich gebildete Mittelschicht und die preiswerteste Kohleversorgung der Welt. Die Industrialisierung war die logische marktkonforme Konsequenz. Hätte man an irgendeinem historischen Moment dieser Entwicklung versucht, den Prozess einer zentralen Planung zu unterwerfen, wären die Folgen wohl im besten Falle Stagnation, im schlechtesten Falle eine soziale Katastrophe gewesen.

Eine zentrale Planungsgewalt hätte zum Beispiel versuchen können, durch Bevölkerungspolitik die Zahl der Arbeitskräfte zu erhöhen und damit die Löhne zu senken, oder die Urbanisierung durch Zuzugsbeschränkungen zu verhindern, oder Feuerholz zu rationieren. Keine dieser Maßnahmen hätte das zu Grunde liegende Problem gelöst, aber eine effektive Antwort auf die jeweilige wirtschaftliche und soziale Herausforderung behindert.

Der Markt führte nicht ins Paradies, aber seine Akteure machten aus der jeweiligen Situation das beste, optimierten in jeder Phase die vorhandenen Potentiale und kompensierten die Mängel.Die Erkenntnisse über den historischen Prozess der Industriellen Revolution geben die Zuversicht, dass die Marktteilnehmer auch auf die aktuellen Herausforderung fallender Geburtenraten, möglicher Energieengpässe und ökologischer Veränderungen im Bereich des Möglichen optimale Antworten finden werden – soweit die Politik das heute noch zulässt.

Literatur

Robert C. Allen: The British Industrial Revolution in Global Perspektive, Cambridge 2009.


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