20. Juli 2009

Nachrichtenstudio Das ZDF, die Hölle und das ewige Tempo

Ein Gehege zur Vermeidung menschlicher Kollateralschäden

Blau ist’s in der grünen Hölle. An solche Lyrik muss sich gewöhnen, wer das ZDF begreifen will. In der vergangenen Woche präsentierte der Mainzer Sender seine jüngste 30-Millionen-Euro-Investition. Das neue Studio für die Nachrichtsendungen „heute“, „heute journal“ und „heute nacht“, demnächst auch für das „ZDF Mittagsmagazin“ und die ZDF-Kindernachrichten „logo!“, verschlang die stolze Summe. Entstanden ist ein 690 Quadratmeter großer Raum mit 300 Scheinwerfern und einer giftgrünen Rückwand. Der Computer projiziert auf diese jenen zartblauen Hintergrund, vor dem dann die Moderatoren zu stehen scheinen.

Keine neue Erkenntnis ist es, dass im Fernsehen nur der Schein wahr ist. Und schon Adorno erkannte spontan, das Fernsehen mache aus Menschen Zwerge. Erst nun aber ist die Verzwergung so weit fortgeschritten, dass der Homo sapiens als bloßer Effekt, als ephemere Rechenleistung ersichtlich wird. Er ist eine Störquelle, der das ZDF ein minimal störanfälliges Biotop baute, ein Gehege zur Vermeidung menschlicher Kollateralschäden.

Zentral nämlich ist nicht, was der Mensch im senderintern „grüne Hölle“ getauften Studio vollbringt, sondern was der Computer in dieses hinein berechnet. Der Moderator ist Teil der Kulisse, Teil der Projektionsfläche. Einem einzigen Befehl gehorcht der Mensch als Kulissentier: Störe die Bewegung nicht.

Bewegen muss sich hier alles. Stillstand, also Reflexion, wäre der Tod des Nachrichtenformats, das genau deshalb Bilder liebt und Gedanken meidet. Schon die im Vorspann bildschirmfüllend tickende Uhr wurde zu diesem Zweck aufgehübscht. Dem Sekundenzeiger saust ein wachsender, tortenstückförmiger Lichtkegel voraus, der von gelb zu weiß changiert. Bei Glockschlag sieben explodiert er, verschlingt die Uhr und verwandelt sich in jene Zeilen, die den hinzu addierten blauen Hintergrund durcheilen, vor dem der Moderator schon steht. Die Zeit, nur die Zeit ist das Rohmaterial, aus dem die Sendung gemacht wird.

Keine Ruhe findet auch die Kamera. Moderator Steffen Seibert spricht, während sie sich an ihn bis zum Nahformat heranzoomt. Erst der Wechsel zum Beitrag beendet die Fahrt, und dieser wiederum beginnt akustisch schon, während das aufgeklappte, eingespielte Bild sich noch zur Bildschirmgröße auswächst und den Ansager verdrängt. Fließend müssen die Übergänge sein, denn alles soll fließen, nichts darf rasten.

Einigermaßen unerheblich ist es im Reich der Tempi, zu welchen Themen sich die Effekte fügen. Am Samstag waren die drei wichtigsten öffentlich-rechtlichen Nachrichtengeschichten: ein Erdrutsch in Sachsen-Anhalt, die Schweinegrippe auf Mallorca, das Verbot der Himmelslaternen in Nordrhein-Westfalen.

Wenn Moderator oder Moderatorin einen zugeschalteten oder leibhaftig vorhandenen Experten befragen, können sie den meterlangen nusshölzernen Tisch verlassen, der ansonsten wie ein erdwärts geschwungener Rock ihrem Becken entwächst. Dass er so deutlich unterhalb der Hüfte endet, lenkt den Blick auf die nunmehr unbeholfen schlaksig wirkenden Arme. Wohin damit?

Gundula Gause ordnet akribisch die Blätter, die sie auf zwei Häuflein angeordnet hat. Nach jeder Meldung, die der Teleprompter vorgibt, schiebt sie ein Blatt vom rechten auf den linken Haufen. Kollege Seibert kommt mit einem Stapel aus und muss die Arme also stärker im Zaum halten.

Jeder Gang lässt den imaginären Bewegungsmelder von grün auf gelb wechseln. Der Mensch wird zum Risikofaktor, will auch er sich bewegen, will er es den dünnen Linien gleichtun, auf denen im Hintergrund alle zehn Sekunden ein kleines grafisches Paket vorbeigeschickt wird, von rechts nach links.

Angekommen am Ende des Tisches, muss der Moderator ins Leere sprechen. Er dreht sich dorthin, wo der Computer uns den Experten montiert. Wir sehen den Moderator unvorteilhaft im Profil, den Experten auf dem schwebenden Monitor aber en face. Schlagender könnte die Künstlichkeit nicht vermittelt werden: Hier begegnen zwei Effekte einander, die sich gerade nicht im Blick haben.

An die nämliche leere Stelle kann der Computer für uns auch ein dreidimensionales Modell, eine Animation, eine Grafik setzen. Seibert wurde so scheinbar zum Vis-a-vis des Mondes, auf den eine winzige Flugzeugsimulation und eine winzige Raketensimulation sich zu bewegten. So konnte man lernen, dass ohne Geschwindigkeit der Mensch nicht vom Fleck und schon gar nicht zum Mond gelangt.

Urplötzlich stand Seibert dann wieder vor den Zeilen mit den fliehenden Päckchen, an der Nussbaumholztischbahn. War hier vielleicht schon eingetreten, was Redaktionsleiter Elmar Theveßen angekündigt hatte? Einzelne Elemente würden mitunter vorproduziert, „damit nichts schief geht“. Womöglich war Seiberts Kontakt mit Mond und Raumfahrt ein Einspieler, war es eine geschickt montierte Insel aus der Vergangenheit mitten im Live-Ereignis.

Filme, schrieb einmal Siegfried Kracauer, sind „niemals das Produkt eines Individuums“, und sie richten sich an die „anonyme Menge“. Darum erschlössen sie „Tiefenschichten der Kollektivmentalität.“ Mit dem Fernsehen verhält es sich kaum anders. Das Kollektiv, das zusammen kommt, erfährt sich als eine Gemeinschaft der Fliehenden, Rasenden. Dem Publikum tritt im Fernsehen Zeit als Inhalt und Tempo als Botschaft entgegen. Wer Inhalte sucht, der darf nicht zur grünen Hölle fahren.


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