| |||||
![]() Jg. 1969, Journalist und Buchautor, www.alexander-kissler.de ef-Sucheef-EinkaufspartnerWenn Sie ef-online unterstützen möchten, starten Sie bitte Ihre Amazon-Einkäufe mit Klick auf diesen Button: ef auf FacebookBesuchen Sie uns auch auf Facebook: |
Lebensmittelimitate: Unsre täglich GallertmasseVon Analog-Käse und anderem Fortschritt Lange hat es gedauert, doch selbst Louis de Funès konnte ihn nicht aufhalten. Nun ist Monsieur Tricatel der Herr über unser aller Essen. Er lebe also hoch, der einfallsreiche Jacques Tricatel, seine vor 33 Jahren schnöde besiegte Idee sei gepriesen! Damals amüsierte sich halb Europa über Tricatels Fabriken. Dort verwandelte man weiße Gallertmasse mittels Farb- und Geschmacksstoffen in knusprige Hähnchen. Wie auf einer Lackieranlage wurden die falschen Gummiadler an einer Düse vorbeigeschoben, aus der sich giftiges Braun entlud. Und Louis de Funès verzog die Miene, schnitt Grimassen, als er heimlich Zeuge war. Sein Part war der des Restaurantkritikers Duchemin, dem alle Technik wider die französische Seele ging. Tricatels Aufstieg vollzog sich lange schon in unseren Mündern. Nun erst aber wurde offenbar: Was wir für Käse hielten, war eine Analog-Käse betitelte Mischung aus Wasser, Eiweiß, Pflanzenfett, Stärke und den unvermeidlichen Geschmacksverstärkern und Farbstoffen. Kleine Garnelen krümmten sich fein, hatten aber einen Leib aus Fisch- und Hühnereiweiß, Surimi genannt. Und die Wasabi-Erdnuss trug kein Kleid aus japanischem Meerrettich, sondern aus Algenkonzentrat, aufgepeppt mit Aroma und abermals Geschmacksverstärkern und Farbstoffen. Vom Schinken, der rosa prangte und den doch nur eine wüste Melange verschiedener Fleischreste die Form gab, wollen wir ganz schweigen. Der gescheiterte Held aus „Brust oder Keule“ triumphiert heute. Den Fabriken, kaum den Weiden oder Meeren ist entsprungen, was billig in die Mägen rieselt. Groß war darob der Aufschrei. Belogen werde man stets und betrogen, ein neuer Tiefpunkt im renditeversessenen Umgang mit Lebensmitteln sei erreicht. Sehen wir ungerechtfertigterweise einmal davon ab, dass anders als auf großindustriell-synthetische Weise die Konsumentengier nach wohlfeiler Kalorienzufuhr nicht befriedigt werden kann, jeder einzelne Käufer also über seinen Warenkorb die Produktionsbedingungen reguliert – sehen wir davon ab, so bleibt noch immer die abkühlende Erkenntnis: Früher war es nicht besser. Darüber belehrt mich „Spemanns Schatzkästlein des guten Rats“ von 1892. Das wunderbare Kompendium will „alle diejenigen Erfahrungen und Kenntnisse sammeln und systematisch darstellen, welche das tägliche Leben, insbesondere das tägliche Leben der deutschen Familie fordert.“ Ausnahmslos klar, wohl erwogen und erschöpfend seien die Antworten. Das Buch, immerhin 828 Seiten stark, hebt an mit „Unser Haus“, fährt fort mit „Die Gesundheit“, leitet über zu „Die Haushaltung“ und „Am Schreibtisch“, um schließlich, vorbei an „Unsre Tiere als Hausfreunde“, „Der Hausgarten“, „Die gute Lebensart“ und „Erziehung und Berufswahl“, bei „Unser Recht“ und „Spiele“ friedlich zu landen. Ausführlich behandelt werden „die ganz unglaublichen Verfälschungen der Lebensmittel, gegen die es kaum ein Mittel gibt, als dass man seine Einkäufe nur in bedeutenden, lange bestehenden und stark besuchten Häusern macht und sich bei diesen auch hält.“ Dennoch sei gegen die „geradezu genial zu nennenden Verfälschungen“ oft kein Kraut gewachsen. Kaffeebohnen etwa werden „durch Kupfer gefärbt, um ihnen die grünliche Farbe des echten, guten Kaffees zu geben“. Zimt hingegen werde durch „Holz von Zigarrenkisten oder Mandelschalen“ ersetzt, auch klarer Essig werde oft gestreckt. Das Mehl sei derart häufig falsch, dass der Volksmund ein Spottgedicht geprägt habe: „Wer nie sein Brot mit Gipsmehl aß…“ Heute stehen die Dinge, alles in allem, weit besser. Die meisten Tricks enthüllen sich, versteht man die Zutatenliste zu studieren. Offensichtlich lügnerische Angaben sind eher selten, der große Rest an Empörung verdankt sich leseunwilligen Kunden. Und zweitens ist die breite Straße, die von Spemann zu Tricatel und weiter zu den Lebensmittelmultis führt, die nämliche, auf der der Fortschritt einher stolziert. Meint er nicht stets eine wachsende Uniformität, eine zunehmende Entscheidungspflicht, den Sieg der Zwecke über die Mittel? 27. Juli 2009 Unterstützen Sie ef-onlineHat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien. Testen Sie eigentümlich freiProminente Autoren und kantige Kolumnisten wie Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Frank Schäffler schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht. Diesen Artikel teilenAnzeigen |
| |||
| Copyright © 2010 Lichtschlag Verlag KG | Design and Programming by greybyte, using Django and Performancing's Modernpaper template. | |||||