30. Juli 2009

Rezension Jan Fleischhauer – von einem, der aus Versehen dann doch kein Rechter wurde

Über infantilen Konservatismus

Bei Renegaten ist immer Vorsicht angesagt. Wenn sich ein etablierter „Spiegel“-Journalist medienwirksam als neuer Konservativer outet, der von seinen linken Lebenslügen und einer ebensolchen Vergangenheit Abschied nimmt, gilt dies erst recht. Der Autor Jan Fleischhauer, Jahrgang 1962 und immerhin schon seit 1989 beim Hamburger Magazin angestellt, kann flott erzählen – vorausgesetzt, man gewinnt der typischen „Spiegel“-Sprache etwas ab. Letztlich bleibt man nach der Lektüre aber etwas ratlos zurück. Warum berichtet uns Fleischhauer so viel von seiner Mutter, einer echten Vorzeige-Linken, die mittlerweile aber aus der SPD ausgetreten ist? Mutterliebe, gut, die ist ja weder rechts noch links, doch irgendwann nervt diese Bewältigung familiärer Probleme dann doch. Dass Herr Fleischhauer seine Mutter liebt, ehrt ihn. Doch darüber muss man ja kein Buch schreiben, sondern kann beispielsweise ein Gedicht zum Muttertag aufsagen.

Wäre Fleischhauer wirklich mutig, würde er also etwas wagen, beispielsweise seinen sicherlich gut dotierten Job, dann hätte er ein Buch mit dem Titel „Unter Linken. Von einem, der aus Versehen rechts wurde“ geschrieben. Denn hieran lässt sich doch der ganze verkrampfte deutsche Diskurs über links und rechts schön illustrieren. Links darf man sein, auch wenn man darüber schmunzelt, dass in Fleischhauers linker Familie Fast Food und Zitrusfrüchte aus politisch unkorrekten Ländern verboten waren. Das Gegenteil von links ist aber nun mal rechts, und nicht etwa konservativ. Beim Lesen beschleicht einen der Gedanke, dass der Autor vielleicht konservativ geworden ist, weil dies mittlerweile schicker und moderner ist. Wer will denn auch schon ein solch piefiger Linker à la Lafontaine oder Gysi sein? Damit ist heute kein Staat zu machen.

Fleischhauers Buch ist deshalb so belanglos, weil es noch mal die längst geschlagenen Schlachten der Vergangenheit Revue passieren lässt. Die Linke ist heute nicht mehr so wie vor 30 Jahren, doch Fleischhauer redet wie früher die Großväter, die vom Ersten oder Zweiten Weltkrieg berichteten. Diese neue Linke, die anders vorgeht als beispielsweise die 68er und sich unter anderem bei ATTAC etc. wieder findet, erwähnt der Autor mit keinem Wort, so als gäbe es sie nicht.

Fleischhauers Buch ist zu lang, zu zahm, es behandelt zu viele Themen, die schon ein wenig nach Gammelfleisch riechen, und er kann keine positive Begründung dafür liefern, dass er – angeblich – konservativ geworden ist. Wer nur wegen einer linken Mutter schließlich in die politische Mitte driftet, der ist infantil. Es erstaunt, dass die politische Substanz eines nicht eben unbedeutenden Mannes beim „Spiegel“ so dünn ist. Ein launiger Essay in „Spiegel“-Manier auf sechs bis acht Seiten wäre besser gewesen. Vielleicht leidet Fleischhauers Buch aber nur unter der politischen Beliebigkeit, die auch bei dem Hamburger Magazin schon seit längerem zu konstatieren ist. Als Springer noch rechts und der „Spiegel“ links waren, war die Welt vielleicht nicht besser, aber doch kantiger. Aber die „Welt“-Journalisten, so lesen wir bei Fleischhauer, wären heute zum größten Teil sowieso viel lieber bei der „Süddeutschen“ angestellt. Ziemlich traurig, aber wahr.

Literatur

Jan Fleischhauer: Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde. Rowohlt-Verlag: Reinbek bei Hamburg 2009. 16,90 Euro. ISBN 978-3-498-02125-2


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