Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

ef investigativ

Haben Sie Informationen oder Dokumente für uns? Hier können Sie unserem Investigativ-Team eine Nachricht schreiben.

investigativ@ef-magazin.de

ef-Einkaufspartner

Wenn Sie ef-online unterstützen möchten, starten Sie bitte Ihre Amazon-Einkäufe mit Klick auf diesen Button:

ef auf Facebook

Besuchen Sie uns auch auf Facebook:
facebook.com/efmagazin

ef Television

Wehrpflicht II: Der Einsatz in Afghanistan und die Sprachlosigkeit der Politik

von Gérard Bökenkamp

Vom trinitarischen Krieg zum „Low Intensity Conflict“

Die Politik in Deutschland klammmert sich in fast allen Bereichen von der Sozialversicherung über die Tarifverträge, die Altersversorgung bis hin zur Wehrpflicht an Institutionen, die auf Entwicklungen im 19. Jahrhundert zurückgehen und ein Stück weit bis heute die Wirklichkeit der damaligen Zeit widerspiegeln – aber eben nicht die gesellschaftliche Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts. Die Politik verweigert sich der Erkenntnis, dass eine Phase der Geschichte vorbei gegangen ist und eine neue begonnen hat. In dieser Phase verändert sich nicht nur der Arbeitsmarkt, der demographische Aufbau und die Kommunikation, sondern auch die Art und Weise, wie gewaltsame Konflikte ausgetragen werden. Dies ist der größte Umbruch seit 200 Jahren.

In den Jahren zwischen 1793 und 1815 änderte der Krieg grundsätzlich seinen Charakter. Bis dahin gab es eine allgemeine Wehrpflicht in der uns bekannten Form nicht, sondern die stehenden Heere bestanden aus geworbenen und zum Teil gepressten Berufssoldaten. Erst die „Levée en masse“ nach der französischen Revolution zwang alle übrigen Staaten zur Schaffung von Massenheeren, um nicht von den napoleonischen Truppen überrollt zu werden. Hinter der allgemeinen Wehrpflicht stand die Idee, dass in einem Krieg eine Nation mit all ihren Menschen und Ressourchen einer anderen Nation mit all ihren Menschen und Ressourcen gegenübersteht. Der bekannte israelische Militärhistoriker Martin van Creveld nannte das den „trinitarischen Krieg“. Dahinger stand die Vorstellung von der Einheit von Staat, Volk und Armee. Eben das Ende des trinitarischen Krieges in unseren Tagen lässt die Wehrpflicht zu einem Anachronismus werden, die sich genauso überlebt hat, wie die umlagefinanzierten Alterssicherungssysteme.

Im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderte drehte sich ein Großteil der politischen Handlung darum, Bündnisse mit anderen Großmächten für den Kriegsfall zu schließen. Der Krieg zwischen den Großmächten in Europa war eine permanente Möglichkeit. Jede Erschütterung des internationalen Systems konnte zu einem Erdbeben gigantischen Ausmaßes führen. Daraus erklärte sich die Notwendigkeit, große stehende Heere ständig unter Waffen zu halten. Im  Zweiten Weltkrieg erreichte diese Konfliktform ihren traurigen Höhepunkt – aber auch im gewissen Sinne seinen Endpunkt. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wandelte sich das Bild grundlegend – der Guerillakrieg wurde zur vorherrschenden Konfliktform. Der konventionelle Krieg zwischen Staaten wurde zu einer seltenen Randerscheinung. Begünstigt wurde das durch den Umstand, dass die Gefahr des Einsatzes von Massenvernichtungewaffen, vor allem von Atomwaffen, konventionelle Kriege zu einem unkalkulierbaren Risiko machten. Statt sich direkt zu attackieren setzen die Großmächte von nun an auf Stellvertreterkriege wie den Vietnam- oder den ersten Afghanistankrieg.

US-Präsident Richard Nixon schaffte die Wehrpflicht ab, weil sich im Laufe der Vietnamkrieges herausstellte, dass eine Wehrpflichtarmee psychologisch den Anforderen eines fernen Dschungelkrieges nicht gewachsen war. Er kalkulierte richtig, dass die Massenproteste der Studenten an den Universitäten vor allem dadurch motiviert waren, dass diese nicht kämpfen wollten. Die potentiellen Rekruten hatten kein persönliches Interesse daran, in einem fernen Land für eine abstrakte sicherheitspolitische Doktrin wie die „Dominotheorie“ zu kämpfen, von der bis heute umstritten ist, ob sie richtig oder falsch war. Mit der Abschaffung der Wehrpflicht gingen auch die Proteste deutlich zurück. Seitdem setzen die USA und immer mehr NATO-Staaten auf Freiwillige statt auf Wehrpflichtige.

Der moderne „Low intensity conflict“, also die Auseinandersetzung mit Warlords, Terroristen und Guerilla-Truppen, verlangt nach militärischn Profis und nicht nach „Staatsbürgern in Uniform“. Peter Strucks Aussage, Deutschland werde auch am Hindukusch verteidigt, wurde verständlicherweise von vielen als unfreiwillig komisch empfunden. Denn die Einsätze in Afghanistan und auf dem Balkan haben mit „Landesverteidigung“ im klassischen Sinne nichts zu tun. Dieser Verweis auf die angebliche Landesverteidigung am Hindukusch ergab sich aus dem Umstand, dass die Landesverteidigung juristisch, politisch und psychologisch als Rechtfertigung anerkannt ist. Interventionskriege sind hingegen umstritten und bei der Mehrheit der Deutschen wohl etwa so populär wie die Atomkraft.

Das Dilemma der deutschen Außenpolitik lässt sich so zusammenfassen: Gegenüber den USA als Bündnispartner möchte die Bundesregierung zur Teilnahme an militärischen Interventionen nicht rundweg nein sagen, gegenüber der deutschen, eher pazifistisch ausgerichteten Öffentlichkeit möchte die Bundesregierung zum Mittel des Interventionskrieges nicht offen ja sagen. Also schweigt sie sich über Ziel, Zweck, Mittel und Dauer des Afghanistaneinsatzes und der andern internationalen Einsätze lieber aus. Sie zieht es vor, schlecht ausgerüstete und psychologisch unzureichend vorbereitete Soldaten in Krisengebiete zu schicken, statt die Armee grundlegend neu zu strukturieren.

Eine Armee ist kein Selbstzweck. Umfang und Aufbau ergeben sich aus der gestellten Aufgabe. Schließlich würde auch niemand eine Fabrik unterhalten, ohne zu wissen, was am Ende für ein Produkt produziert werden soll. Wenn das Ziel der Bundeswehr weiterhin nur die Landesverteidigung wäre, könnte man sie auf ein Minimum reduzieren, denn ein direkter konventioneller Angriff auf die Bundesrepublik ist so gut wie ausgeschlossen. Wenn das Ziel der Sicherheitspolitik ist, interventionsfähig zu sein, dann müsste die Bundeswehr komplett umstrukturiert werden. In dem einen Fall reichte neben der Luftwaffe eine freiwillige Miliz, im anderen Fall bräuchte man eine moderne, gut ausgerüstete und gut bezahlte Berufsarmee.

Da aber schon die Diskussion über militärische Gewalt bei vielen Bürgern negative Gefühle verursacht und die Regierung Angst vor schlechter Stimmung beim Wähler hat, vermittelt man von offizieller Weise weiter den Eindruck, als handle es sich beim Einsatz in Afghanistan um eine Aktion des technischen Hilfwerks zum Aufbau der Infrastruktur, während sich die Situation für die Truppen vor Ort offenbar immer weiter zuspitzt. Auf diese Weise drücken sich die politisch Verantwortlichen vor einer offenen politischen Diskussion darüber, worin die Aufgabe und der Zweck der Armee bestehen soll. 


03. August 2009

Unterstützen Sie ef-online

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien.
Klicken Sie hier für Informationen zur Fördermitgliedschaft.

Testen Sie eigentümlich frei

Prominente Autoren und kantige Kolumnisten wie Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Frank Schäffler schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht.

Diesen Artikel teilen

Anzeigen