04. August 2009

Steinmeier und der Dalai Lama Der Kandidat, der Buddhist und die politische Archäologie

Zweifelnde Anmerkungen

Die fünfte Jahreszeit hat begonnen, die närrischste von allen, der Wahlkampf. Sehr nass war der Sommer bisher, da soll wenigstens auf den Zielgeraden karibisches Flair herrschen. Zuständig hierfür erklärt hat sich der künftighin gewesene Kanzlerkandidat, Steinmeier mit Namen. Er versprach denen, die ihn wählen werden, eine Vertreibung der Arbeitslosigkeit aus Deutschland bis zum Jahr 2020. Hohn und Spott waren die Folge.

Für mindestens einen Tag also gab es erhitzte Gemüter hier, schwitzende Genossen da. „Die Arbeit von morgen“ nennt das Team Steinmeier die 67-seitige Fleißarbeit. Exakt vier Millionen neue Arbeitsplätze sollen in den nächsten exakt elf Jahren entstehen, und zwar exakt zwei Millionen davon in der produzierenden Industrie.

Exakt eine Million soll der Gesundheitssektor beisteuern und exakt eine weitere Million die „Kreativwirtschaft“ einschließlich der Logistik. Ganz ohne Frage: Die nicht zu Unrecht im Ruf mangelnder Zahlentreue stehenden Sozialdemokraten wollen ein Klischee vom Sockel stoßen.

Dumm nur, dass sie damit in jene, nunmehr selbstgestellte Falle tappen, die ihnen sonst der politische Gegner aufbaut. Die Berechnung ist purer Talmi, da niemand um sämtliche Parameter weiß, die bis 2020 zu Abbau oder Zunahme der Beschäftigung beitragen werden.

Vielleicht gibt es dramatische Einbrüche in dem einen, die jeglichen Zuwachs in dem anderen Bereich zunichte machen. Vielleicht drohen Ölkrise, Terror, Entvölkerung, vielleicht sind die Mittel prinzipiell untauglich – vor allem aber: Wie soll aus einer 20- eine 40-Prozent-Partei werden, die allein ein Minimum an Macht hätte, um den „Deutschland-Plan“ umzusetzen?

Die trotzige Fixiertheit auf Zahlen, die man nicht durchschaut, die Weigerung, deren prekären Charakter einzusehen, aber auch das Beharren auf dem illusionären Ziel Vollbeschäftigung zeigen leider: Die SPD betreibt Klientelismus ohne Klientel.

Es käme heute darauf an, einen neuen Begriff von Arbeit politisch zu verankern – einen Arbeitsbegriff, der sich nicht im Erwerben erschöpft, der auch den Tausch, das gemeinnützige, das zweckfreie musische und das karitative Tun miteinbezieht. An die alten, obsolet gewordenen Ziele klammert sich nur, wer eine gleichfalls vergangene Klientel vor Augen hat, den Arbeiter am Fließband, den Angestellten in Lebensdauerstellung.

In dieser Hinsicht gleicht die SPD einem anderen Phänomen dieser Tage, dem Glückskeks-Philosophen mit dem lächelnden Kassengestell. Der Dalai Lama kam wieder einmal über Deutschland, woraus erhellt, dass der Reinkarnierte mit der Vertretung seiner tibetischen Landsleute nicht ausgelastet ist – oder aber trotz anderweitiger Beteuerungen gerne missionierend auf Reisen geht.

Diesmal hinterließ er ein Defizit von 150.000 Euro; die rund 10.000 Besucher an jedem der vier Frankfurter Predigttage in der Commerzbank-Arena deckten die Unkosten nicht. In Marburg wurde es billiger, wo er im Landgrafenschloss aus gewiss ehrenwerten Gründen vom Fachbereich Fremdsprachliche Philologien die Ehrendoktorwürde verliehen bekam.

Auch der Dalai Lama geriert sich als Sendbote aus einer Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat und die nie war. Man verschließe einfach die Augen, plaudere höflich, aber unbestimmt, und gebe der vorgestellten Zielgruppe, was diese zu hören wünscht: Nach solcher Methode verfahren der Kandidat und der Buddhist. Zweifelnde, Zögernde, Denkende können sie so nicht gewinnen.

Darum sind die Schauspiele von Berlin, Frankfurt, Marburg von Tragik umweht. Der Tanz auf dem Vulkan schreitet voran, und ihrer beider gemeinsame Antwort ist das blinzelnde Beharren auf der Welt von gestern: ein Fall für Archäologen.


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