Alexander Kissler

Jg. 1969, Journalist und Buchautor, www.alexander-kissler.de

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Routenrhetorik: Vom Wandern

von Alexander Kissler

Ein Reh, ein Salamander, ein Hase …

Unten feierte das Dorf sein Winzerfest, oben machte die Sonne die Vögel verrückt, und dazwischen, der Erde näher als dem wolkenlosen Horizont, bergaufwärts unter dem Tannendach, setzte ich einen Fuß vor den nächsten. Ein Samstag war es, da ich wanderte und also von mir absah. Wandern heißt, sich Zeichen anvertrauen, die andere setzten.

Das können jene Holzschilder sein, die der Pfälzerwaldverein errichtet hat, oder das örtliche Fremdenverkehrsamt. Ein Reh, ein Salamander, ein Hase in der Raute weist den jeweiligen Weg. Manchmal sind es auch nur Ziffern, die Drei auf blauem, die Vier auf gelbem Grund, oder aber Miniaturausgaben von Straßenschildern, die wissen, wohin der Mensch zu laufen hat: zur Annakapelle, zum Teufelsstein, zum Trifelsblick.

Am Beginn des Wanderns, das schrittweise von der lärmenden Festgemeinde emanzipiert und also Freiheit herstellt, steht der vertrauensvolle Entschluss, sich einer Route und damit einer Markierung anzuvertrauen. Während des Wanderns muss man vertrauen, dass die markierenden Männer nicht vor der Zeit die Lust verloren und dass kein übermütiger Geselle die Schilder vertauschte, versteckte, sie stahl.

An jeder Weggabelung reckt der Wanderer den Blick steil aufwärts, in alle Richtungen. Nicht immer findet sich der Hinweis, mal ist er überwuchert, mal fehlt er ganz, weil die Markierenden den Fortgang genau hier oder exakt dort stillschweigend voraussetzten. Dann heißt es der Witterung vertrauen, die man noch eben, im Tale, gar nicht hatte. Meist folgt die glückliche Erkenntnis: Ja, so ist es richtig gewesen.

Die Tannen weichen den Laubbäumen und diese den Tannen. Von der hochsommerlichen Hitze bleibt ein heller Widerschein von sehr weit oben her. Die Sonnenbrille, unverzichtbar in den Gassen, macht hier blind. Kühl ist es und wäre kühler noch, pumpte das überraschte Herz nicht so energisch Blut in die Körperpfade. Der Atem meldet sich zu Wort, gibt geheime Kunde den Bäumen und Felsen. Keine Silbe verlässt den Leib, im Gleichmaß reden die Glieder, die Muskeln. Das Auge ruht sich aus am Grün.

Oben dann, auf der Anhöhe, die Kapelle im Rücken, darf es wieder die ganze Palette aufsaugen, das Blau und das Weiß und das Rot und die hellen Strahlen hineinlassen in einen froh ermatteten Leib. In der Tiefe liegt das Dorf, das jetzt nur der schüchterne Appendix ist unbegrenzter Himmelsfläche. Laut sind sie, die Menschlein, man hört sie spielen und musizieren, doch nur als sanfter Schall dringen sie empor.

Alles Behauptende, Anmaßende, das sonst in groben Gebärden sich ballt, bleibt dem talwärts Blickenden verborgen. Der kleinste Vogel kann das Echo übertönen, und Vögel gibt es mehr hier als Menschen.

Nun wird der erfahrene Wanderer mäkeln. Wandern auf der Vereine Route sei bloß ein Spazierengehen, und überhaupt beginne das rechte Wandern nach der fünften oder sechsten Wanderstunde, allerfrühestens. Auch das Mäkeln aber dringt nicht hoch bis hierher.

Ich weiß, bald schon sitze ich dort unten, spüre Pflasterstein statt Nadelteppich und werde wieder kantiger mich bewegen, ruckweise reden. Doch an einem kurzen Sommersamstag war ich Teil der Wanderseelen, die – nach einem Worte Béla Balázs’ – die Räder sind, „auf denen die Welt, die auch noch lange nicht fertig ist, weiterkommt.“

12. August 2009

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