22. August 2009

Demographie Personen mit und ohne Migrationshintergrund und ihr Nachwuchs

Warum verschiedene Geburtenziffern trotz gleicher Gesetze?

Die öffentliche Debatte um die als schlecht bezeichneten demographischen Daten Deutschlands erschließt sich für den Liberalen erst, wenn man sich den Standpunkt der Debattierenden ins Gedächtnis ruft. Dazu ist die Rückkehr in kollektivistische Denkmuster erforderlich. Dies ist eine Kunst, hat man doch viel Zeit und Mühe darauf verwendet, eine individuelle Perspektive zu gewinnen. So hat etwa das Rentensystem nur deshalb ein demographisches Problem, weil es sich um eine kollektivistische Zwangsumlage handelt. Nur unter der Prämisse seiner Beibehaltung ist überhaupt relevant, wie viele potentielle Einzahler in Deutschland geboren werden. Der Zusammenbruch des Wohlfahrtstaates durch unbeschränkte Zuwanderung in die Sozialsysteme ist undenkbar, wenn man nicht auf Zwang basierende Sozialsysteme voraussetzt. Sinkende Geburtenziffern als Problem anzusehen, weil befürchtet wird, dass in zwanzig Jahren nicht ausreichend viele potentielle Arbeitskräfte vorhanden sind, funktioniert nur, wenn man implizit einen geschlossenen deutschen Arbeitsmarkt voraussetzt.

Andererseits kann eine liberale, ökonomische Betrachtung leicht Parameter zu Tage fördern, die auf die Geburtenziffer Einfluss nehmen. Die Sozialisierung der Kosten der Altersvorsorge in Form einer Zwangsumlage mindert den Anreiz, privat vorzusorgen. Menschen werden weniger sparen und auch auf alternative Wege verzichten, den Lebensabend erträglich zu gestalten. Ein traditioneller alternativer Weg der Altersvorsorge ist die Alimentierung aus den Einkommen der eigenen Nachkommen. Mittelbar bewirkt das Vorhandensein gesetzlicher Rentenkassen einen Rückgang der Fertilität. Andererseits setzt der Staat diverse ökonomische Anreize, die sich steigernd auf die Fertilität auswirken. Solche Anreize sind immer dann gegeben, wenn Eltern die Kosten ihrer Kinder nicht voll oder gar nicht tragen müssen. Die Liste solcher Anreize ist lang und reicht von Frau von der Leyens Erziehungsgeld über das Kindergeld, die Familienversicherung der Krankenkassen bis hin zur steuerfinanzierten Schule und subventionierten Kindergärten.

Nun gelten die die Geburtenrate beeinflussenden Gesetze in der ganzen Republik und betreffen daher alle Einwohner in gleichem Maße. Gleichwohl wird häufig von kritischen Gegnern der Zuwanderung vorgetragen, dass die Geburtenraten innerhalb des Teils der Bevölkerung mit Migrationshintergrund doch teils erheblich abweichen. In der Folge beziehen sich Zuwanderungskritiker dann auf Zukunftsszenarien, die von Überfremdung, dem Untergang judäo-christlicher Kultur, dem Verfall westlicher Zivilisation und sogar der schleichenden Unterwerfung des Abendlandes durch den Islam gezeichnet sind. Dem vom Statistischen Bundesamt herausgegebenen Migrationsbericht 2007 sind hierzu einige die Richtung weisende Daten zu entnehmen. So liegt der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund (Ausländer und Eingebürgerte) in Deutschland bei ca. 18,7 Prozent. Personen mit Migrationshintergrund sind mit einem durchschnittlichen Alter von 34,3 Jahren außerdem deutlich jünger als jene ohne Migrationserfahrung (44,9 Jahre). Sie stellen weiter rund ein Drittel in der Gruppe der unter Fünfjährigen. Ähnlich sieht es bei den Neugeborenen aus.

Da die vom Staat zur Beeinflussung der Geburtenziffer ge- und missbrauchten ökonomischen Gesetze für Menschen allgemein gelten, stellt sich die Frage, warum die bundesdeutschen Gesetze die Geburtenrate im zugewanderten Anteil der Bevölkerung nicht ebenso absenken wie unter dem anderen Teil. Dazu ist zunächst zu vermerken, dass die Bewertung monetärer Vorteile immer subjektiv erfolgt. Je einhundert Euro haben nicht immer den gleichen Wert, sondern erscheinen dem Millionär womöglich wenig und dem Sozialhilfeempfänger vielleicht sehr viel. Ein abschließendes Urteil zu dieser Bewertung kann der Außenstehende nicht treffen, denn sonst wäre die Wertzumessung kein subjektives Erleben.

Da Personen mit Migrationshintergrund durchschnittlich eine schlechtere Bildung genossen haben, ist ein geringeres Einkommensniveau zu unterstellen. 12,6 Prozent haben keinen allgemeinen Schulabschluss und 46,0 Prozent keinen beruflichen Abschluss (Personen ohne Migrationshintergrund: 1,6 Prozent beziehungsweise 21,2 Prozent), wobei in allen Fällen die sich noch in Ausbildung Befindenden unberücksichtigt bleiben. Aus dem geringeren Einkommensniveau lässt sich die oben dargestellte höhere subjektive Bewertung staatlicher monetärer Transfers mutmaßen. Das Kindergeld etwa bedeutet daher einen wesentlich stärkeren ökonomischen Anreiz bei Wenig- als bei Vielverdienern. Das gleiche gilt für den Wert staatlicher Beschulung. Ein Wenigverdiener zieht aus der Subvention durch die Gegebenheit öffentlicher Schulen samt Schulpflicht einen höheren ökonomischen Nutzen als ein Vielverdiener, der die Kosten einer privaten Ausbildung leichter schultern kann. Zusätzlich muss man Familien mit mehr als einem Kind ein besonderes ökonomisches Verhalten bescheiden. Die Kosten des zweiten Kindes sind ungleich geringer als die des ersten Kindes, denn ein wesentlicher Teil der für das erste Kind angeschafften Ausstattung lässt sich ohne weiteres an nachfolgende Kinder weitergeben. Kleidung lässt sich durch jüngere Geschwister auftragen, Spielzeug weiterbenutzen. Hier ergeben sich ökonomische Skaleneffekte, die sich auch im Hinblick auf die Kinderbetreuung ausmachen lassen: Eine Mutter, die zur Betreuung eines Kindes zu Hause bleibt, kann weitgehend problemlos weitere Geschwister betreuen, ohne dass zusätzliche Kosten anfielen. Die durchschnittliche Haushaltsgröße von Personen mit Migrationshintergrund beträgt dementsprechend 2,5 (2,0 bei den anderen Personen).

Aus der geringeren Bildung ergibt sich ein zusätzlicher Faktor für eine höhere Geburtenziffer unter den Personen mit Migrationshintergrund. Je länger die Ausbildung der Heranwachsenden und jungen Erwachsenen dauert, umso länger dauert es, bis ein Einkommen erzielt werden kann, von dem Nachwuchs ernährt werden kann. Geringere Bildung ist mit kürzeren Ausbildungsdauern verknüpft und erlaubt die raschere Gründung einer Familie. Freilich hat dies unmittelbar nur solange Einfluss, wie die Ausbildungsdauer im Prozess der Verlängerung begriffen ist, aber keinen mehr, wenn sich die Dauer der Ausbildung auf einem bestimmten, wenn auch langen, Niveau eingependelt hat. Die unter höher Gebildeten später einsetzende Nachwuchsplanung verkürzt jedoch den zur Verfügung stehenden Zeitraum, in welchem Paare Eltern werden können und wollen.

Auch im Hinblick auf das Rentensystem sind einige Unterschiede bemerkenswert. Die negativen Auswirkungen der Zwangsrente auf die Geburtenziffer treffen nur diejenigen, welche rentenversicherungspflichtig sind. Menschen mit Migrationshintergrund im Alter von 25 bis 65 Jahren sind seltener erwerbstätig (64,8 Prozent gegenüber 75,8 Prozent) und häufiger erwerbslos (10,6 Prozent gegenüber 5,8 Prozent) bzw. stehen als Nichterwerbstätige dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung (24,6 Prozent gegenüber 18,3 Prozent). Die Daten können in diesem Bezug freilich nur einen groben Eindruck hinsichtlich der unterschiedlichen Auswirkungen der Zwangsrente vermitteln. Es mangelt hier an genauerem Datenmaterial, das nicht bloß nach Erwerbstätigkeit, sondern nach Beitragspflichtigkeit differenziert.

Nach diesem kursorischen Überblick lässt sich behaupten, dass die exemplarisch untersuchten bundesrepublikanischen Gesetze auf die Geburtenziffer einen umso belebenderen Einfluss haben, je geringer das Einkommen und beziehungsweise oder der Bildungsstand der Betroffenen ist. Bereits aus der Tatsache heraus, dass Personen mit Migrationshintergrund durchschnittlich in den unteren Schichten von Bildung und Einkommen anzutreffen sind, lässt sich die höhere Geburtenziffer erklären. Wohlgemerkt handelt es sich hierbei allein um ökonomische Gründe. Erklärungen, die Kultur oder Religion als Gründe für unterschiedliche Geburtenziffern nutzbar machen, werden nicht gebraucht. Die Möglichkeiten, auf die Geburtenziffer allein durch die Abschaffung umverteilender Regelungen und Zwangssysteme so Einfluss zu nehmen, dass ein anderes Ergebnis erzielt wird, sind vorgezeichnet.

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