25. August 2009

Politjargon Deutschland auf Safari

Über Löwen und Bettvorleger

Er konnte es nicht lassen: Kandidat Frank-Walter Steinmeier sprach im „Interview der Woche“ im „Deutschlandfunk“: Die CSU sei „als bayerischer Löwe gesprungen und als Bettvorleger gelandet“ – gemeint war der wenig folgenreiche bayrische Widerstand gegen das EU-Begleitgesetz zum Reformvertrag von Lissabon.

Die Staatsfinanzen wären saniert, müsste jeder Politiker, der das Zotteltier und den Teppich in einem Satz verwendet, hundert Euro zahlen. Millionenbeiträge kämen rapide zusammen, denn niemand kann dem Griff in die rhetorische Mottenkiste widerstehen. Mit einem süffisanten Lächeln, mit hochgezogener Braue, mit effektvoller Pause danach, Beifall heischendem Blick in die Runde wird der Uraltwitz präsentiert. Und, tatsächlich, er funktioniert: Gerne wird das schlohweiß gewordene Bonmot von der Presse zum „Zitat des Tages“ oder zur Zwischenüberschrift veredelt. Trifft Langeweile auf Einfallslosigkeit, geht das selten gut – wohl aber hier, im unbesiegbaren Safarislang.

Besonders oft ist die CSU Objekt des Instantwitzes. Das landestypische Wappentier mit Mähne trägt dazu bei. „Michael Glos wird als Bettvorleger landen“, kicherte Guido Westerwelle im September 2006 aus längst vergessenem Anlass. Besagter Glos jedoch durfte sich über derlei Spottversuch nicht wundern. Er selbst hatte anno 1998, kurz vor Gerhard Schröders Kanzlerschaft, den damaligen Ministerpräsidenten von Niedersachsen mit derselben Floskelformel traktiert: Schröder sei „kein Löwe von der Leine, sondern der Bettvorleger von Oskar Lafontaine“.

Weniger Tage vor Steinmeier ennuierte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, das Publikum mit der Variante, „der Seehofer“ sei „als bayerischer Löwe abgesprungen und als europäischer Bettvorleger gelandet.“ In einer anderen Causa am selben Objekt erprobte die bayerische SPD in Gestalt Florian Pronolds ihre Witzischkeit: Schon als Gesundheitsminister habe Seehofer gebrüllt wie ein Löwe, „und dann ist er gelandet als Bettvorleger der Pharmaindustrie.“

Auch unter den ehemaligen Partnern der rot-grünen Koalition lebt das erlahmte Steppentier fort. Jürgen Trittin wusste onkelhaft von Peer Steinbrück zu berichten, dieser „startete als Löwe und endete als Bettvorleger.“ In nicht mehr zu rekonstruierbarer Weise sollte damit eine Aussage zum Steuerstreit mit der Schweiz vorgetäuscht werden.

In Deutschland böte kein Zoo Platz für das unabsehbare Löwenheer. Der Bettvorleger wäre als Begriff längst verschwunden, würde er nicht täglich im Politikermund reanimiert. Beide zusammen sollen sie einen Hauch von Verwegenheit ins Sprachspiel bringen, eine Ahnung von Großwild, Pirsch und heißem, heißem Sand. Die Aktentasche soll sie zum Gewehr, die Büroklammer zum Schießpulver wandeln. Schließlich ist der Bettvorleger der gewesene, der erlegte Löwe, und schadenfroh triumphieren will der schmunzelnde Leichenbeschauer von der politischen Konkurrenz, herabblickend auf soviel zertrümmerten Scheinmut.

Verweilt man bei dem verblassten Bild, dann fällt es zurück auf den, der es wieder und wieder zeichnet. Es ist Platzhalter für eine Leerstelle. Wo jeder Gedanke fehlt, der über ein bloßes „Geschieht ihm ganz recht“ hinausginge, da sollen Löwe und Bettvorleger die inszenierte Schadenfreude in eine humorvolle Großtat umgießen. Den Gegner hat es zerlegt, ich kann mir an ihm nur noch die Füße abstreifen: Diese imperialistische Geste bildet den Grund von soviel Nachplapperei.

Natürlich wird das Bild ebenso schnell versendet, wie es Tag um Tag aus tieferen Bewusstseinsschichten hervorgeholt wird. Dass es aber ein unverzichtbarer Teil des Politikjargons geblieben ist, belegt einmal mehr: Dort und nur dort hat die falsche Pose des Eisenhans ihre Stätte. Politisch geht es zu, wenn echte Kerle einander zur Strecke bringen. Das Publikum ist andernorts.


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