Alexander Kissler

Jg. 1969, Journalist und Buchautor, www.alexander-kissler.de

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SPD: Die Sozialdemokraten und die christliche Wissenschaft

von Alexander Kissler

Hoffnung für die Hoffnungslosen

Der gestrige Wahlabend bot die bekannten Bizarrerien. Eine kleine Landsmannschaft im äußersten Südwesten der Republik verabschiedete sich aus dieser und folgte lieber Oskars Flötentönen, ein thüringischer Ministerpräsident betrauerte seine Niederlage derart gläsern, dass man jenen, die ihn nicht wählten, durchaus auch die Sorge um des Patienten Althaus Gesamtbefinden unterstellen kann, und für Sachsen interessierte man sich kaum, weil CDU und SPD ihr altes Ergebnis zu konservieren wussten und „Die Linke“ ein wenig zusammengestaucht wurde. Wann immer aber ein Herr mit roter Krawatte in die Kamera lugte und lachend sich zur SPD bekannte, lautete die fabulöse Botschaft: Wir sind wieder da.

Einen „Rückenwind“ für sich will Kanzlerkandidat Steinmeier erkannt haben und einen Dämpfer nur für die anderen: „Schwarz-gelb ist nicht gewollt in diesem Lande.“ Das sei ein guter Tag für die Sozialdemokratie. Generalsekretär Heil legte nach, „keine der Forderungen, die die Menschen mit Schwarz-Gelb verbinden, ist in diesem Land mehrheitsfähig.“ Parteivorsitzender Müntefering erblickt in den Resultaten einen „Riesen-Fortschritt“, und die nordrheinwestfälische Landesvorsitzende Kraft kommentierte das historisch schlechteste Ergebnis ihrer Partei bei den Kommunalwahlen mit den Worten: „Ich bin zufrieden.“

Tatsächlich hat die SPD in Sachsen mit Mühe und Not die Zehn-Prozent-Marke erklommen, erreichte sie im Saarland mit 24,5 Prozent ebenso ein historisches Tief wie mit den nordrhein-westfälischen 29,4 Prozent. Lediglich in Thüringen legte sie deutlich um vier Punkte auf nun 18,5 Prozent zu. In der Summe beträgt der Rückstand der „alten Tante“ auf die gleichfalls gebeutelte christdemokratische Konkurrenz zwischen zehn und 30 Prozentpunkte.

Der Rückenwind, der Riesen-Forschritt, die neue Zufriedenheit kann sich also nur auf den Umstand beziehen: Es gibt uns noch. Immer mal wieder macht der Wähler auch bei uns ein Kreuz. Die Wahlkampfkostenerstattung ist nicht gefährdet, die Rubrik „Andere“ bleibt anderen Parteien vorbehalten, man hält uns die Mikrofone früh entgegen.

Die Sozialdemokratie hält sich ihre fortgesetzte Existenz zugute. Das ist nicht nichts – das „Zentrum“ etwa und die „Christiane Democrazia Cristiana“ sind von der politischen Bildfläche verschwunden. Anno 2009 aber ist derlei Lob ein reichlich anspruchsloses Geschäft. Erklären lässt es sich nur damit, dass die SPD seit ihrer Gründung sich als die einzig wahre Volkspartei begreift und aus Gründen der Selbstachtung daran auch dann festhalten muss, wenn das Volk in weiten Teilen ihr den Rücken zuwendet.

Dort aber, wo das Volk ist und also nicht die SPD, erscheint die Selbstbeschwörung zunehmend als eine Übung im Gesundbeten. Bekanntlich hielt die Gründerin der „Christlichen Wissenschaft“, Mary Baker Eddy, das fortwährende Gebet für den besten Schlüssel zur seelischen wie körperlichen Gesundung. Noch heute bietet die „Kirche Christi, Wissenschafter“ zu diesem Zweck sowohl „Praktiker“ an als auch „Pfleger“.

Was religiös funktionieren mag oder nicht, ist politisch ein Zeichen autosuggestiver Wahrnehmung. Wird das Volk je zurückfinden zu einer Partei, die ganz offensichtlich große Schwierigkeiten damit hat, die Welt so wahrzunehmen, wie sie nun einmal ist? Ruft man gerne nach dem Doktor, der einen Arzt bräuchte?

Literatur

Dummgeglotzt: Wie das Fernsehen uns verblödet

Deutschlandtheater: Politik und Zeitvergehen 2008/09

31. August 2009

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