10. September 2009

Björn Böhning Von der Schulbank in den Bundestag

Die Eigenwerbung eines prototypischen modernen Sozialdemokraten

In Kreuzberg-Friedrichshain zeigt sich, wie degeneriert dieses Land wirklich ist. Nirgendwo in der deutschen Hauptstadt gibt es eine höhere Bevölkerungsdichte und so viele soziale Probleme. Außerdem: brennende Autos, gescheiterte Integration, offiziell zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit. In Wirklichkeit dürften es noch viel mehr sein. Wenn irgendwo in Deutschland die Zahl der Nettoprofiteure des Sozialstaats die der Nettozahler übertrifft, dann hier. In Kreuzberg ist es „normal“, an der „Titte“ der Wohlfahrt zu hängen – und gleichzeitig Steine auf „Bullen“ zu werfen. Kurz: ein Wahnsinnsbezirk.

Viel ist in der Öffentlichkeit über den politischen Showdown im Wahlkreis Kreuzberg-Friedrichshain, zu dem auch ein Zipfel vom Prenzlauer Berg gehört, geschrieben worden. Meistens geht es um den Platzhirsch Hans-Christian Ströbele, der Paradiesvogel und Linksextremist in einem ist. Rechte schauen hoffnungsvoll auf die selbsternannte Libertäre Vera Lengsfeld, die für die CDU als absolute Außenseiterin antritt und mit ihrem Dekolleté-Plakat eine Menge Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Ob das für den Wahltag reicht? Es wäre ihr zu wünschen.

Björn Bohning steht im Schatten der beiden. Der frühere Juso-Vorsitzende bewirbt sich für die SPD um das Mandat, das „eigentlich“ seiner Partei zusteht – so sehen es jedenfalls die Genossen, die es vor 2002 für eine sichere Bank hielten. Kürzlich erhielt ich den Kandidatenbrief des Nahles-Nachfolgers. Böhning schreibt als ersten Satz folgendes: „Wie gewöhnlich – zur Wahlkampfzeit – werden Ihre Nerven und Ihr Briefkasten stark gefordert: Flyer, Infobroschüren – grinsende Politikerfotos, typische Politikphrasen und zahlreiche große Visionen.“ Dazu grinst mich Björn Böhning vom Foto aus an. Realsatire?

Es geht weiter: „Ja, auch ich kandidiere für den Bundestag und stehe am 27. September zur Wahl. Nicht, um vier Jahre in Ausschüssen und Fraktionssitzungen, im Plenum und in Arbeitskreisen meine Zeit totzuschlagen.“ Hört, hört! Sondern? Fett heißt es: „Ich will mit Ihnen gemeinsam Politik gestalten.“ Und: „Es ist Zeit, dass sich etwas bewegt.“

Was, wenn der Leser gar keine Politik gestalten will und schon gar nicht mit Herrn Böhning? Stattdessen haut er seine Forderungen raus: Bildung solle „ausnahmslos kostenfrei“ sein. Er nennt Kindergarten, Schule, Studium, Weiterbildung. Mit anderen Worten: Böhning möchte die letzten privaten Rückzugsräume schließen und alles endgültig verstaatlichen, was kein großer Schritt mehr ist, nachdem Schulen, Universitäten, Krippen und andere Institute bereits überwiegend in staatlicher Hand und staatlich überwacht sind.

Außerdem sollen „Eltern auch Eltern sein können“. Wie schön! Heißt das, dass Böhning sich für Familien stark macht? Natürlich nicht. Er will „umfassende Kinderbetreuung, kostenfreie Kitaplätze und eine noch bessere Absicherung von Alleinerziehenden gegen Armut“. Zu Deutsch: Die Kinder sollen möglichst raus aus den Familien, rein in die staatlichen Verwahranstalten, die die Allgemeinheit finanziert. Und Mütter, die ihre Männer davonjagen, sollen noch belohnt werden. Eine echt vorbildliche Familienpolitik ist das.

Wer sich diesen Reigen an sozialdemokratischen Vorschlägen zu Gemüte geführt hat, blättere bitte um. Dort steht Persönliches über den Kandidaten. Björn Böhning (31) ist zum Studium aus Lübeck nach Berlin gekommen. Natürlich hat er an der FU nicht irgend etwas studiert, sondern Politikwissenschaft. Danach erhielt er eine Planstelle beim DGB. Seit 2007 arbeitet er in der Senatskanzlei von Klaus Wowereit. Noch ein Parteijob also.

Böhning macht einen Fehler, der jedem Langzeitarbeitslosen mit Hauptschulabschluss auffallen würde, der sich gerade seine eigene „Arbeitsbiographie“ zurechtbiegt: Er hat keinen Hinweis darauf eingebaut, dass er mal irgendwo und irgendwann eine richtige Arbeit ausgeübt hat. Ehrliche Arbeit, bei der Menschen morgens anfangen und abends etwas vorzuweisen haben – etwas anderes als Flyer, Infobroschüren  mit grinsenden Politikerfotos, typische Politikphrasen und große Visionen. Aber in Kreuzberg fällt das wahrscheinlich gar niemandem mehr auf.


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