14. September 2009

Politikerpsychologie Die kleinen Leute und das große Floskelwort

Gutmeinendes Ranschmeißertum

Wenn nichts mehr geht, geht immer noch das; wenn Argumente schlingern, liegt der Hammer mit der Herkunft stets bereit: Die „einfachen Verhältnisse“ und die „kleinen Leute“ bilden das finale Polterwort aus Politikermund. In Wahlkampfzeiten widersteht kaum ein Kombattant der Versuchung, sich als Menschenkind und Normalverbraucher zu gerieren. Es bleibt aber eine Versuchung, die den, der ihr nachgibt, in düsteres, in dünkelhaftes Licht stellt – gerade weil das Gegenteil beabsichtigt war.

Renate Künast sprach zu Bodo Ramelow, der für „Die Linke“ wieder einmal den vereinnahmenden Stolz auf alles Minderbezahlte vor sich her trug: „Ich komme aus einfachen Verhältnissen. Da brauche ich mir von Ihnen nichts erzählen zu lassen.“

Ramelow hatte nämlich in der Sonntagabendshow „Anne Will“ mächtig damit angegeben, einmal bei „Karstadt“ gearbeitet zu haben und demzufolge alle Nöte der heutigen „Karstadt“-Belegschaft persönlich mitzuempfinden. Sie hingegen, die Frau Künast, könne sich da gar nicht hinein versetzen. Woraufhin Frau Künast polterte und mit den „einfachen Verhältnissen“ die „Karstadt“-Teilbiographie ausknockte.

In der nämlichen Cholerikerrunde bellte ein sehr von sich berauschter Porsche-Aufsichtsrat, „ich komm’ ja von unten, ich bin Betriebsrat, Gewerkschafter.“ Sein Gegenüber jedoch, der FDP-Mann Hans-Otto Fricke, habe „noch nie unten gearbeitet“, schaue „nur von oben rein.“ Das durfte allein aus medienstrukturellen Gründen der Liberale nicht stehen lassen.

Er schleuderte dem Debattenrowdy zurück, „ich komme aus einem kleinen Städtchen, Stadtteil von Krefeld.“ Die Mutter arbeite trotz ihrer 72 Jahre noch immer als Scheidungsanwältin, aus vielen Gesprächen wisse er, Fricke, „wie schwierig es ist, wie der Pfennig umgedreht wird; ich erlebe es täglich.“

Und natürlich vergaß Frank-Walter Steinmeier wenig später in der ARD-„Wahlarena“ nicht, auf die Innenausstattung seines Elternhauses hinzuweisen: Er stamme aus einer Familie „ohne Klavier und Bibliothek“. Und natürlich schwingt uns noch im Ohr der Satz, mit dem Gerhard Schröder seinen vergeblichen Einsatz für die Philipp Holzmann AG einst grundierte: „Ich weiß, wo ich her komme.“

Mit der geballten Ladung Milieustolz soll der Eindruck zerstört werden, Politiker seien abgehoben, lebten breit abgesichert in wolkigen Sphären, zu denen kein Laut aus dem wirklichen Leben dringe. Dieser weit verbreitete Verdacht, der extremen Parteiungen und Demokratiefeinden dient, kann aber mit einem anderen Klischee nicht entkräftet werden.

Nichts ist wohlfeiler als gutmeinendes Ranschmeißertum im Auge des Staatsbürgers. Nichts ist peinlicher als der öffentliche Wettkampf um die provinziellste Provinz, das engste Zuhause, die eingeschränktesten Verhältnisse am Beginn einer offensichtlich glanzvollen Karriere. Das groteske Missverhältnis zwischen status quo und status quo ante sorgt unausweichlich für eine rhetorische Schlagseite, die den wütenden Redner untergehen lässt im Meer seiner Absichten.

Der Stolz auf die gewesene Beschränkung enthält die Freude darüber, dass sie eben gewesen ist, vorbei, Geschichte, endlich ausgestanden. Schaut mich an, sagt die prahlerische Floskel, wie herrlich weit ich es gebracht habe, wie unfassbar fern die „einfachen Verhältnisse“ hinter mir liegen. Diese nämlich waren, ich aber bin, und ich werde sein.

Im 18. und im frühen 19. Jahrhundert, zur hohen Zeit der Schelmen- und der Bildungsromane, der Märchen auch, machten Köhlerjungen sich noch auf zum Königshof, fanden den Monarchen todtraurig sitzen vor einem Problem, lösten es, wurden Berater des Königs und vergaßen doch ihre armen Köhlerbrüder nicht. Da konnte man noch sinnvoll reden von den einfachen Herkünften und den unwahrscheinlichen Fügungen, weil die Großen und die Kleinen meist lebenslang in ihrem Kreise blieben.

Heute aber enthält die anachronistische Formel jede Menge Stolz, eine große Portion Dünkel und viel Schadenfreude. Dort, wo man ihrer sich bedient, ist die Aufmerksamkeitselite unter sich, dort schmückt sich das Ich mit jeder falschen Feder, die es erhaschen kann in seiner Panik.

Literatur

Deutschlandtheater: Politik und Zeitvergehen 2008/09 - Alexander Kisslers Kolumnen jetzt als Buch


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