Ronald Gläser

Jg. 1973, Amerikanist aus Berlin, Medienredakteur bei der "Jungen Freiheit".

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Lehman-Legende: Krisengerede als heiße Luft

von Ronald Gläser

Über die notorischen Weltuntergangspropheten

In dem Reigen der Kalenderblattberichterstattung (90 Jahre Versailles, 70 Jahre Zweiter Weltkrieg, 40 Jahre Woodstock etc.) durfte nun auch die aufarbeitende Berichterstattung über „ein Jahr Lehmann-Pleite“ nicht fehlen. Wieder einmal wurde die größte und schlimmste Finanz- und Wirtschaftskrise beschworen, so als würde das Problem dadurch gelöst, dass wir es möglichst aufblasen.

Auch beim Kanzlerduell am Sonntag drehte sich wieder alles um die Krise. Die Teilnehmer überschlugen sich geradezu, jeder wollte den anderen übertreffen. Es begann mit Maybrit Illner, die von der „größten Welt- und Finanzkrise seit dem Krieg“ sprach. Ich nehme an, sie meinte den Zweiten Weltkrieg. Das hieße, der Mauerbau, die Berlin-Blockade, die Kuba-Krise, die diversen Volksaufstände in der Ostzone (17. Juni, Ungarnaufstand, Danziger Werftarbeiterstreik, Platz des Himmlischen Friedens) oder die drohende Machtergreifung der Kommunisten in westlichen Ländern wie Italien waren weniger verheerend als der Zusammenbruch der Lehmann-Bank. Ich glaube, dazu muss jemand eine SED-Vergangenheit haben, um das nachvollziehen zu können.

Ist eigentlich nicht mehr zu übertreffen, oder? Doch es geht. Die Kanzlerin griff das Thema dankbar auf und redet über die „schwerste Krise seit den 30er Jahren.“ Mit anderen Worten: Für Angela Merkel ist die Finanzkrise sogar noch schlimmer als der ganze Zweite Weltkrieg inklusive Zerstörung ganzer Länder. Auch das ist eine bemerkenswerte Einschätzung.

Da wollte Peter Kloepel nicht nachstehen und behauptete, es sei die „größte Krise, die wir uns vorstellen können.“ Also ich kann. Zum Beispiel könnten Marsmännchen kommen und uns alle töten wie in Indepedence Day. Haribo könnte pleitegehen. Oder ich müsste eine Nacht mit Alice Schwarzer verbringen. Das wären für mich schlimmere Krisen als die jetzige.

Angela Merkel versuchte das noch einmal zu übertreffen und sagte später, die Krise sei „ein Einbruch, wie wir ihn in unserer Geschichte noch nicht erlebt hatten.“ Der Mongolensturm, der 30-jährige Krieg, die Besetzung zur Zeit Napoleons, die Niederlagen in zwei Weltkriegen – für unsere Regierungschefin ist das alles nichts im Vergleich mit der Finanzkrise der Jahre 2008/09.

Das ist alles dummes Gerede. Natürlich hat es einen konjunkturellen Einbruch gegeben, der es in sich hat. Aber eine Rezessionsphase hätte es sowieso gegeben, die Boomphase war an ihr Ende gelangt, dann erfolgt nun mal ein Einbruch. So verlaufen Konjunkturzyklen eben. Die Pleite mehrerer Banken hat diesen Effekt verstärkt, aber die Menschheit stand deswegen nicht am Abgrund und dort steht sie auch jetzt nicht. Im Gegenteil. Politiker und unfähige Bankmanager nutzen manipulationswillige MSM-Parasiten, um durch die angebliche Krise von ihrem eigenen Unvermögen abzulenken oder Ziele durchzusetzen, die sie schon lange in der Schublade hatten. Denken wir nur an die Diskussionen um ein Konjunkturpaket, die es in der großen Koalition in Berlin von Anfang an gegeben hat. Die SPD war schon immer dafür, lange vor der Lehman-Krise. Jetzt haben die Genossen ihren Willen bekommen, auf Kosten kommender Generationen. Auf der anderen Seite haben staatliche Banken wie HSH Nordbank, West LB und Sachsen LB windige Spekulationsgeschäfte betrieben, für die fast niemand zur Rechenschaft gezogen worden ist. Schuld sind ja andere. Im Zweifelsfall Broker von der Wallstreet oder Londoner Finanzhaie. Auf jeden Fall Personengruppen, denen sich jede erdenkliche Boshaftigkeit in die Schuhe schieben lässt.

Auch das ARD-Magazin Plusminus hat am Dienstagabend die „Lehman-Legende“ eine „willkommene Ausrede für Politiker“ genannt. Wie gut, dass es bald wieder neue Jahrestage gibt und die Lehman-Legende abgelöst wird durch eine neue.

17. September 2009

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