23. September 2009

27. September 2009 Wen ich wählen werde

Uns allen eine ruhige Hand beim bewussten Wählen, Nichtwählen oder aber der Ungültigkeitsunabhängigkeitserklärung

Wer in Bayern wählen will, der muss sich zuallererst die philosophische Frage stellen: Seehofer oder nicht Seehofer? Die CSU steht bekanntlich nicht zur Wahl, seit der Lebemann und Gefühlsdarsteller das Ruder übernommen hat.

Was CSU war, ist Seehofer geworden, und was Seehofer ist, kann außer Seehofer niemand wissen – dieses und jenes, das eine und das andere, also auf jeden Fall das allgewaltig Ganze ist der Vorsitzende. Zu ihm kann man sich verhalten wie zum Wetter: schimpfend, jubelnd, achselzuckend. Aber das Wetter wählen? Nein, das geht schon aus ontologischen Gründen rein gar nicht.

Bliebe die SPD. Ein Mitleidskreuz für die vermutlich bayernweit mit der 10-Prozent-Marke ringende Partei wäre eine noble Sache, ja ein Akt tätiger Nächstenliebe. Man könnte dann seinen Enkeln einmal erzählen, dass man Teil war des letzten Fähnleins, dass man die SPD wählte, als sie noch zu wählen war. Aber wählt man für die Geschichtsbücher? Nein, das geht schon aus historischen Gründen rein gar nicht.

Wie wäre es mit der FDP? Auch da tut sich ein weites Feld auf für Nationalpsychologen. Handelt es sich um die Bürgerschützer oder die Großkapitalisten, um die Forschungseuphoriker oder die Staatsbegrenzer? Da fällt es schwer, den falschen Weg zu meiden.

Auch die Grünen schlingern zwischen Tierrechtsbewegung und Haushaltskonsolidierung, Spaß am Unterleib und asketischer Griesgrämerei. Niemand konnte mir sagen, ob man Künast wählte und Trittin bekäme, oder ob das Gegenteil der Fall wäre. In dieser Partei stecken mehr Parteiungen, als in meinem Kopfe Platz haben. Was mein Hirn aber sprengt, kann in kein Wahlkreuz gezwungen werden.

Blieben ferner die Splitterparteien, die keinen Balken ergeben. Im Wunderreich der Promille suchen die Rentner nach ihrem Auskommen, die professionellen Internetsurfer, die hauptberuflichen Frauen, die Bibelchristen und die Allgemeinspirituellen und die Tierschützer.

Dort gälte die Stimme noch, dort wäre das einzelne Kreuz ungleich bedeutungsvoller als im uferlosen Votenmeer der Großkopfeten. Man sähe seine Entscheidung tags darauf bei den absoluten Stimmenzahlen wieder. Schau an, ich war einer von den dreien.

Und so werde ich in die Kabine dann schreiten.

Literatur

Deutschlandtheater: Politik und Zeitvergehen 2008/09 - Alexander Kisslers Kolumnen jetzt als Buch


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Alexander Kissler

Über Alexander Kissler

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige