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![]() Jg. 1966, Ökonom, Professor an der Universität Angers in Frankreich. Redaktionsbeirat der Zeitschrift eigentümlich frei. ef-Sucheef-EinkaufspartnerWenn Sie ef-online unterstützen möchten, starten Sie bitte Ihre Amazon-Einkäufe mit Klick auf diesen Button: |
Wirtschaft und Ethik: Die Gier der MärkteÜber Ursachen und Folgen Die weiterhin andauernde Finanzkrise ist auf den staatlichen Interventionismus zurückzuführen, insbesondere auf den währungs- und finanzpolitischen Interventionismus. Diese Auffassung gewinnt immer mehr Anhänger, und in den USA gibt es bereits eine deutlich vernehmbare Graswurzelbewegung, die nicht weniger als die Abschaffung der amerikanischen Zentralbank fordert. Nun stellt sich natürlich die Frage, wie und warum die Finanzmarktteilnehmer die Krise herbeigeführt haben. Über das Wie besteht noch eine gewisse Einigkeit fast aller Beobachter, zumindest was die unmittelbaren Tatsachen betrifft. Die Banken und anderen Finanzfirmen haben eine Anlagestrategie verfolgt, die auf erstens sehr geringer Liquidität, zweitens sehr geringem Eigenkapital und drittens Investitionen in sehr risikoreichen Anlageklassen beruhte. Aber warum haben sie das getan? Schließlich warnen alle betriebswirtschaftlichen Lehrbücher vor solchen halsbrecherischen Strategien, und es gab auch zahlreiche Vorzeichen der Krise (zum Beispiel die Immobilienblase gepaart mit geringer Sparquote in den USA), die den Beteiligten eigentlich eine Umkehr hätten nahelegen sollen. Warum haben die Finanzinvestoren sich also sehenden Auges ins eigene Fleisch geschnitten? Auf diese entscheidende Frage geben die meisten Ökonomen und Journalisten zwei Antworten. Der ersten Antwort zufolge ist die Marktwirtschaft ganz allgemein – und sind die Finanzmärkte im besonderen – eine Art logische Fehlkonstruktion. Die Marktwirtschaft leide unter inneren Widersprüchen, die von Zeit zu Zeit ausbrechen müssen und auch ausbrechen. Diese Antwort ist unter Intellektuellen und zumal unter Berufsökonomen besonders beliebt, da nicht viele mitreden können, wenn von der Tendenz einer fallenden Profitrate oder von asymmetrischen Informationen die Rede ist. Genau deshalb fehlt dieser Antwort auch die Breitenwirkung, welche die aus ökonomischer Sicht grobschlächtigere zweite Antwort hat. Ihr zufolge ist die Ursache der geradezu selbstmörderischen Neigungen der Finanzmarktteilnehmer in deren grenzenloser Gier zu sehen. Die Banken bekamen trotz höchster Gewinne und großzügiger Bonuszahlungen einfach nicht den Hals voll, und ihre Mitarbeiter, Wettbewerber und Kunden ließen sich davon anstecken. Alle schmissen den gesunden Menschenverstand über Bord, und die Folge war dann der Zusammenbruch. Diese dürftige Erklärung, diese karge intellektuelle Kost befriedigt anscheinend auch recht intelligente Menschen. Vor einigen Monaten hat ein führender Vertreter eines christlichen französischen Bankenverbandes zu erklären versucht, warum jene außerordentliche Gier gerade im Finanzsektor anzutreffen sei. Seine Antwort: weil dieser Wirtschaftszweig seinem ganzen Wesen nach auf der Erzielung von Zins beziehungsweise von Wucher beruht. Es sei daher Zeit, die Praxis der Zinswirtschaft nochmals zu überdenken. Mir als einzigem deutschen Hörer seines Vortrags ist darauf der Gedanke gekommen: „Wie praktisch, dann endet mit der Gier gleich auch die Zinsknechtschaft.“ Die Gier ist eine der sieben Todsünden. Sie ist in jedem Menschen zumindest als Möglichkeit seines Seins veranlagt – sonst könnte ein sehr tugendhafter Mensch auch gar nicht verstehen, was mit Gier überhaupt gemeint sein könnte. Wo sie nicht gebremst wird, führt sie stets direkt zu moralisch falschem Handeln, zu Unmaß, Feigheit, Ungerechtigkeit und Unwahrhaftigkeit. Tatsächlich besteht ein ursächliches Verhältnis zwischen Gier und Gewinn allenfalls in umgekehrter Richtung. Nicht die Gier erklärt die großen Gewinne im Finanzsektor, sondern die dort zu erzielenden hohen Gewinne ziehen gierig veranlagte Menschen an und verführen auch solche zur Gier, die sonst nicht unter diesem Laster leiden. Die eigentliche Frage lautet also: Woher kommen also die großen Gewinne im Finanzsektor? Und die in dieser Zeitschrift bereits mehrfach genannte Antwort lautet: aus der Vollkaskoversicherung der Finanzmärkte durch eine Politik, die Investitionsgewinne in privaten Händen lässt, während sie die Risiken dieser Investitionen sozialisiert. InformationDieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 96 26. September 2009 Unterstützen Sie ef-onlineHat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien. Testen Sie eigentümlich freiProminente Autoren und kantige Kolumnisten wie Roland Baader, Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann oder Michael Klonovsky schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht. Social BookmarksAnzeigenKommentaredickbrettbohrer, am 27. September 2009 um 8:56 ( Link ) Sobald das Gespräch auf die Systemkrise kommt, welche sich im Banken- und Wirtschaftssektor niederschlägt, wird unmittelbar die „Gier“ angerufen. Darin zeigt sich die Verkennung der psychosozialen Voraussetzungen menschlichen Handelns. 1. Gierig, das sind immer nur die anderen. Jeder sagt das. Also müßten alle gierig sein – oder keiner. Dieser Umstand fällt aber kaum jemandem auf. 2. Das Gier-Denken entspringt der marxistischen Weltsicht, bei der das Moralisieren und Verurteilen die Hauptrolle spielt. Für den Marxist entspringt jede Unbill im gesellschaftlichen oder privaten Leben dem bösen Willen. Popanze werden aufgebaut: die Juden, die Moslems, die Männer, die Lehrer, die Politiker, die Unternehmer, die Manager, die Banker … Zahl und Variation der Sündenböcke in unendlichen Variationsmöglichkeiten. Doch dienen alle demselben Ziel: sie pauschal der Unmoral zu bezichtigen und als Verursacher von Unglück zu brandmarken. Hierin mag die Erklärung liegen für das grundsätzlich Moralinsaure, Lebensfeindliche und Humorlose aller Linksprogramme. Anschuldigungen und Klagen sind obenauf, man wühlt und suhlt sich gern im Dreck, der aber stets der Dreck der „anderen“ ist. 3. Gier erscheint somit als bittere Frucht einer Abkehr vom staatlich anerkannten Schutz des Eigentums. Der aus eigener Kraft geschaffene Besitz zwingt zu einem Handeln, das wir als „moralisch“ bezeichnen können. Es erzeugt die Voraussetzung zur persönlichen Verantwortlichkeit. Niemand anders als die Schöpfung selbst setzt Grenzen. „Gier“ in der lauthals beklagten Form kann unter diesen Bedingungen erst gar nicht entstehen. Man könnte auch sagen: Gelegenheit macht Diebe. Gier ist eine Folge der Mißwirtschaft des Kollektivismus und Sozialismus, es fehlen die natürlichen Grenzen – also der „Zwang“ des Sichverantwortenmüssens. Befehl und Strafandrohung sind kein Ersatz dafür, weshalb alle Bemühungen, die heute in Richtung „Begrenzung der Gehälter“ usw. gehen, fruchtlos sein werden. Verantwortung und Eigentum sind die zwei Seiten einer Medaille. Eins ohne das andere ist nicht zu haben. Erlebnisse von Untergang und Totalverlust in Folge von Unmäßigkeit haben den Menschen dazu gebracht, freiwillig Verzicht zu üben. Wir sind dabei, diese natürlichen Zusammenhänge zu ignorieren. Da all dies keine Frage der Moral ist, können wir mit ihr auch nichts gewinnen. Das Schwingen der Moralkeule (gegen die anderen) verdüstert lediglich die Freude am Leben und sät Mißtrauen eines jeden gegen jeden. Nachsatz: ISBN3451322005, am 27. September 2009 um 12:45 ( Link ) dickbrettbohrer lese ich immer ganz gerne! Selbstbegrenzung gelingt nur charakterstarken Personen, die Halt finden in Ritualen von Tradition und Religion Wir haben das Korsett von Ritualen, Tradition und Religion gesprengt. Dies wird als fortschrittliche Errungenschaft verstanden. Von den zwei drei Sonderlingen die sich hier rum treiben mal abgesehen, nennen wir diese Errungenschaft Freiheit. bernd_lessing, am 27. September 2009 um 13:34 ( Link ) @ISBN3451322005: "Wir haben das Korsett von Ritualen, Tradition und Religion gesprengt. Dies wird als fortschrittliche Errungenschaft verstanden. Von den zwei drei Sonderlingen, die sich hier rumtreiben, mal abgesehen, nennen wir diese Errungenschaft Freiheit." Sie werfen - wieder einmal - zwei Dinge in einen Topf: Ich stimme Ihnen sofort zu, wenn Sie die Abkehr von Tradition und Religion beklagen. Wenn an die Stelle dessen das Nichts tritt, ist das alles andere als Fortschritt. Allerdings: Moral und Ethik sind nicht zwingend auf (strikte Fortführung von) Tradition und Religion angewiesen. Im Gegenteil: Da, wo sie nur auf (oberflächliche) Tradition und Religion bauen, sind sie besonders anfällig. Und: Moral und Ethik sind zuallererst Themen des Individuums, danach Themen der Gesellschaft und zuletzt Themen des Staates - weil sie, um von Dauer und Ernsthaftigkeit zu sein, eben der vollen inneren Überzeugung des Einzelnen entspringen müssen und nicht irgendeiner kollektiven (Zwangs-)Organisation. zebra, am 27. September 2009 um 14:47 ( Link ) Dank an den Dickbrettbohrer für die Ausführungen zu den Feindbildern, auf der Suche nach Schuldigen. Da klappt das kollektivistische Denken meist gut, das formt erst das "Wir" ... ;-) Gier bei anderen zu finden aber bei sich selbst nicht ist für mich ebenfalls typischerweise Neiddenken, bei Sozialisten häufig zu finden. Klar ist doch: Jeder Mensch sucht seine Vorteile alleine aus Gründen des Selbsterhaltes und Überlebens, was aber mit Gier nichts zu tun hat. Vielleicht mag ja jemand diesem Gedanken folgen: Für mich ist es vielmehr unkontrollierter Zockertrieb, wie bei Spielsüchtigen, die auch ohne Hemmung und ohne Selbstbeherrschung loslegen, Haus und Hof, Familie und alles was einem eigentlich lieb und teuer ist, verjubeln, ohne einen Blick hinter sich zu werfen. Bei solchen Süchten hilft nur Einsicht und Verhaltensänderung, was bei den wildgewordenen Finanzjongleuren aber nicht zu vermerken ist. Möglich bleibt es, weil die (von Regierungen geschafften) Rahmenbedingungen sind wie sie sind, Risiko und Haftung auf andere abgewälzt wird, wie es auch oben im Artikel geschrieben steht und der mit Millionenbeträgen jonglierende Angestellte an so der Stelle wohl keinen Grund hat, einer solchen Versuchung zu wiederstehen. Gamma, am 27. September 2009 um 17:42 ( Link ) Die im Fazit beschriebene Politik ist sicherlich ein Grund, wenn auch nicht der einzige. Der Finanzsektor ist insofern besonders dass er die "Infrastruktur" ist über die Investitionen fließen, ja fast schon zwangsläufig fließen müssen. Wenn man die Frage nach der Motivation stellt, so ist es wichtig die beteiligten Individuen zu betrachten. "Die Banken" haben keine eigene Motivation. Ob Anlageberater, Vorstand, Kunde oder Anteilseigner einer Bank, alle wollen reicher werden, aber ihre Interessen kollidieren zum Teil heftig. Dasselbe trifft natürlich auch auf andere Unternehmen zu, mit Ausnahme von Einzelunternehmern und – mit Einschränkungen – Co-ops. Gamma, am 27. September 2009 um 18:41 ( Link ) @ dickbrettbohrer "Dessen leichte Verfügbarkeit verführt den Menschen zu grenzenlosem Konsum – gut beobachtbar ist dies bei der Nahrungsaufnahme. Selbstbegrenzung gelingt nur charakterstarken Personen, die Halt finden in Ritualen von Tradition und Religion (wie sie in Familien gepflegt werden!). Würde jede Person selbst für ihre Ernährung sorgen müssen (als Sammler, Jäger, Bauer), dann wäre es mit Gier und Schlemmerei nicht weit her." Selbstbegrenzung gelingt auch dann, wenn man sich die Folgen von Exzessen bewusst macht. Dies geht natürlich besser, wenn man direkte Erfahrung mit den Folgen hat. Gewissen Ritualen und Traditionen folgt wohl jeder, und sie sind als Lern- und Merkhilfen effektiv. Aber man sollte die Gründe kennen und nicht nur blind folgen, sonst bleibt man selbst dann bei jenen Ritualen stecken wenn sich die Gründe schon längst überlebt haben. Ohne arbeitsteilige Produktion wäre es auch mit dem Wirtschaften nicht weit her. Gier ist aber nicht dasselbe wie Unmaß. dickbrettbohrer, am 27. September 2009 um 19:11 ( Link ) Gamma: Gamma, am 27. September 2009 um 19:33 ( Link ) Oh, ich behaute nicht dass dies jedem und immer gelänge. Der Mensch ist zwar vernunftbegabt, aber desöfteren nicht vernünftig. Rituale und Traditionen können hier helfen, sofern sie denn vernünftig sind. Saufen hat allerdings auch desöfteren Tradition. ISBN3451322005, am 28. September 2009 um 8:07 ( Link ) Aber man sollte die Gründe kennen und nicht nur blind folgen, sonst bleibt man selbst dann bei jenen Ritualen stecken wenn sich die Gründe schon längst überlebt haben. Auf Rituale und alles was sich darum rankt, gründet die Gemeinschaft. Der Mensch wird in eine Gemeinschaft hineingeboren und ist in eine Gemeinschaft eingebettet. Als Individuum ist der Mensch gar nicht als überlebensfähig zu qualifizieren. Gamma, am 28. September 2009 um 20:05 ( Link ) Rituale haben desöfteren einen Zweck. Und sie unterliegen, wie so vieles im Leben, der stetigen, manchmal sogar radikalen Veränderung. Sie sind nicht in Stein gemeißelt, sondern können durch Menschen, die mit der Zeit aus der kindlichen Empfängerhaltung herauswachsen, gestaltet werden. Anmelden oder Registrieren, um Kommentare schreiben zu können |
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bernd_lessing, am 26. September 2009 um 20:31 ( Link )
Lieber Guido Hülsmann, ich stimme Ihrer Analyse zu, würde allerdings noch einen Schritt weitergehen:
Die Finanzmärkte sind eigentlich längst keine Märkte mehr: Das zentrale, in diesen Märkten gehandelte "Produkt", das Geld, kann von einigen wenigen Noten- und Großbanken praktisch zum Nulltarif "hergestellt" werden. Ein derartiges Oligopol mit derart einzigartigen Möglichkeiten zur "Produktion" führt zwangsweise dazu, dass normale Marktmechanismen außer Kraft gesetzt sind. Die heutigen Finanzmärkte KÖNNEN also gar nicht nach Marktprinzipien funktionieren.
Das alles ist kein "Kollateralschaden", sondern hat letztlich System, da die Staaten so weitreichende Möglichkeiten zur Verschuldung und Inflationierung gewinnen und die Großbanken an der billigen "Produktion" und dem teuren "Weiterverkauf" von Geld gut verdienen.
Insofern ist die "Gier der Banker" an dieser Stelle höchstens ein Nebeneffekt, im Grunde aber eigentlich sogar völlig irrelevant.