Jörg Guido Hülsmann

Jg. 1966, Ökonom, Professor an der Universität Angers in Frankreich. Redaktionsbeirat der Zeitschrift eigentümlich frei.

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Wirtschaft und Ethik: Die Gier der Märkte

von Jörg Guido Hülsmann

Über Ursachen und Folgen

Die weiterhin andauernde Finanzkrise ist auf den staatlichen Interventionismus zurückzuführen, insbesondere auf den währungs- und finanzpolitischen Interventionismus. Diese Auffassung gewinnt immer mehr Anhänger, und in den USA gibt es bereits eine deutlich vernehmbare Graswurzelbewegung, die nicht weniger als die Abschaffung der amerikanischen Zentralbank fordert.
Die meisten (staatlich lizensierten) Medien und die meisten (staatlich besoldeten) Ökonomen teilen diesen Standpunkt allerdings nicht. Ihnen zufolge trägt der Staat nur einen Teil der Verantwortung für die Krise, und zwar vor allem deshalb, weil er die Finanzmärkte zu lasch reglementiert und ihrem Treiben nicht früh genug, und nicht energisch genug, ein paar dringend notwendige Riegel vorgeschoben habe. Der Hauptteil der Verantwortung sei vielmehr den Finanzmarktprofis, also den Banken, Investmentfonds und ähnlichen Firmen anzulasten.

Nun stellt sich natürlich die Frage, wie und warum die Finanzmarktteilnehmer die Krise herbeigeführt haben. Über das Wie besteht noch eine gewisse Einigkeit fast aller Beobachter, zumindest was die unmittelbaren Tatsachen betrifft. Die Banken und anderen Finanzfirmen haben eine Anlagestrategie verfolgt, die auf erstens sehr geringer Liquidität, zweitens sehr geringem Eigenkapital und drittens Investitionen in sehr risikoreichen Anlageklassen beruhte. Aber warum haben sie das getan? Schließlich warnen alle betriebswirtschaftlichen Lehrbücher vor solchen halsbrecherischen Strategien, und es gab auch zahlreiche Vorzeichen der Krise (zum Beispiel die Immobilienblase gepaart mit geringer Sparquote in den USA), die den Beteiligten eigentlich eine Umkehr hätten nahelegen sollen. Warum haben die Finanzinvestoren sich also sehenden Auges ins eigene Fleisch geschnitten?

Auf diese entscheidende Frage geben die meisten Ökonomen und Journalisten zwei Antworten. Der ersten Antwort zufolge ist die Marktwirtschaft ganz allgemein – und sind die Finanzmärkte im besonderen – eine Art logische Fehlkonstruktion. Die Marktwirtschaft leide unter inneren Widersprüchen, die von Zeit zu Zeit ausbrechen müssen und auch ausbrechen. Diese Antwort ist unter Intellektuellen und zumal unter Berufsökonomen besonders beliebt, da nicht viele mitreden können, wenn von der Tendenz einer fallenden Profitrate oder von asymmetrischen Informationen die Rede ist. Genau deshalb fehlt dieser Antwort auch die Breitenwirkung, welche die aus ökonomischer Sicht grobschlächtigere zweite Antwort hat. Ihr zufolge ist die Ursache der geradezu selbstmörderischen Neigungen der Finanzmarktteilnehmer in deren grenzenloser Gier zu sehen. Die Banken bekamen trotz höchster Gewinne und großzügiger Bonuszahlungen einfach nicht den Hals voll, und ihre Mitarbeiter, Wettbewerber und Kunden ließen sich davon anstecken. Alle schmissen den gesunden Menschenverstand über Bord, und die Folge war dann der Zusammenbruch.

Diese dürftige Erklärung, diese karge intellektuelle Kost befriedigt anscheinend auch recht intelligente Menschen. Vor einigen Monaten hat ein führender Vertreter eines christlichen französischen Bankenverbandes zu erklären versucht, warum jene außerordentliche Gier gerade im Finanzsektor anzutreffen sei. Seine Antwort: weil dieser Wirtschaftszweig seinem ganzen Wesen nach auf der Erzielung von Zins beziehungsweise von Wucher beruht. Es sei daher Zeit, die Praxis der Zinswirtschaft nochmals zu überdenken. Mir als einzigem deutschen Hörer seines Vortrags ist darauf der Gedanke gekommen: „Wie praktisch, dann endet mit der Gier gleich auch die Zinsknechtschaft.“

Die Gier ist eine der sieben Todsünden. Sie ist in jedem Menschen zumindest als Möglichkeit seines Seins veranlagt – sonst könnte ein sehr tugendhafter Mensch auch gar nicht verstehen, was mit Gier überhaupt gemeint sein könnte. Wo sie nicht gebremst wird, führt sie stets direkt zu moralisch falschem Handeln, zu Unmaß, Feigheit, Ungerechtigkeit und Unwahrhaftigkeit.
Aber sie führt keineswegs direkt zu jenen großen Gewinnen, die gemeinhin als der sicherste Beweis für die Gegenwart einer besonders großen Gier auf den Finanzmärkten angesehen werden. Die bloße Absicht und der bloße Wille sich zu bereichern, reichen eben nicht, um dieses Ziel auch zu verwirklichen. Das ist die schmerzliche Erfahrung aller Möchtegernunternehmer.

Tatsächlich besteht ein ursächliches Verhältnis zwischen Gier und Gewinn allenfalls in umgekehrter Richtung. Nicht die Gier erklärt die großen Gewinne im Finanzsektor, sondern die dort zu erzielenden hohen Gewinne ziehen gierig veranlagte Menschen an und verführen auch solche zur Gier, die sonst nicht unter diesem Laster leiden. Die eigentliche Frage lautet also: Woher kommen also die großen Gewinne im Finanzsektor? Und die in dieser Zeitschrift bereits mehrfach genannte Antwort lautet: aus der Vollkaskoversicherung der Finanzmärkte durch eine Politik, die Investitionsgewinne in privaten Händen lässt, während sie die Risiken dieser Investitionen sozialisiert.

Information

Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 96

26. September 2009

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