28. September 2009

Politikerkarrieren Die Scheinriesen und ein Abschied zu dritt

Über die Verlierer Müntefering, Seehofer und Steinmeier

Die gestrige Bundestagswahl läutete den Abschied dreier alter Fahrensleute aus der Bundespolitik ein. In verschiedener Geschwindigkeit ertönt nun das Farewell für den knorrigen Polterer, den kolossalen Gefühlsdarsteller und auch für den braven Mann aus Brakelsiek. Sie alle werden am eigenen Leib jene Abwehrkräfte der Partei spüren, denen sie einst selbst ihren Aufstieg oder ihr Comeback verdankten. Sie werden nicht mehr gebraucht, ihr Lauf hat sich vollendet, ihr Schicksalskreis geschlossen.

Dass die SPD mit beschleunigtem Tempo der Nulllinie entgegenfällt, hat der sauerländische Sauertopf vor allem zu verantworten. Wenig mehr als Rüpelei und ephebenhafte Schwärmerei trug er zum dürftigsten Wahlkampf aller Zeiten bei. Er stammt gerade so wie sein zum Markenzeichen gewordenes „Glück auf“-Geraune aus einer Zeit, die ihre Würde hatte und ihren Rang, aber nun dank „Müntes“ Verblendung würdelos zu Ende ging. Er hatte sich in die Pflicht nehmen lassen, bestieg noch einmal den Kutscherbock, und trägt nun gramgebeugt an der perfiden Last. Ein Hauch von Tragik umweht sein leergehofftes Haupt.

Der zweite in der schrecklicken traurigen Bunde ist jener Ingolstädter Scheinriese, der noch im Augenblick seiner größten Niederlage dem Klischee gerecht wurde, das über ihn zirkuliert. Auf 42,6 Prozent ist seine Christlich-Soziale Union abgestürzt, schlechter war sie zuletzt 1949. Und der Koloss sprach, wie er stets spricht, und beantwortete so über Bande, warum das bayerische Volk sich in Scharen von ihm abwendet: „Ich bin mit meinen Gefühlen enttäuscht.“

Er redete also gleich zweifach von sich, personal und besitzanzeigend, und drittens von Gefühlen und viertens von deren Inhalt. Da war also wieder er und noch einmal nur er und dann eine Emotion und dann eine Enttäuschung. Niemand übertrifft den Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten in der Inszenierung jener Emotionalität, die als Menscheln missverstanden werden soll, als schwitzende Bürgernähe, und die doch nur einen entgrenzten Geltungsdrang verdichtet.

„Ich bin mit meinen Gefühlen enttäuscht.“ Aus diesem Satz spricht zugleich eine düstere Trauer. Da ist der König ganz allein mit sich und nicht im Reinen, da wächst die schlimme Leidenschaft nach innen, hält Herz und Seele im Griff, legt Winter über das Gemüt. Es war ein Nachruf in eigener Sache.

Vergleichsweise aufgeräumt und uneitel gab sich zur gleichen Zeit der Abbruchunternehmer aus Brakelsiek. Was waren das noch güldene Zeiten unter dem unbeliebten Kurt Beck, als die SPD mit der Zahl 30 in Verbindung gebracht werden konnte. Nun waren es 23 Prozent, und angeblich hat es nicht am Kandidaten gelegen.

So muss man jetzt wohl reden, mit der Wand im Rücken. Sehr bald schon wird der wackere Recke aber merken, dass er natürlich der grundfalsche Kandidat war, dass er natürlich kein Charisma hatte, um Angela Merkel gefährlich zu werden, dass er natürlich zu dröge auftrat und zu kompliziert formulierte, um auch nur zu einer Sekunde ein Herausforderer zu sein.

Er hatte sich längst damit arrangiert, abermals der Juniorpartner in einer großen Koalition zu sein. Der Wähler schaute ihm in die Seele, entdeckte das verleugnete Verlangen und nahm ihm kalt den Trostpreis, an dem er sich die ganzen quälenden Wahlkampfwochen über gewärmt hatte. Die Oppositionsbank wird das Gnadenbrot sein bis zur Hatz auf den Brakelsieker Problembären, noch vor Jahresfrist.

Nun wird es bald eine Bundespolitik geben ohne Müntefering, Seehofer, Steinmeier. Demokratie, diese kühlste aller Regierungsformen, steigt zuweilen hinab in die Tiefen des Tragischen, seltener noch in die Höhen der Hymnen. Kurz erlaubt sie einen Durchblick auf das Drama dreier gescheiterter Männer, die alle im entscheidenden Moment nicht Nein sagen konnten.

So lautet denn eine republikfreundliche Lektion aus diesem Wahlabend: Wer nicht die Kraft aufbringt zu entsagen, dem schlägt die Macht alle Macht aus der Hand.

Literatur

Deutschlandtheater: Politik und Zeitvergehen 2008/09 - Alexander Kisslers Kolumnen jetzt als Buch


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