13. Oktober 2009

Merkel-Deutsch Kanzlerin im Schützengraben

Reden ist Silber

Seien wir gerecht: Vermutlich wurde die „Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des Tages der Deutschen Einheit“ nicht von Angela Merkel geschrieben. Vermutlich muss auch das Bundeskanzleramt sparen und kann sich keinen Redenschreiber aus der ersten Reihe leisten. Andererseits dürfte die Bundeskanzlerin vorab gewusst haben, was sie da in Saarbrücken freiwillig würde lesen. Insofern ist die Frage erlaubt: Wie redet, wie denkt eigentlich die Kanzlerin?

Die Auswahl treffender Verben zählt nicht zum Merkelschen Ehrgeiz. Hauptsache, man werde verstanden, mehr oder weniger, der Rest sei dann Glückssache, Luxus, Zufall – nur mit einer solchen Maxime ist erklärbar, warum Merkel „Kenntnis nimmt“, nicht erfährt, oder warum „wir eine weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise haben“, also wohl besitzen, aber nicht durchleben, erleiden, wahrnehmen, oder weshalb das einende Band „dabei sein muss, dass…“ und selbstredend nicht „darin bestehen“ darf. So gibt es noch gar „vieles, was nicht in Ordnung ist“, aber natürlich überhaupt nichts, was misslungen, gescheitert wäre.

Wer angesichts großflächig gestreuter Hilfsverben seine Hoffnung setzt auf knackige Substantive, muss ebenfalls darben. Merkel ruft dazu auf, aus der gegenwärtigen Situation „eine Zukunftssituation für Deutschland“ zu machen. Darf’s vielleicht auch eine Möglichkeitsgegenwart sein oder ein Übermorgenjahr?

Groß scheint ferner das Ansinnen, „aus der Vereinbarkeit von Ökologie und Ökonomie eine Meisterschaft zu machen.“ Künftig wird es demnach einen Wettbewerb der Versöhnung geben, eine Konkurrenz der Identität, mit Deutschland als dem Sieger in dieser Vereinung des Vereinten. Café Dada lächelt schelmisch.

Halten wir uns nicht auf bei einem kurios gesteigerten Adjektivattribut, beim „formbarsten Moment“, ziehen wir tapfer vorbei an der schiefen Zuschreibung, das Jahr 2009 sei „ein Jahr historischer Wegmarken“, während es doch eher ein Jahr ist, in dem man sich an eben solche Marken erinnert.

Halten wir inne an einem plötzlichen Ausbruch von Bellizität: „Wir“ könnten ein „neues Miteinander schaffen, wenn es uns gelingt, aus alten Schützengräben herauszuklettern“. Außerdem dürften nicht länger „wirtschaftliche Effizienz und ökologische Rücksicht einander bekriegen“. Im Umkehrschluss besteht der Status quo aus Krieg und Schützengraben. Sind das die Früchte von vier Jahren großer Koalition?

Natürlich gibt es hier und da Gedanken zu erhaschen. In der Wirtschaftskrise von 2008/09 „haben wir gelernt, dass Freiheit und Verantwortung zusammengehören.“ Recht jung, geradezu neugeboren sollen wir uns eine altväterliche Erkenntnis vorstellen. Frisch vorbei sei auch „die Zeit, in der Nutzenmaximierung und ethisches Verhalten in der Wirtschaft angeblich nicht zusammenpassen.“

Ein schlicht maximierter Nutzen, steht zu befürchten, wird sich auch künftig keinen Deut um ethisches Verhalten scheren. Käme es nicht darauf an, von der Nutzenmaximierung als höchstem Wert abzurücken, statt ihr ethisierende Leitplänkelchen an die Seite zu stellen?

Und woran schließlich denkt die Kanzlerin, wenn sie final Deutschland, die „Zukunftswerkstatt“, rühmen will? Sie erinnert an folgende Wegmarken: „In Deutschland wurde das erste Auto gebaut, der Computer erfunden, das Aspirin entwickelt. Von diesen Innovationen zehren wir noch heute.“

Im Umfeld einer Merkelrede hat die Trias ihre Richtigkeit. Ja, das waren allesamt umsatzträchtige Basisinnovationen. Gibt es aber – pardon – nicht auch die Kraft klarer Gedanken, die Zukunft vorwegnehmen? Ist Deutschland immer nur das Reich gewesen der Tüftler und Bastler, nie der Philosophen und Poeten?

Glücklich das Land, in dem die Kanzlerin kein Deutsch können und keine Dichter kennen muss. Auch das ist fast schon ein Beispiel gelungener Integration.

Literatur

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