Edgar L. Gärtner

Jahrgang 1949, Hydrobiologe, Wissenschaftsautor.

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Wirtschaftsnobelpreis 2009 an Elinor Ostrom und Oliver Williamson: Eine Ohrfeige für den „Klimaschutz“

von Edgar L. Gärtner

Eine möglicherweise unbedacht gute Entscheidung

15. Oktober 2009

Ob die Schwedische Akademie auch bei der Auswahl der diesjährigen Träger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Ökonomie politische Hintergedanken verfolgte, steht nicht fest. Es scheint eher, als sei dem Nobel-Komitee die Tragweite seiner Entscheidung nur halb bewusst gewesen. Denn insbesondere die Arbeiten der inzwischen 76-jährigen Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom, die die begehrte Auszeichnung als erste Frau überhaupt erhielt, lassen die offiziell als alternativlos dargestellte „Klimapolitik“ nach dem Muster des Kioto-Protokolls in einem ungünstigen Licht erscheinen. Sie hat die Frage, wie gemeinschaftlich genutzte knappe Ressourcen vor der Erschöpfung bewahrt werden können, durch empirische Beobachtung von Fischern und anderen Nutzergruppen ganz anders beantwortet als die UN und ihre Bürokratien.

Seit den Anfängen der Umweltpolitik in den USA ist die von Ostrom untersuchte Problematik unter dem Schlagwort „Tragik der Allmende“ (Tragedy of the Commons) bekannt. Sie gilt noch heute als wichtigster Ausgangspunkt umweltökonomischer Überlegungen. Das Schlagwort wurde in einem Aufsatz geprägt, den der amerikanische Mikrobiologe Garret Hardin 1968 in „Science“ veröffentlichte. Hardin behauptete darin, auf eine entsprechende Theorie des reaktionären englischen Landgeistlichen Thomas Robert Malthus (1766-1834) verweisend, die Weltbevölkerung lasse sich mit Bakterien vergleichen, die sich in einer Kulturflüssigkeit so lange exponentiell vermehren, bis ihre Population infolge von Nährstoffmangel zusammenbricht. Die größte Gefahr für die Umwelt geht danach von der menschlichen Freiheit aus. Denn freie Menschen, so die Vorstellung Hardins, werden in egoistischer Manier versuchen, ein möglichst großes Stück des Kuchens zu ergattern. Almbauern werden danach trachten, auf der Gemeindeweide (Allmende) den Viehbestand zu maximieren, bis kein Gras mehr wächst. Fischer werden versuchen, ihre Fangflotte und ihre Netze zu vergrößern beziehungsweise deren Maschen zu verkleinern, bis die Fischgründe leer gefischt sind.

Hardin beschreibt die Problematik in folgenden Worten: „Als rational denkendes Wesen strebt jeder Viehhalter danach, seinen Gewinn zu erhöhen, … mehr oder weniger bewusst stellt er sich die Frage: Was nützt es mir, wenn ich meiner Herde ein weiteres Stück Vieh hinzufüge. Diese Nutzung hat eine positive und eine negative Komponente. Die positive Komponente besteht in der Funktion der Hinzufügung eines Stückes Vieh. Da der Viehhalter den ganzen Erlös vom Verkauf eines zusätzlichen Tieres erhält, beträgt der positive Nutzwert fast plus eins. Die negative Komponente besteht in der Funktion der zusätzlichen Abgrasung durch ein weiteres Stück Vieh. Da nun die Auswirkungen des Abgrasens alle Viehhalter betreffen, beträgt der negative Nutzwert für den einzelnen Viehhalter nur einen Bruchteil von minus eins. Wenn er die anteiligen Nutzwerte addiert, wird der rational denkende Viehhalter zu dem Schluss kommen, es sei für ihn das einzige Vernünftige, seiner Herde ein weiteres Tier hinzuzufügen und noch eins und so weiter. Aber zu diesem Schluss wird jeder rational denkende Viehhalter bei freier Nutzung der Allmende kommen, und darin liegt die Tragödie.“

So gesehen, scheint die Lösung auf der Hand zu liegen: Der Geist Adam Smiths muss aus der Wirtschaft verbannt werden. Der Staat muss eingreifen und die knappen Ressourcen rationieren, zum Beispiel durch die Zuteilung oder Versteigerung einer streng begrenzten Zahl handelbarer Nutzungsrechte. Diese Hauruck-Methode liegt dem Kioto-Abkommen über die Reduktion von „Treibhausgasen“ und dem darauf aufbauenden Handel mit CO2-Emissionsrechten zugrunde.

Elinor Ostrom zeigte demgegenüber in ihrem bekanntesten Werk „Governing the Commons“, dass Almbauern, Fischer oder Wassernutzer durchaus in der Lage sind, die Verwertung ihrer Ressourcen ohne staatliche Auflagen und Eingriffe selbst zu regulieren – und zwar viel effizienter als der Staat das könnte. Weit davon entfernt, sich so stur egoistisch zu verhalten wie Hardins Modell-Männchen, reden Menschen aus Fleisch und Blut, also auch Viehzüchter, Ackerbauern und Fischer nämlich miteinander, handeln gemeinsame Nutzungsregeln aus und überwachen deren Einhaltung selbst, wenn sie ein Problem auf sich zukommen sehen. Gesunder Menschenverstand ist unter einfachen Menschen offenbar viel weiter verbreitet, als es sich viele Wirtschaftstheoretiker vorstellen können. Dafür gibt es eine Fülle historischer Beispiele. Probleme der Übernutzung von Ressourcen traten meist nur in der Folge von Naturkatastrophen, Kriegen oder Revolutionen auf. Althistorikern ist zum Beispiel bekannt, dass die Versalzung von Ackerböden im Zweistromland keine unausweichliche Konsequenz Jahrtausende währender intensiver Bewässerungslandwirtschaft war, sondern die Folge von Kriegen und gesellschaftlichen Umbrüchen. In diesen Zeiten wurde die Unterhaltung der Kanäle vernachlässigt, so dass das labile Gleichgewicht zwischen Wasserzu- und -abfluss gestört wurde. Ähnlich kam es in Europa in der Regel nicht deshalb zu wiederholten Hungersnöten, weil die Menschen zu viele Kinder in die Welt setzten und zu viel aus ihren Böden herauszuholen versuchten, sondern weil die Ertragskraft der Äcker infolge der „Kleinen Eiszeit“ deutlich abnahm oder weil Konflikte wie der 30-jährige Krieg eine ordentliche Bestellung der Äcker nicht mehr zuließen.

Im Kioto-Prozess versuchen Berufspolitiker und Bürokraten diese historischen Erfahrungen in den Wind zu schlagen, indem sie von vornherein ausschließen, dass die arbeitenden Menschen Probleme ein Stück weit auf sich zukommen lassen und selbst überlegen können, wie sie ihnen als Einzelne und als Angehörige von Kollektiven begegnen wollen. Die Menschen sollen dazu erzogen werden, ihren fünf Sinnen zu misstrauen, ihren Verstand abzuschalten und nur offiziellen Modellrechnungen Glauben zu schenken. Eine selbst ernannte Elite von Weltrettern rechnet den zu Untertanen degradierten Menschen gerade im Vorfeld der Kopenhagen-Konferenz über eine Fortschreibung und Verschärfung des Kioto-Protokolls vor, dass weltweit nur noch 750 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre freigesetzt werden dürfen, wenn der Anstieg der bodennahen Durchschnittstemperatur auf zwei Grad Celsius begrenzt werden soll. Dieser Vorgabe sollen sich die Menschen fügen.

Um uneinsichtige Menschen gefügig zu machen, gilt der Handel mit rationierten Emissionsrechten als Mittel der Wahl. Gegenüber dem spontanen Aushandeln von Regeln der Ressourcennutzung vor Ort zeichnet sich der Handel mit „heißer Luft“ durch maximale Intransparenz aus. Er wird im Unterschied zu den bewährten Formen lokaler Selbstorganisation mit ziemlicher Sicherheit nicht die an ihn geknüpften offiziellen Erwartungen erfüllen, sondern vor allem eines bewirken: eine gigantische Umverteilung von Geldern von unten nach oben, das heißt in die Kassen eines internationalen Finanzkartells. Um dessen Interessen und nicht um das (ohnehin nicht definierbare) Weltklima geht es offenbar beim „Klimaschutz“. Elinor Ostroms starkes Plädoyer für die Anwendung des Subsidiaritätsprinzips beim Ressourcenschutz könnte durchaus helfen, diesen Schwindel auffliegen zu lassen.

Auch die Arbeiten Oliver Williamsons (die ich nicht gelesen habe, weil sie sich mehr mit betriebswirtschaftlichen Problemen beschäftigen) liegen, soweit ich das einschätzen kann, nicht gerade auf der Linie des derzeitigen Mainstreams rein theoretischer Modellspielereien, sondern beschäftigen sich mit konkreten Problemen der Corporate Governance. So zum Beispiel mit dem Problem der Transaktionskosten in Unternehmer-Netzwerken und der damit zusammenhängenden Frage nach der geeigneten Unternehmensgröße in Abhängigkeit vom jeweils gewählten Geschäftsmodell. Auch mit der oft überlebenswichtigen Entscheidung für oder wider den Aufbau eigener Entwicklungsabteilungen hat sich Williamson auf undogmatische Weise beschäftigt. Wie Ostrom geht auch er davon aus, dass der Markt beim Versuch, Probleme der Ressourcenknappheit zu lösen, nicht vergötzt werden darf. Beide begreifen den Markt vielmehr als eine Institution neben anderen, die sich im Laufe der Geschichte bewährt haben. Gerade damit rücken sie in die Nähe der österreichischen Schule der Politischen Ökonomie mit dem Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek und der Public Choice Theorie von Wirtschaftsnobelpreisträger James Buchanan. Denn die österreichische Schule hat sich, aufbauend auf der subjektiven Wertlehre, nie mit Modellmenschen wie dem berühmt-berüchtigten Homo oeconomicus beschäftigt, sondern mit den mehr oder weniger vernünftigen Entscheidungen realer Individuen.   

Internet

Die Tragik der Allmende

Wofür Ostrom und Williamson geehrt wurden

Literatur

Garrett Hardin: The Tragedy of the Commons. In: Science. 162/1968. S. 1243-1248 (deutsch  in: Michael Lohmann (Hrsg.): Gefährdete Zukunft. Hanser, München 1970, S. 30-48 und dtv Bd. 920, München 1973, S. 29-46)

Elinor Ostrom: Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action. Cambridge University Press, Cambridge 1990, ISBN 0-521-40599-8, deutsch.: Die Verfassung der Allmende. Mohr, Tübingen 1999, ISBN 3-161-46916-X

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