17. Oktober 2009

Ökonomik Kein Marktversagen

Nobelpreis für Oliver Williamson

Am Montag den 12. Oktober wurde Oliver E. Williamson der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften vergeben. Er teilt sich Preis und Preisgeld mit Elinor Ostrom. Williamson erhält den Preis für seine Verdienste um die Analyse ökonomischer Institutionen, insbesondere für seine Forschung rund um die Grenzen des Unternehmens. Beide Preisträger arbeiten auf dem Gebiet der Institutionenökonomik.

Bedauerlicherweise und fälschlich wird Williamsons Arbeit nun als wissenschaftlicher Beitrag zum Versagen des „freien Marktes“ angeführt. So schreibt etwa die „Financial Times Deutschland“: „Den Wirtschaftsnobelpreis 2009 teilen sich zwei Wissenschaftler, die sich ausführlich mit dem Versagen des freien Markts befasst haben. Damit gewinnen Konzepte aus anderen Sozialwissenschaften für die ökonomische Theorie an Bedeutung, wie soziales Kapital und Vertrauen. […] Gemeinsam ist beiden Forschern, dass sie die Mängel des Markts analysieren, aber die Lösung nicht in einem Eingriff des Staats sehen. Williamson beschreibt, wann und warum Geschäfte innerhalb der Grenzen einer Firma stattfinden sollten und nicht auf dem freien Markt.“ Im „Handelsblatt“ heißt es: „Die Verleihung des diesjährigen Nobelpreises für Wirtschaft folgt dem derzeitigen gegen die Märkte gerichteten Zeitgeist. […] Die beiden Würdenträger haben zwar unterschiedliche Arbeiten abgeliefert, die jedoch durch ein gemeinsames Leitthema verbunden sind: das Interesse an Entscheidungen, die außerhalb des konventionellen Markts getroffen werden.“

Diese Einschätzungen sind Folge eines verzerrten Bildes freier Märkte. Zumindest darin kommt der Zeitgeist zum Ausdruck. Denn freie Märkte dienen der Öffentlichkeit als Sammelbegriff für all das, was man ablehnt, ja abzulehnen hat. Mit Genugtuung wird daher der Forschungsbeitrag Williamsons zum „Marktversagen“ aufgenommen. Marktversagen wird inzwischen als omnipräsente Erklärung herangezogen, wann immer die Dinge nicht wunschgemäß laufen. So lässt sich der sinkende Milchpreis ebenso auf Marktversagen zurückführen wie die Wirtschaftskrise. Marktversagen wird indes in der öffentlichen Debatte nicht in derselben Bedeutung wie von Williamson gebraucht. Marktversagen liegt nach der populären Definition eigentlich immer vor, wenn Gewünschtes nicht zur Realität wird. Mit zunehmender Zahl der durch eine Konsumgesellschaft sozialisierten Menschen, nimmt auch die Zahl der geweckten Wünsche zu. Folgerichtig gibt es auch immer mehr Gelegenheiten, Marktversagen zu entdecken.

Williamson benutzt den Begriff des Marktversagens völlig anders. In seinem Magnum Opus „The Economic Institions of Capitalism“ spricht er davon, dass manche Ökonomen die Existenz von Unternehmen als Beweis eines andauernden Marktversagens sehen. Ökonomen hätten die Tendenz, wann immer sie unübliche Unternehmensorganisation (damit meint Williamson im Grunde alles, was Kapitalismuskritiker auch heute noch als Negativbeispiel anführen, also Fusionen, Großunternehmen, Konglomerate, Konzerne), nicht verstünden, die Erklärung dafür in einem Monopol zu suchen. Es sei daher kein Wunder, dass andere Sozialwissenschaftler solche unüblichen Unternehmensorganisationen als antisozial einstuften.

Williamson dagegen macht es sich zur Aufgabe, solche Unternehmensorganisationen durch das Streben nach wirtschaftlicherer Organisation mittels der Verringerung von Transaktionskosten zu erklären. Er zerrt dadurch ans Licht, was in der neoklassischen Theorie im Verborgenen abläuft, nämlich die Produktion durch Unternehmen. Das Unternehmen und seine Organisation werden beleuchtet, indem Williamson die „black box“ Unternehmen öffnet. Mit Hilfe der Transaktionskosten, das sind Kosten, die aus der Benutzung von Märkten entstehen, erklärt er die Existenz und Grenzen von Unternehmen. Mit Marktversagen meint Williamson schlicht die Tatsache, dass Märkte nicht perfekt im Sinne des Modells der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie sind. Anstatt realitätsfern das Fehlen von Transaktionskosten anzunehmen, untersucht er, welchen Einfluss diese auf bestimmte ökonomische Institutionen und Organisationen haben.

Im Grunde befasst Williamson sich daher nicht mit dem Versagen des freien Marktes, sondern mit den Lösungen, die dieser für bestimmte ökonomische Organisationsprobleme hervorgebracht hat. Denn die Gründung eines Unternehmens, die Ausgestaltung der Mechanismen zu Unternehmenskontrolle und seiner Führung wie schon die dem zugrunde liegende Frage der Unternehmensform sind Ergebnisse freiwilligen Handelns der Marktteilnehmer. Beispielsweise kannte das deutsche Recht keine Franchiseunternehmen. Gleichwohl bestand ein ökonomischer Bedarf für eine Unternehmensform, mit der ein Unternehmer zwar selbständig und auf eigenes Risiko wirtschaften kann, die ökonomische Vorteilhaftigkeit der Steuerung durch zentrale Vorgaben etwa im Hinblick auf den Markenauftritt dennoch gewährleistet war. Im deutschen Recht entwickelten sich die rechtlichen Regelungen für Franchiseunternehmen aus der Vertragspraxis und nicht durch Vorgaben des Gesetzgebers. Die Nachfrage nach der Unternehmensform „Franchiseunternehmen“ konnte durch die weitgehend gegebene Vertragsfreiheit in Deutschland befriedigt werden. Die Handlungen der Franchisebeteiligten, die Verträge die sie miteinander abgeschlossen haben, sind Ausdruck des Bestrebens eine möglichst effiziente ökonomische Organisation herzustellen.

Nach der Stilisierung Williamsons zu einem Erforscher des Marktversagens muss es bei dem bleiben, was Hayek bereits anlässlich des Erhalts seines eigenen Nobelpreises in seiner Tischrede im Jahr 1974 äußerte. Er wandte sich scharf gegen die Verleihung eines solch prestigeträchtigen Preises im Bereich der Wirtschafswissenschaften. Da der Preis erst wenige Jahre zuvor erstmals überhaupt verliehen wurde, muss Hayek in diesem Punkt gutes Augenmaß hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung beschieden werden. Die Verleihung des Preises an Krugman im vergangenen Jahr zeigt, dass Hayeks Befürchtungen eingetroffen sind. Krugmans Einschätzungen, die weniger wertfreiem ökonomischen Denken, sondern sozio-politischen Forderungen entspringen, sind durch den Nobelpreis mit einem Grad von falscher Autorität ausgestattet worden, der einen fruchtbaren Diskurs erschwert. Hayek war der Auffassung, dass in den Sozial- und Gesellschaftswissenschaften keine Einzelperson eine Meinung von solchem Gewicht haben können sollte, wie es durch den Nobelpreis ermöglicht wird. Anders als in den Naturwissenschaften bestehe die Gefahr, dass mit dem Nobelpreis ausgestattete Ökonomen einen unangemessenen Einfluss auf Presse und Politik bekämen. Hayek befürchtete wohl, dass durch den Nobel zweifelhafte wissenschaftliche Erkenntnis in den Stand der Unfehlbarkeit befördert werden konnte. Angebliche unfehlbare wissenschaftliche Erkenntnis zieht jedoch, diese Erfahrung hatte Hayek gemacht, politische Experimente nach sich, vor denen Hayek während seines gesamten Schaffens gewarnt hatte.

Mehr bei ef:

Quellen:


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Dirk Friedrich

Über Dirk Friedrich

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige