Alexander Kissler

Jg. 1969, Journalist und Buchautor, www.alexander-kissler.de

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Auf der Buchmesse : Von Menschen und Monstern

von Alexander Kissler

Ein Erfahrungsbericht

Wäre man Kafka, man könnte es lakonisch formulieren: „Auf der Buchmesse gewesen. Geweint.“ Im Gegensatz zu den Tränen der Rührung, mit denen Kafka einen Kinobesuch bezahlt haben soll, ist das Frankfurter Augenwasser ein sehr schillerndes Gemisch. Nun, zurückgekehrt, weiß ich partout nicht, was mir da für einen sehr kurzen Moment den Blick verschattete. Rührung etwa auch? Oder Mitleid? Oder Wut? Am Ende gar Erleichterung?

Die Frankfurter Buchmesse ist – man kann das nicht oft genug, nicht sachlich genug wiederholen – eine Messe. Zum Warenverkauf wurde sie ersonnen, Umsatz ist ihr Ziel. Insofern wohnt ihr ein pornographisches Moment inne.

Die Köpfe der Erfolgsautoren hängen allesamt in etwa zwei Meter fünfzig Höhe über jenen Büchern, die Erfolge sind oder werden sollen. Wie Fahndungsfotos wirken die fast ausnahmslos in Schwarz-weiß gehaltenen Fotos zunächst. Tritt man den Ständen näher, verwandeln sie sich in Trophäen, erlegtem Großwild gleich, das von des Hausherrn Jagdglück kündet. Hier war der jeweilige Verlag ganz munter auf der Pirsch.

Drittens dann scheinen die Porträts schlicht Werbung zu sein auf Litfasssäulen der besonderen Art. Käufliche Dienste schreien sie aus, Nimm-mich-mit! ist ihre Botschaft. Lust und Laune verheißen lächelnde Köpfe.

Im Laufhaus der Stars reüssiert, wer prunken kann mit erprobter  Prominenz. Das Gütesiegel auf dem Roman liefert die dem Roman ganz fremde Welt der Oberfläche und des Unsinns. Wenn Herr Schätzing sich durch sein neues Weltall-Epos hindurch kölscht oder der wehende Schal des unlustigen Mediziners von Hirschhausen zum Nasalpalaver lädt, sind Sitzplätze rar. Erfolg zeitigt Erfolg, Geld macht begehrt.

Dagegen ist wenig einzuwenden, und doch machte es mich schlucken, als ich sah, wer wenige Meter entfernt seinem Handwerk nachging. Eine Frau las, sekundiert vom Verleger, beäugt von exakt fünf fluktuierenden Unentwegten, aus einem wissenschaftlichen Sachbuch über die „Irrfahrt von sieben kanadischen Frauen im Dritten Reich.“ Hundertschaften bejohlten unweit den Schwadroneur. Irgendetwas stimmt da nicht, irgendetwas am Buch und am Geist, den es transportiert, ging entzwei. Rührend war das zarte Gespräch der beiden Einzelkämpfer.

Mitleid fast empfing den Flaneur an einem der trotzigen Bezahlverlage. Wer für in der Regel sehr viel Geld seinem Text eine ISBN-Nummer und eine Seitenleimung kauft, erwirbt sich das Recht zur Lesung. Sehr routiniert wird die Kundschaft hinters Pult geführt, um von dort 25 Minuten vorzutragen.

Die Geschichten handeln von den Enkelkindern, den Haustieren, dem Sinn der Welt oder all dem gemeinsam. Der Verlag schießt Fotos zwecks Dokumentation, die Hostessen verteilen schmale Blätter ans winzige Publikum, damit es wisse, welche A. oder B. oder C. sich hier einen Traum erfüllt. So sieht es die Autorin vermutlich auch. Ist Mitleid also angebracht?

Gut fühlte sich der Zorn an beim Queren der Hallen, die minütlich neue Prominenz ausspuckten. Wer im Zeitalter rasend wuchernder Illiterarität viele Bücher verkaufen will, darf nicht auf deren Lektüre angewiesen sein. Er muss jenen emotionalen Nährwert liefern, der entsteht, wenn der Kauf den Käufer ans Image des Gekauften bindet, den Konsum also seiner selbst im Medium des Buches ermöglicht. Kurze Sätze, wenig Sätze, kleine Themen, sehr viel Ich und wenig Welt erleichtern diese Rückkopplung. Jeder Gedanke ist ein Umweg und damit eine Störung.

Ach nein, dachte ich dann, Zorn verdient vielleicht der Markt doch nicht, der geistlos ist, wie jeder Markt es eben sein muss, weg mit den steigenden Wassern.

Die stöckelnden Frauen und durchparfümierten Männer, die schiefen Chinesen und die wirschen Frankfurter sausten vorbei wie Kulissen auf der Drehbühne. Endlich, am Ende, eine Gestalt aus Plüsch, vielleicht entlaufen aus der Kinderbuchabteilung. Ein zahmes Monster war’s, grünes Fell mit lila Zacken, halb Kalb und halb Bär, und ich dachte bei mir, erleichtert dann doch: Endlich ein Mensch.

Literatur

Deutschlandtheater: Politik und Zeitvergehen 2008/09 - Alexander Kisslers Kolumnen jetzt als Buch

19. Oktober 2009

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