28. Oktober 2009

Die Alliierten gegen den deutschen Widerstand Verratene Helden

Eine Erklärung für das historische Unverständnis der zen-erleuchteten Deppen

Obwohl Beate Ruhm von Oppen nie eine meiner Lehrerinnen war, erinnere ich mich deutlich an sie in meiner Zeit als Student am St. John’s College. Obwohl sie aufgrund fortgeschrittenen Alters einen langsameren Gang und eine schwächere Stimme hatte, kann ich – auf der Grundlage einiger Gespräche – bezeugen, dass ihr Geist weiterhin hellwach war. Rückblickend bereue ich es, diesen Geist nicht häufiger genutzt zu haben, als ich dazu die Gelegenheit hatte: Sie starb 86-jährig im Jahr 2004, und ihr Nachruf erwies sich für mich und viele meiner Klassenkameraden als Augenöffner: „Geboren in Zürich, Schweiz, und in Deutschland aufgewachsen, schloss Oppen ihre Sekundarstufenausbildung in Holland ab und zog später nach England, wo sie an der Universität Birmingham studierte. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete sie für das britische Außenministerium, wo sie deutsche Propaganda analysierte. Sie schloss sich dann dem Royal Institute of International Affairs an. In den späten 50er Jahren zog Oppen in die Vereinigten Staaten. Sie nahm eine Stelle an der American Historical Association an, wo sie in einer als „Torpedo Factory“ bekannten Einrichtung in Alexandria, Virginia, sichergestellte deutsche Dokumente durchkämmte. Danach war sie eine Gastdozentin am Smith College, verbrachte ein Jahr in der Geschichtsabteilung der Universität Massachusetts in Amherst und schloss sich später dem Institute for Advanced Studies in Princeton an, wo sie die Rolle der Religion im deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus erforschte. Oppens Interesse am deutschen Widerstand führte sie dazu, die Briefe Helmuth James von Moltkes an seine Frau Freya zu übersetzen und zu editieren. Moltke, ein Rechtsberater des Oberkommandos der Wehrmacht, arbeitete innerhalb des Regimes, um die Nazis zu schwächen, und wurde festgenommen und hingerichtet. Die deutsche Ausgabe des Bandes gewann im Jahr 1989 den Geschwister-Scholl-Preis, eine der renommiertesten Auszeichnungen Deutschlands.“

Nun, da sie das Zeitliche gesegnet hat, ist ihr Werk der einzige Weg, Oppen kennenzulernen. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit im Hinblick auf den deutschen Widerstand war, wie beschrieben, Helmuth James Graf von Moltke. Aber sie studierte auch andere Themen wie das fehlgeschlagene Attentat von 1944 auf Adolf Hitler und die Reaktion des britischen Außenministeriums auf diesen versuchten Anschlag. Die Öffentlichkeit ist dank des Spielfilms „Operation Walküre“ vor kurzem auf den fehlgeschlagenen Staatsstreich an sich aufmerksam gemacht worden, aber die damalige Reaktion der Alliierten ist außerhalb des öffentlichen Blickpunkts geblieben. Auf der Grundlage ihrer Erfahrung aus erster Hand schrieb Oppen über die Stimmung im britischen Außenministerium, als die Nachricht kam, dass Hitler das Attentat überlebt hatte: „Der Fehlschlag des Attentats wurde mit Erleichterung zur Kenntnis genommen. Zwei Gründe wurden dafür gegeben. Einer war vernünftig, der andere weniger und, wie mir schien, übertrieben kaltblütig. ‚Ein Erfolg hätte zu einer weiteren Dolchstoßlegende geführt und hätte ein neues deutsches Regime genauso schwer belastet wie die Legende vom geraubten Sieg nach dem Ersten Weltkrieg die Weimarer Republik belastete.“ Das ergab Sinn. Der andere, in meinen Augen weniger ehrbare Grund war, dass die Verschwörer nicht die Art von Leuten waren, mit denen die Alliierten arbeiten konnten.“ Es scheint, dass einige englische Politiker befürchteten, vom Kontakt mit „zu vielen Grafen und Baronen“ blaublütige Läuse zu bekommen, so Oppen ironisch. Es sei daran erinnert, dass die anglo-amerikanischen Führer keine Skrupel hatten, einige Hunderttausend Männer, Frauen und Kinder in radioaktive Briketts zu verwandeln, um „den Krieg zu beenden“. Das heißt, um den Krieg bedingungslos zu beenden, ohne Friedensverhandlungen führen zu müssen. Und man erinnere sich daran, dass die Alliierten bereit waren, mit dem berühmten internationalen Menschenfreund Josef Stalin ein Bündnis einzugehen, um den Führer zu besiegen. Aber mit den Gegnern Hitlers innerhalb der deutschen Aristokratie zusammenarbeiten – nun, das war offensichtlich zuviel verlangt. Es gibt nun mal Grenzen.

Eine solche aristokratische persona non grata war die von Oppen biographisch beschriebene Person – ein Großneffe des berühmten preußischen Feldmarschalls gleichen Namens – Helmuth James von Moltke. Obwohl in mehreren Zirkeln aktiv, fand Moltkes produktivste Arbeit im Kreisauer Kreis statt, der nach dem Landsitz des Grafen benannt wurde, wo sich protestantische Theologen, katholische Priester und Laien-Intellektuelle trafen, um das Schicksal Deutschlands zu diskutieren. Das Bestreben Moltkes und seiner Gefährten war, dass Deutschland nach Hitler nicht die Fehler der Weimarer Republik wiederholt, sie suchten nach irgendeiner realisierbaren, humanen Vision, die das nach der unvermeidbaren Selbstzerstörung des Nationalsozialismus hinterlassene Vakuum füllen würde. Die Kreisauer Papiere schildern eine dezentralisierte Gesellschaft, die in organischen Institutionen verankert ist, in denen regionale Autonomie und eine unabhängige örtliche Herrschaftsklasse den Aufstieg eines jeden totalitären Demagogen verhindern würden. Dieses dezentrale Ideal entsprang aus der christlichen Orientierung der Kreisauer, die sich in die Praxis durch die Betonung des Lokalismus und der kleinen Gemeinden übertrug. Solche auf „natürlich auftretende Verknüpfungen zwischen Individuen“ basierten Gemeinden – das heißt, auf organische Bande, die Familien und Nachbarn miteinander verbinden – waren aus der Sicht Moltkes der Schlüssel zu einer geistig dauerhaft gesunden Gesellschaft.

Moltke zufolge war der Nationalsozialismus eine logische Konsequenz des modernen Trends zur politischen und wirtschaftlichen Konsolidierung, einer Konsolidierung, die menschliche Identität auslöschte wie auch die ökonomischen Mittel, mit denen Individuen sich einer Tyrannei widersetzen könnten. Anonymisiert und gesichtslos wie Ameisen in einem Bau, hat der moderne Massenmensch keine Chance zu spiritueller oder politischer Freiheit. Schon früh ordnete Moltke die philosophischen Wurzeln dieses totalitären Trends seinem Reizthema G. W. Hegel zu und warnte, dass „wir nach meiner Ansicht auf dem Weg sind, der durch Hegel zur Vergöttlichung des Staates führt.“

Wie sich Moltkes dezentralisierte Gesellschaft entwickelt hätte, kann man nur vermuten. Und ob Moltke recht hatte, Hegel die Schuld zuzuschreiben, ist strittig. Jedenfalls haben Köpfe, die besser qualifiziert sind als meiner, in Frage gestellt, inwiefern Hegel im Hinblick auf den modernen totalitären Impuls wirklich verantwortlich ist. Aber unabhängig davon, ob die Antworten richtig oder falsch waren, Moltke stellte zumindest die angemessenen Fragen. Während er den falschen Verdächtigen befingert haben mag, war ihm auf jeden Fall die wesentliche Natur des Problems bewusst – was mehr ist, als man von den meisten damaligen oder heutigen Intellektuellen sagen kann. Es lohnt sich, das zu betonen. Während Moltke den Nationalsozialismus besonders verabscheute, bezogen sich seine Bemerkungen über den allgemeinen Trend hin zum „vergötterten Staat“ auch auf die Bolschewisten sowie auf die zunehmend zentralisierten Regierungen Amerikas und Großbritanniens.

Auf jeden Fall war Moltkes Verachtung des Nationalsozialismus ein Hindernis für seine potentielle Karriere in der Richterschaft; er wurde einberufen, um als Rechtsberater des Oberkommandos der Wehrmacht zu dienen. Auf diesem Posten war er bestrebt, wo immer er konnte, Leute vor der Nichtbeachtung des Völkerrechts durch das Dritte Reich zu schützen. Ein von Moltke entworfenes Memorandum – das die Misshandlung von und den Massenmord an russischen Kriegsgefangenen thematisiert – war an Feldmarschall Wilhelm Keitel gerichtet. Im Protest gegen solch barbarische Maßnahmen erinnerte Moltkes Memorandum Keitel daran, dass „Kriegsgefangenschaft weder Rache noch Strafe ist, sondern ausschließlich Schutzhaft, deren einziger Zweck die Verhinderung einer weiteren Beteiligung der Gefangenen am Krieg ist. Dieses Prinzip wurde in Übereinstimmung mit der Meinung aller Armeen entwickelt, dass es der militärischen Tradition widerspricht, hilflose Menschen zu töten oder zu verletzen.“

Keitels Antwort war, dass solche „Einwände aus der militärischen Vorstellung der ritterlichen Kriegsführung stammen. Es handelt sich hier um die Vernichtung einer Ideologie. Daher befürworte und unterstütze ich die Maßnahmen.“ Man erkennt in der Hinrichtung Keitels im Jahr 1946 beim Nürnberger Tribunal eine grimmige Logik – sie war schließlich die natürliche Erweiterung seiner eigenen Missachtung der Kriegsgesetze und seiner Behandlung von Kriegsgefangenen. In dieser Missachtung erkennen wir eine gemeinsame Grundlage von Kommunisten, Nazis und technokratischen Managern: Die herablassende Verachtung der Ritterlichkeit, jenes ernstgemeinten existentiellen Ideals, demzufolge es besser ist, einen ehrbar geführten Krieg zu verlieren, als beim Erringen des „Sieges“ die eigene Menschlichkeit zu verlieren. Ein Volk, das materiellen Erfolg verehrt und sich keine Gedanken darüber macht, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, wird seine feige Ablehnung solcher Ideale mit Gerede über „Praktikabilität“ und „Realismus“ kaschieren. Während des Krieges sah Moltke, dank seiner Expeditionen in den von Deutschland besetzten Gebieten zwecks Tatsachenfeststellung aus erster Hand die Wirkungen einer solch breiten Ablehnung. Selbst als die meisten seiner Landsleute Hitlers Siege von 1940 feierten, beschrieb Moltke die Eroberung von Paris als „einen Triumph des Bösen“. Wann immer sich die Gelegenheit bot, behinderte er Verstöße des Nazi-Regimes, doch solche Errungenschaften erschienen ihm als „Siege über eine Hydra. Ich schlage einen Kopf des Ungeheuers ab, und es wachsen an seiner Stelle zehn neue.“

Natürlich erweckten Moltkes Aktivitäten und Einwände im Verlauf der Zeit immer mehr negative Aufmerksamkeit, und im Januar 1944 wurde er schließlich von der Gestapo festgenommen. Obwohl viele seiner Kreisauer Kollegen unmittelbar an der Walküre-Verschwörung beteiligt waren, konnten Ermittler keinen direkten Beweis feststellen, der eine Verwicklung des Grafen in irgendeine ausdrücklich illegale Aktivität nachgewiesen hätte. Daher wurde in seinem Fall allein aufgrund seiner intellektuellen Überlegenheit, die dem Staat als eine Bedrohung vorkam, das Todesurteil verhängt. Wie Moltke kurz vor seiner Hinrichtung seiner Frau schrieb: „Wir werden gehenkt, weil wir zusammen dachten. Wenn wir tatsächlich sterben müssen, dann bin ich gewiss dafür, aus diesem Grund zu sterben.“ Bezüglich seiner Motivation schrieb er, dass er seinen Henkern „als Christ und sonst nichts“ begegnen werde. Mit einer Art indirektem Kompliment war das Reich gezwungen zuzugeben, dass Glaube und Ideen mindestens genauso gefährlich sind wie Bomben und Geschosse.

Obwohl er sich Hitler ganz von Anfang an leidenschaftlich widersetzt und das Bestreben hatte, die Hilflosen vor der SS zu schützen, vergossen weder die Amerikaner noch die Engländer viele Tränen, als er 1945 von den Handlangern des Führers hingerichtet wurde. Ebensowenig trauerten die Politiker der Alliierten um irgendeinen der anderen Dissidenten und Widerstandskämpfer, die nach dem Fehlschlag der Operation Walküre hingerichtet wurden. Im Gegenteil, anglo-amerikanische Pressestellen verkündeten, dass das versuchte Attentat vom 20. Juli auf Hitler – und die verschiedenen mörderischen Säuberungsaktionen gegen Oppositionelle – lediglich einen Machtkampf innerhalb des Nationalsozialismus darstellten. Ein interner Vermerk des britischen Außenministeriums bringt die vorherrschende Stimmung elegant auf den Punkt: „Wir sind nach Lage der Dinge heute in einer besseren Position, als wenn die Verschwörung vom 20. Juli Erfolg gehabt hätte und Hitler ermordet worden wäre. Der Fehlschlag der Verschwörung erspart uns die Peinlichkeiten, sowohl hier wie in den Vereinigten Staaten, die sich aus einem solchen Schritt ergeben hätten; darüber hinaus entfernt die gegenwärtige Säuberungsaktion vermutlich zahlreiche Individuen, die uns nicht nur nach einem erfolgreichen Attentat, sondern auch nach dem Sieg über Nazi-Deutschland Schwierigkeiten hätten machen können. Die Gestapo und die SS haben uns einen großen Dienst erwiesen, indem sie eine Anzahl jener Leute entfernt haben, die sich nach dem Krieg zweifellos als die guten Deutschen ausgegeben hätten. Es ist daher zu unserem Vorteil, dass die Säuberungsaktion fortgesetzt wird, da uns, wenn Deutsche sich gegenseitig töten, in Zukunft vielerlei Peinlichkeiten erspart bleiben werden.“

Wie von Beate Oppen, der Kriegsanalystin für das britische Außenministerium, beobachtet, waren für englische Politiker „die ums Leben Gekommenen kaum der Rede wert, die Tötung der Verschwörer hatte offensichtlich einen positiven Aspekt.“ Anscheinend war „der folgende gewaltige Blutzoll auf alliierter – und jüdischer – Seite in den achteinhalb Monaten, die der Krieg in Europa noch dauerte, ein Preis, der zu zahlen notwendig war“, um sich ans Drehbuch zu halten. Ein erfolgreicher Staatsstreich hätte bedeutet, dass die Alliierten nicht Gelegenheit gehabt hätten, Deutschland in Schutt und Asche zu legen, und er hätte auch – wie im Vermerk formuliert – zu „Peinlichkeiten“ führen können.

Eine erfolgreiche Revolution jedoch hätte auch eine sofortige Beilegung des Kampfes mit den Alliierten bedeutet, eine Schließung der Todeslager und eine Verschonung derjenigen, die gegen Ende des Krieges das Leben verloren. Selbst ungeachtet der Soldaten der Alliierten und deutscher Kinder ist keinesfalls erkennbar, wie Anne Frank – die acht Monate nach dem erfolglosen Staatsstreich bei Bergen-Belsen starb – mit Hitler bis zum bitteren Ende an der Macht in einer „besseren Position“ war.

Mehrere Hypothesen mögen die im Vermerk zum Ausdruck gebrachten Gedanken erklären. Zum einen wurde die deutsche Aristokratie – und christliche Intellektuelle und lästige Geistliche – von progressiv eingestellten anglo-amerikanischen Liberalen genauso gehasst wie von Hitler. Zweifellos begrüßten einige in der avantgardistischen Elite die Aussicht auf eine Rekonstruktion Deutschlands ohne Störung durch lästige Fürsprecher einer traditionellen europäischen Zivilisation. Ein anderer Faktor war schlichter Nationalismus und Feindseligkeit gegenüber Deutschen an sich. Viele Engländer ebenso wie Amerikaner sahen den Krieg weniger als idealistischen Kreuzzug gegen die Nazi-Ideologie denn als einen Nationenkampf gegen die verhassten Hunnen. Der Unterschied zwischen tatsächlicher deutscher Kultur und der nationalsozialistischen Perversion dieser Kultur war für manche zweifellos schwer auszumachen. Folglich war nur ein toter Kraut ein guter Kraut, egal, was seine tatsächlichen Überzeugungen gewesen sein mögen. Der dritte Faktor wird vom Pulitzer-Preisträger und Geheimdienst-Analysten Thomas Powers gekonnt in seiner Diskussion des sogenannten „absoluten Schweigens“ Großbritanniens hervorgehoben. Das britische Außenministerium hielt sich stramm an seine Politik der Kontaktsperre mit dem deutschen Widerstand, selbst wenn das eine Behinderung der alliierten Kriegsanstrengungen bedeutete, wie Powers notiert: „Wie konnte der Geheimdienst Secret Intelligence Service (SIS), der dringend Informationen über Hitler und seine Regierung brauchte, es versäumen, den Kontakt mit den vielen Deutschen aufrechtzuerhalten, die vor dem Krieg an britische Türen klopften? General Hans Oster, im Abwehramt der erste Stellvertreter von Admiral Canaris, hatte konventionellen Verrat begangen, als er Berichte über Hitlers militärische Pläne an die Briten und Niederländer weiterleitete. Otto John hatte sich mit dem britischen Nachrichtendienst in Lissabon in Verbindung gesetzt. Ist es wirklich möglich, dass der SIS solchen erstklassigen Aktivposten die kalte Schulter wies? Die Antwort scheint ja zu sein.“

In diesem Zusammenhang lohnt sich ein genauerer Blick auf Hans Osters Karriere. Oster, ein deutscher Offizier der alten Schule, der vom gesetzwidrigen Handeln und der Brutalität der Nazis angewidert war, hatte schon im Jahr 1938 ein Komplott zum Sturz Hitlers organisiert – sogar noch vor Beginn des Krieges. Die umfangreiche „Oster-Verschwörung“ verlief leider im Sande, als Neville Chamberlain in München den Forderungen Hitlers stattgab und dem Führer damit eine Aura der Unbesiegbarkeit und des Erfolges verpasste, die einen Staatsstreich unmöglich machte. Somit versuchte Oster während des Krieges, Hitlers Pläne zu untergraben, den Untergrund zu unterstützen und deutsche Militärgeheimnisse an die Alliierten weiterzuleiten. Gleichzeitig war Osters Kollege im Abwehramt, Hans von Dohnanyi, mit einem eigenen Projekt beschäftigt. Graf Dohnanyi orchestrierte eine verdeckte Aktion mit dem Kennwort U-7, bei der deutsche Juden in die Schweiz geschmuggelt und in Sicherheit gebracht wurden. Für dieses Unternehmen wurde Dohnanyi im Jahr 2003 posthum von der israelischen Regierung geehrt. Aber während des Krieges wurde die Existenz solcher Rebellen von denselben Alliierten, die sie vergeblich zu kontaktieren versuchten, nicht erkannt, und Powers spekuliert, weshalb: „Die Weigerung der Briten, irgendetwas mit der Opposition gegen Hitler zu tun zu haben, ging fast sicher zumindest teilweise auf eine nachklingende Verlegenheit über das miserable Versagen von Chamberlains Regierung zurück, Hitler gegenüber standhaft zu bleiben, als das noch genügt hätte, einen Krieg zu verhindern.“

Nun ja – man ignoriere ein Problem und es wird verschwinden. 1944 entdeckte die Gestapo die Widerstandszelle innerhalb des deutschen Geheimdienstes und nahm Oster und Dohnanyi fest. Sie wurden in Konzentrationslager gesteckt und praktischerweise kurz vor dem Zusammenbruch Deutschlands erhängt. Wieder: „Die Gestapo und die SS haben uns einen großen Dienst erwiesen, indem sie jene eliminierten, die sich als gute Deutsche ausgegeben hätten.“

Lord Noel Annan verbrachte den Krieg im British Joint Intelligence Office, und seine Meinung über die deutschen Widerständler wich erheblich vom vorherrschenden vernichtenden britischen Konsens ab. „Sie hatten zwei Ziele, wie die qualvollen letzten Briefe zeigten, die sie vor ihren Hinrichtungen schrieben: Ihrem Gewissen treu zu bleiben und ihre Ehre aufrechtzuerhalten. Sie wussten, dass sie als Verräter geschmäht werden würden, aber mit Ehre meinten sie die Bewahrung Deutschlands, des Landes Kants und Goethes, als einer großen Macht. Die Verschwörer waren Helden. Sie erkannten, wie klein ihre Erfolgschance war. Nur jene, die unter einem totalitären Regime mit Geheimpolizei und einer unterwürfigen Gerichtsbarkeit gelebt haben, können verstehen, wie schwierig eine Verschwörung war und wie grausam das Unterdrückungssystem.“

Annans Bewunderung für einige seiner Kollegen war wesentlich geringer: „Was kann man, auf der anderen Seite, über das britische Außenministerium sagen, das nach dem Krieg Dokumente unterdrückte, Beweise manipulierte und die Witwen und Kinder hingerichteter Verschwörer nicht zur Kenntnis nahm oder ihnen gar eine minimale Anerkennung zukommen ließ? Dies ist ein armseliges kleines Kapitel.“

Dieses armselige kleine Kapitel ist noch nicht abgeschlossen. Viele Möchtegern-„Entlarver“ des deutschen Widerstandes sind seit dem Film „Walküre“, der sich besonders auf die Rolle des Chefverschwörers Claus Schenk Graf von Stauffenberg konzentriert, aus ihren Löchern gekrochen. Selbsternannte Wächter historischer Integrität wiederholen eindringlich das alte eigennützige Mem des britischen Außenministeriums: Es gab während des Krieges keine „guten Deutschen“. Zu diesem Zweck wird jeder mögliche Schmutzpartikel auf Oberst Stauffenberg ausgegraben – der Hitler anfangs unterstützte, aber 1942 vom Nationalsozialismus enttäuscht war. Besagter Schmutz wird aufgetischt und schadenfroh als die zentralen Tatsachen seines Lebens stilisiert, während alles Bewundernswerte und Ehrenhafte über den Grafen unterdrückt wird. Und der resultierende Verriss, bestehend aus Auslassungen, giftigen tatsachenverdrehenden Halbwahrheiten und Scheinwahrheiten, wird nun gegen einen Mann gerichtet, der ein wenig zu tot ist, um sich selbst zu verteidigen.

Unter anderem bekämpfte und untergrub Oberst Stauffenberg die mörderische Politik seines eigenen Oberkommandos gegenüber russischen Kriegsgefangenen. Hier in der Bizarrowelt hat dies kein moralisches Gewicht, auf jeden Fall nicht so viel Gewicht wie mutige Anprangerungen von Rassismus, vorgenommen von heroisch-modischen Experten der „Political Correctness“ in ihren bequemen Hallen der heutigen akademischen Welt. Und jene Wider-ständler indes, die vorausschauend genug waren, sich dem Nationalsozialismus schon lange vor dem Krieg zu widersetzen – wie zum Beispiel Moltke, Oster, Dohnanyi, Stauffenbergs Vetter Peter Yorck, Dietrich Bonhoeffer und andere? Nun, Möchtegern-Entlarver haben auch im Umgang mit diesen Leuten eine altbewährte Methode. In ihren gehässigen Angriffen gegen den deutschen Widerstand ignorieren sie diese Männer und beseitigen damit jede Spur dieser Märtyrer aus der Geschichte. Solch unwürdiges Verhalten ist erklärbar, wenn wir erkennen, dass die Klasse der angeblichen Intellektuellen im modernen Westen bloß aus Sophisten besteht, die eine eigennützige Geschichte feilbieten: Nur egalitäre Progressivisten seien wahre Menschen und daher verfügten egalitäre Progressivisten über ein Monopol der Anständigkeit und der Tugend. Daher müssen Aristokraten, politisch unkorrekte Theologen und traditionsbewusste Armeeoffiziere, die den deutschen Widerstand darstellten, wenn möglich durch den Dreck gezogen werden. Wenn nicht, dann werden sie im Gedächtnis-Loch versenkt.

Wie die Nazis selbst können die Anhänger des Globalismus keinem, der nicht unter ihre ideologische Decke passt, irgendein Verdienst zugestehen. Wenn Linke (und die meisten sogenannten „Konservativen“) anfangen, über die Gefahren örtlicher und partikularer Bindungen zu gackern, wollen sie kaum den Widerhall der Worte General Osters hören, wie sie vom niederländischen Geheimdienstoffizier zitiert wurden, dem Oster deutsche Militärgeheimnisse zuspielte: „Man könnte sagen, dass ich ein Verräter bin, aber in Wirklichkeit bin ich es nicht. Ich verstehe mich als besseren Deutschen als all jene, die Hitler hinterherlaufen.“ Sie sagen: Wenn Oster ein echter Held gewesen wäre, einer, der des Gedenkens würdig ist – dann hätte er verkündet, dass Nationen überflüssig sind und er selbst ein Weltbürger ist. Und wenn Stauffenberg ein echter Held gewesen wäre, nun, dann hätte er viel früher erkannt, dass es unmoralisch war, sich durch Sorgen darüber hemmen zu lassen, wie Deutschland vor den bolschewistischen Truppen zu schützen sei – die später in einigen Städten jede weibliche Deutsche von 8 bis 80 vergewaltigen würden.

Wirklich, wie kann es jemand versäumen, den Gegensatz zwischen den besten Repräsentanten der alten europäischen Aristokratie auf der einen Seite und unserer eigenen schwachsinnigen Elite auf der anderen Seite zu erkennen? Erstere nahmen sich Aristoteles These der großen Seele zu Herzen und machten sich in vielen Fällen so viel Sorgen um Familientraditionen der Ehre und des Edelmuts, dass sie für sie zu sterben bereit waren. Letztere strebt im Leben kaum mehr an, als die unmittelbare Befriedigung, „in“ zu sein. Ich habe die nächste Führungsgeneration von Nahem gesehen, und der Anblick ist nicht schön: Der ethische Tiefgang des intelligenten jungen Yuppietums ist auf der Webseite „Stuff White People Like“ erschöpfend ausgelotet worden. Das vielleicht Optimistischste, was man über unsere Klasse der bürgerlichen Bohème sagen kann, ist, dass die meisten von ihnen einfach zu schal und oberflächlich sind, um absichtlich bösartig zu sein. Um das zu verdeutlichen gebe ich eine akademische Diskussion an einer Universität über Robert Frosts Gedicht „Mending Wall“ wieder, bei der sich die Debatte dahin wandte, dass Mauern notwendig seien, um Identität zu bewahren. In diesem Moment fiel ein zen-erleuchteter Depp ins Wort: „Wieso nehmen wir als gegeben hin, dass es gut ist, eine Identität zu haben? Das ist, ne, sone westliche Annahme.“ Es ist lächerlich anzunehmen, dass solche Leute genug Integrität besitzen, um Totalitarismus überhaupt zu erkennen, geschweige denn sich ihm zu widersetzen. Wie Moltke über seine eigenen Landsleute sagte: „Niemand bereitet mir mehr Probleme als Leute, die dermaßen in sich ruhen. Sie sind wie Chamäleons: In einer gesunden Gesellschaft scheinen sie gesund, in einer kranken Gesellschaft scheinen sie krank zu sein. In Wahrheit jedoch sind sie weder das eine noch das andere. Sie sind Flaum.“

Die angemessene Frage ist nicht, wie irgendein Bürger der heutigen posthumanisierten Internazi-Kultur einen Moltke oder den deutschen Widerstand oder die Ereignisse des 20. Juli 1944 beurteilt. Die Frage ist, ob diese irrsinnig dekadente Kultur überhaupt noch irgendeine Urteilsfähigkeit von Wert besitzt.

Information A

Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 97.

Information B

Übersetzung: Robert Grözinger. Die Zitate von Deutschen sind aus dem englischen Text rückübersetzt worden und stimmen ggf. nicht wortwörtlich mit den Originalzitaten überein. Der Artikel erschien zuerst in englischer Sprache im Internetmagazin „Brussels Journal“.

Literatur

Beate Ruhm von Oppen (Herausgeberin), Helmuth James von Moltke: Briefe an Freya 1939-1945, Beck 2007, 683 Seiten, 16,90 Euro


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Autor

Jerry Salyer

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