28. Oktober 2009

Soziale Gerechtigkeit Von Kasten und Ständen, Tattoos und Kevins

Importierte Modenamen sind zum Stigma geworden

In einem Land kurz nach unserer Zeit könnte geschehen, was der Kabarettist Thomas Pigor vorsorglich in ein Lied verpackt. „Die Kevins hau’n uns raus“, singt er in schmeichlerischem Breitwand-Pop, „die Kevins hau’n uns raus, die bringen das Land in Schwung, / die stell’n sich der globalen Herausforderung!“. Zu lachen sei da unangebracht, trällert Pigor, denn auch wer heute das Wort „Chirurg“ nicht buchstabieren kann, wird morgen schon operieren. „Dass es wieder aufwärts geht, weißt du, wenn der erste Bundeskanzler Kevin heißt.“

Die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios wurde unlängst ein wenig gedämpft. „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“, verkündete ein Lehrer, der es wissen muss. Er wurde zitiert in jener Studie der Universität Oldenburg, derzufolge Kevin ein „stereotyper Vorname für einen verhaltensauffälligen Schüler“ sei.

Rund 2000 Fragebögen bildeten die Basis für eine Erkenntnis, die spontan einleuchtet: Unter Deutschlands Pädagogen sind die Schülernamen Kevin, Justin, Dennis, Marvin und Chantal, Jacqueline, Angelina, Mandy herausragend negativ besetzt. Den Trägerinnen und Trägern traue man eine hohe Rüpelkompetenz zu, wohingegen Charlotte und Sophie, Alexander und Maximilian auf verträgliche, pflegeleichte Naturen aus der Mittelschicht deuten. Die importierten Modenamen sind zum Stigma geworden. Die Häufigkeit, mit der man ihnen im Prekariatsfernsehen begegnet, blieb nicht ohne Folgen. Weil dort eben eine Mandy der Jacqueline an die Wäsche geht und beide auf den Dennis spitz sind, traut auch die Lehrerzunft, bestätigt durch eigene Anschauung, den schrillen Namen alles Schlimme zu. Ganz offensichtlich hat sich hier eine bildungsferne Schicht tüchtig selbst ausgegrenzt. Sie prägt ihren Kindern das Mal der eigenen Deklassierung ein.

Die Namen sind das Äquivalent zu der ebenfalls – so der Soziologe Lieven Vandekerckhove – in den „weniger privilegierten Klassen“ boomenden Tattookunst. Die Herkunft im Hafen und bei den Sträflingen konnte das „Kulturgut“ (Vandekerckhove) nur kurzfristig überwinden. Die Popstars und Schönheitsdarsteller, die damit in den neunziger Jahren für ihre eigene Exzentrizität warben, sieht man heute meist ohne Anker am Oberarm, Jungfrau an der Wade, Hieroglyphengewirr am Dekolleté. Sie hatten Mittel und also auch Wege, die „dauerhaften Zeichen“ (Vandekerckhove) verschwinden zu machen. Wer heute im Baumarkt noch immer wie weiland in einem Video-Clip herumläuft, der trägt seine Malaise geradeso traurig vor sich her wie der Schulabgänger, der in der Aula mit einem kernigen „Kevin!“ nach vorne gerufen wird. Neue selbstgewählte Stände, neue aufgeprägte Kasten umzirken eine nur oberflächlich durchlässige Gesellschaft. Nicht per Geburt, nicht qua Blut wird der Aufstieg nahezu verunmöglicht, sondern aus einer Laune gedankenloser Eltern heraus.

Gewiss, ewig undurchlässig ist die internalisierte Milieuzuschreibung dann doch nicht. Vielleicht gibt es dereinst einen Erzbischof Dennis und eine Aufsichtsratsvorsitzende Mandy. Der Abstieg aber des Tattoos vom Lifestyleaccessoire zum Kainsmal und parallel der Modenamen vom Pop zum Plebs deutet auf die Grenze aller egalitären Projekte.

Es wird, nach oben wie nach unten, immer eine breite Schicht geben, die sich von der Mitte nicht einfangen lassen kann oder will. Die Ordinären erinnern uns wie die Elite daran, dass man nicht jedes Problem vergesellschaften kann. Manchmal ist das Leben ein Misstrauensvotum gegen sich selbst.

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Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 97


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