30. Oktober 2009

Zeitgeistwechsel kurz vor dem Zusammenbruch Sarrazin und Sloterdijk als Stauffenbergs und Scholls unserer Tage?

Über die Vorboten der Wende (Teil 4)

Die Heiligkeit des Sozialen, Weiblichen und Ökologischen, die Vergötterung des Staates, die durch politische Korrektheit bedrohte Meinungsfreiheit, der immer deutlichere Verlust von Wohlstand und Anstand, die drohende EUdSSR, das demographische Absterben infolge der kulturellen Impotenz, die ins Groteske gehende Verschuldung, das alles und noch viel mehr bedingen einander und waren und sind nicht schön. Jene bislang nur Wenigen, die darüber gerne jammerten, lachten oder fluchten, sie hatten sich gerade unbequem eingerichtet und warteten auf den nicht mehr aufzuhaltenden Untergang des Landes, auf die nach dem Zusammenbruch vielleicht mögliche Tabula rasa, den Neuanfang.

Was aber ist, wenn heute schon ein plötzliches Umdenken beginnt? Ausgehend von einigen bürgerlichen Journalisten und Intellektuellen, die irgendwann seit diesen Sommertagen in immer größerer Anzahl die Missstände wahrnehmen und benennen, welche allzu viele Jahre nur von ein paar Außenseitern erkannt wurden. Kann das denn wahr sein? Die Belege von Sarrazin bis Sloterdijk, von Bolz bis Broder, von „Spiegel“-Fleischhauer bis ARD-Plasberg sind jedenfalls kaum von der Hand zu weisen. Es sind plötzliche Anfänge, mehr nicht, Änderungen von Volkes Meinung oder gar politische Auswirkungen sind bislang kaum in Sicht. Ob und wieweit eine Änderung des Zeitgeists den ökonomischen und moralischen Verfall, den steten Verlust von Werten und Werten verlangsamen, zeitweise oder ganz aufhalten oder gar umkehren kann, ist eine andere Frage.

Schauen wir noch einmal genauer hin. Auch Sloterdijk gibt zu, dass „sich nichts so sehr der Definition entzieht wie der oft zitierte Zeitgeist“. Wer, so Sloterdijk, „vom Zeitgeist redet, ist mindestens ebenso ein Erfinder wie ein Beobachter, ebenso ein Phantast wie ein Diagnostiker“. Wir haben in vorherigen Artikeln beobachtet und phantasiert, vielleicht auch erfunden. Nun wollen wir diagnostizieren.

Vom Wetter sagt man, dass es sich durch den Flügelschlag eines Schmetterlings ändern kann. So ist es auch vom Zeitgeist zu vermuten. Das niedliche kleine Tier zu finden und kenntlich zu machen, das den Wetter- oder Zeitgeistumschwung auslöst, dürfte unmöglich sein. Versuchen wir es als Zeitgeistforscher also lieber wie unsere Freunde in der Meteorologie, indem wir Momentaufnahmen der Vergangenheit und ihre Folgen analysieren und vergleichen.

Schauen wir uns dazu sie vergangenen einhundert Jahre an, über die wir einigermaßen intakte Kenntnisse der zeitgeistigen Großwetterlage erworben haben.

Die alte Ordnung, wohlständig getragen noch von konservativen und liberalen Ideen, von persönlicher Verantwortung und langfristig lebensfähiger Moral, wurde auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs endgültig zu Grabe getragen. Bereits mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts und damit der neuen Zeit wurden immer mehr Menschen von den aufkeimenden Kollektivismen Nationalismus, Sozialismus und Demokratismus eingenommen. Nach dem Krieg bestimmte die entwurzelte Frontgeneration in einer ihr fremd erscheinenden Weimarer Republik vollends den Geist der Zeit. Nationalismus und Sozialismus wurden in damaligen Avantgarde-Magazinen wie „Die Tat“ zusammen- und vorgedacht – und zur Erfüllung des im Titel ausgedrückten Ziels eingefordert. Man erreichte mit Rotbraun auf hohem Niveau Anfang der 30er Jahre unglaublich viele Leser, alleine „Die Tat“ 30.000 und damit doppelt so viele wie die rotrote Konkurrenz der „Weltbühne“. Andere wie Hugenberg brachten die Thesen heruntergebrochen für den am Ende zeitgeistentscheidenden „kleinen Mann“ an den selbigen.

Spät kam die politische Erfüllung dieses heute gerne vom Ende her definierten Dreiunddreißiger-Zeigeists mit der „nationalen Erhebung“ der Nazis. Die Intellektuellen und Journalisten von der „Tat“ hatten sich vieles anders vorgestellt, mehr Sozialismus etwa, als es der neue, vermeintlich allzu bürgerliche Reichskanzler Hitler versprach. Und den Holocaust hatten sie mit Sicherheit auch nicht auf dem Plan. So ist das, wenn sich der Zeitgeist der Politik bemächtigt, da kommt einiges anders.

Nach dem völligen wirtschaftlichen, demographischen und moralischen Zusammenbruch besann sich die Aufbaugeneration alter Tugenden. Das was später als „muffig“ oder „bleiern“ bezeichnet wurde, war die Abkehr, ja die Abscheu vom Politischen. Man besann sich auf die eigenen Kräfte, aß Braten und Kuchen, trank reichlich Bier und richtigen Kaffee, rauchte genüsslich dicke Zigarren und fuhr nach Bella Italia stolz mit dem ersten eigenen PKW in Urlaub, kurz: Man schaffte mit Hilfe eines richtigen Manns zur richtigen Zeit am richtigen Ort, nämlich unter Ludwig Erhard das Wirtschaftwunder. Dann kam eine Phase der Stagnation und eines eigenartigen Ideen- und Macht-Vakuums, die erste Wirtschaftskrise und die Große Koalition. Das hatten viele so nun auch nicht gewollt. Und irgendwann gegen Mitte der 60er Jahre wurde aus der Stagnation heraus, zunächst weitgehend noch unbemerkt, ein neuer Zeitgeist geboren. Die Ideologie und der Wahnsinn kehrten mit den intellektuellen Vortänzern aus Frankfurt und der aktionistischen Jugend in West-Berlin und anderswo zurück, die Dreiunddreißiger hatten ihre Nachfolger gefunden. Ein heute kaum mehr lesbares „Kursbuch“ für die Avantgarde (plötzlich konsumierten 70.000 Deutsche unverständlichstes Soziologen-Kauderwelsch) und „Konkret“ mit dem Konzept Mao und Möpse für die Massen sowie später die Hamburger Großverlage brachten die neuen Ideen unter die Leute. Intellektuelle und Jugend tauschten die „Handelsgold“ gegen Selbstgedrehte und man träumte nun vom Wohlstand satt nicht mehr von Feierabend und Urlaub, sondern einmal mehr von der umfassenden Volksbeglückung, diesmal in einer Melange aus Sozialismus und Demokratismus. Spätestens seit Mitte der 80er Jahre folgte die zunehmende Politisierung aller Lebensbereiche, so flächendeckend, wie es vermutlich die damaligen Akteure selbst kaum gewollt hatten. Denn die roten Horden zwischen Mao, Ho Chi Minh und Lenin sowie Sex and Drugs and Rock`n-Roll, sie wollten zwar vieles, aber sich kaum das Rauchen vom Nanny-Staat vermiesen lassen. So ist das, wenn sich der Zeitgeist der Politik bemächtigt. Oder umgekehrt.

Drücken wir es noch einmal anders aus: Auf einen vollständigen wirtschaftlichen, moralischen und demographischen Zusammenbruch im Ersten Weltkrieg folgten knapp 20 Jahre hoch politisierten nationalistisch-sozialistischen Zeitgeists und in deren Folge etwa zehn Jahre lang eine entsprechend totalitäre Politik. Dann passierte im Zweiten Weltkrieg der nächste, noch einschneidendere wirtschaftliche, moralische und demographische Zusammenbruch. Es kam die Phase der Reaktion mit einem erneut gute zehn Jahre währenden Zeitgeist, in dem das Schaffen von Werten und Werten verehrt und betrieben wurde, eine religiöse Rückbesinnung anstelle pseudoreligiöser Politisierung stattfand und in dem auch wieder reichlich Kinder gezeugt wurden: die Fräulein- und Wirtschaftswunderjahre, die schließlich in einer kurzen, nur knapp zehn Jahre währender Phase der Stagnation mündeten. Dann drehte sich der Zeitgeist erneut und es folgte das, was unter den Stichworten „Achtundsechziger-Revolution“ und „das rote Jahrzehnt“ in Erinnerung ist, hoch politisierte Schreihälse und Schreibtischtäter von links als Vorboten von dem, was nun seit mehr als 20 Jahren wabert und von Sloterdijk als „Zeit des Staus“ und als „Lethargokratie“ bezeichnet wird.

Das alles ist natürlich sehr vereinfacht dargestellt. Es gab hier vernachlässigte Gegenbewegungen und Ungleichzeitigkeiten. Wichtig sind auch mehr oder weniger parallele Zeitgeistwechsel in anderen Ländern, die Frage nach dem Zeitgeist in und während der DDR sowie die Erörterung technischer und medialer Bedingungen für einen Epochenwechsel. Damit wollen wir uns in einem kommenden Artikel eingehender beschäftigen.

Auffällig ist für diese Analyse, dass die jetzige Phase bereits Überlänge hat. Wir befanden uns mit Papstkritik und Abwrackprämie bereits in der Nachspielzeit. Die Zeitgeistwende ist mehr als fällig und kommt daher in ihren jetzigen Anfängen kaum überraschend. Doch wenn wir inhaltlich genauer hinschauen, fällt dem geschulten Zeitgeist-Meteorologen noch etwas anders auf.

Bezeichnen wir dazu den Zeitgeist des Werteaufbaus vereinfacht als „rechts“ und den der kollektiven ökonomisch-moralischen Wertezerstörung als „links“. Unsere Daten-Reihe liest sich dann so: Zusammenbruch, 20 Jahre linker Zeitgeist, zehn Jahre linke Politik, Zusammenbruch, zehn Jahre rechter Zeitgeist, zehn Jahre Vakuum, 20 Jahre linker Zeitgeist, 20 Jahre linke Politik. Was wäre nun logischerweise fällig? Wohl eher wieder der Zusammenbruch, der aufgrund der überlangen Zerstörungsphase noch deutlicher ausfallen könnte als der letzte. Und danach erst würde der rechte Geist für die Zeit des Wiederaufbaus gebraucht. Sarrazin und Sloterdijk kämen also zu früh, was immerhin von ihrer guten politisch-philosophischen Zeitgeist-Witterung, wenn auch nicht von besonderem Feingespür im Tiefdruckgebiet zeugen würde. Dafür spricht vieles, die ökonomischen und demographischen Eckdaten vorneweg. Und der Untergang steht inmitten der immer stärker um sich greifenden Finanz- und Wirtschaftskrise nach Aussage der klarsichtigeren Ökonomen und Demographen auch unmittelbar oder spätestens in wenigen Jahren bevor. Über die totale moralische Verwahrlosung informiert in Neukölln gerne Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky. Oder Josef Ackermann über seine Freunde. Oder Claudia Roth über Ihresgleichen. Der vollständige Zusammenbruch, etwa begleitet von Hyperinflation und Bürgerkrieg, erscheint so gesehen als die geschichtlich wie ökonomisch und moralisch logische Folge des linken Zeitgeists und der linken Regierung seit 40 Jahren. Von nichts kommt nichts.

Insofern haben die Skeptiker recht, die da sagen: Die Umkehr erfolgt vermutlich zu spät. Doch die Geschichte ist zwar eine des Hin und des Her. Sie ist aber auch immer wieder für Überraschungen gut. Und stets gibt es auch verwirrende Gleichzeitigkeiten. Inmitten der zerstörerischsten Phase der vorletzten linken Zeitgeistdekade nämlich deutete sich bei den damaligen Eliten auch bereits der Wechsel an, der dann endgültig erst – und etwas anders – nach der Zerstörung Deutschlands im Wirtschaftswunderneuland umgesetzt wurde. Ludwig Erhard nämlich war, was heute kaum bekannt ist, im weiteren Kreis mit Zirkeln des konservativen Widerstands verknüpft. Die Weiße Rose, einige andere und vor allem der Kreis um Stauffenberg, die rechte Opposition gegen Hitler also, sie war die größte Gefahr für die Nazisozialisten. Sagen wir es jetzt, wo der Stolz zurückkehren soll, ruhig pathetisch: Um ein Haar oder ein Stuhlbein wäre Stauffenberg erfolgreich gewesen; die vollständige Zerstörung Deutschlands, Millionen Todesopfer, Vertriebene und Massenvergewaltigte hätten mit etwas Glück noch abgewendet werden können. Vielleicht.

Und so ähnlich ist das auch heute, falls die Zeit zur Umkehr noch ausreicht. Pflanzen wir deshalb in unserem Kursbuch der Tat mit Sarrazin und Sloterdijk ein Apfelbäumchen.

Internet (Teil 1, 2 und 3 zum Thema)

ef 97: Der Fall Sarrazin markiert eine Zeitenwende

Der schwarz-gelbe Koalitionsvertrag und die Reaktion der Medien: Zaghafter Beginn einer Zeitgeistwende

Beginnender Wandel des Zeitgeists durch Rückkehr des Stolzes: Weitere Belege für den Start in den Epochenwechsel


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