02. November 2009

Margot Käßmann an der Spitze der deutschen Evangelischen Näher, mein Mensch, zu dir

Der Scheidungsbonus als Triumpf der Moderne

Deutschland stand Spalier, Hosianna aller Orten: Dass an der Spitze der deutschen Evangelischen nun eine geschiedene Frau steht, wurde allgemein als Zeichen einer Modernisierung begrüßt. Mit Margot Käßmann sei deren Kirche noch näher an die Menschen gerückt. Welches Bild vom christlichen Glauben, welches von der Moderne verbergen sich hinter so viel Jubel?

Das Scheitern der Käßmannschen Ehe gereichte der Kandidatin nicht zum Nachteil. Vermutlich wäre es ungerecht, vom Scheidungs-Bonus zu reden, doch der Familienstand dürfte die eine oder andere Stimme eher gebracht denn gekostet habe. Die sogenannte Lebenswirklichkeit sollte endgültig und zeichenhaft Einzug halten in der Evangelischen Kirche.

Ergo hat man sich mehrheitlich vom Gedanken verabschiedet, zumindest das geistliche Top-Personal müsse zum moralischen Vorbild taugen. Realistisch, pragmatisch, optimistisch ist die Wahl, aber eben auch eine Abkehr vom christlich ausformulierten Leitbild Familie und Ehe. Der Glaube, der hier sich Bahn bricht, will nicht Wunden heilen, sondern zeigen. Das Nichtversöhnte wird Paradigma.

Dieser Verzicht aber auf das hoffende Zutrauen in die Unverbrüchlichkeit eines zeitbedingt sowieso ausgedünnten moralischen Kanons stellt auch der Moderne ein zwiespältiges Bild aus. Erfasst man sie, wie notorische Antimodernisten finster argwöhnen, tatsächlich in den Negationen am besten? Ist Moderne prinzipiell der Ort, an dem etwas misslingt? Nennen wir modern die Summe jener Requien, die wir Europa singen?

Wäre demnach ein Sieg der Moderne ein Triumph der Bindungslosigkeit, der gekappten Wurzeln zum Einst wie zum Nächsten? Dass Moderne einmal ein Versprechen war, auf Zukunft gerichtet statt Abgeschlossenes betrachtend, gerät darüber in Vergessenheit. Und ebenso könnte die Ahnung verschwinden, dass Kirche nicht derart modern sein darf, dass sie sprachlos wird im Angesicht des Ewigen, also Unmodernen.

In einem ihrer ersten Interviews nach der Wahl forderte Margot Käßmann, „dass jedes Kind auf jeden Fall einen Kita-Platz hat, und zwar möglichst kostenfrei einen Kita-Platz hat, und dass die Frühförderung schon in der Kindertagesstätte ganz klar anfängt.“

Womöglich ist diese Versuchung die allergrößte: Die neue EKD-Präsidentschaft scheint die Angleichung der religiösen an die politisch-säkulare Sprache zu beschleunigen. Der Eigenwert der geradezu antipolitischen Hoffnung, die das Christentum verkündigt, könnte solchermaßen verdunsten. Er wäre nicht mehr zu kommunizieren und also nicht mehr präsent.

Ob es auf mittlere Sicht so kommen wird? Wir werden sehen.


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