Edgar L. Gärtner

Jahrgang 1949, Hydrobiologe, Wissenschaftsautor.

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Weltuntergangsszenarien: Jeder braucht seine Apokalypse

von Edgar L. Gärtner

Wer die Johannes-Offenbarung nicht kennt oder ablehnt, braucht die Klimakatastrophe

03. November 2009

Wer sich mit der katholischen Liturgie etwas auskennt, der weiß, dass an Allerheiligen aus der Offenbarung des Johannes vorgelesen wird. Ich gestehe, dass ich am vergangenen Sonntag während der Verlesung des Evangeliums meine Gedanken etwas abschweifen ließ – allerdings durchaus nicht zu Dingen, die mit dem Thema nichts zu tun haben. Mir fiel nur ein, dass die Christen mit der Verbreitung der Johannes-Offenbarung seit fast 2000 Jahren doch eigentlich rundum mit apokalyptischen Gewissheiten versorgt sind und keiner weiteren Schreckensbilder bedürfen, um ihren Adrenalinspiegel beziehungsweise Angsthaushalt im Gleichgewicht zu halten. Dabei hatte ich die Theorie der Risiko-Kompensation im Hinterkopf, die der kanadische Psychologe Gerald J.S. Wilde schon vor Jahren in die Diskussion brachte, um die Beobachtung zu erklären, dass zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen an Automobilen wie Sicherheitsgurte, Airbags oder ABS nicht unbedingt zu mehr Sicherheit im Straßenverkehr führen, weil sie die Fahrer zu einer riskanteren Fahrweise verleiten können.

Ich musste mich vor einigen Jahren mit dieser Thermostat-Theorie beschäftigen, als ich für die Risiko-Kommission des Bundesgesundheitsministeriums als Redakteur tätig war. Später habe ich einiges davon in meinem Buch „Vorsorge oder Willkür“ verarbeitet. Die Menschen brauchen offenbar einen bestimmten Risiko- und Stress-Pegel, um nicht vor Langweile einzuschlafen oder dem Alkohol zu verfallen. Eine solche Thermostat-Funktion gibt es aber vermutlich nicht nur beim menschlichen Risiko- und Stressbedürfnis, sondern auch bei der Angst vorm beziehungsweise der Lust am Untergang. Menschen, die die Johannes-Offenbarung nicht kennen oder nicht mögen, brauchen dafür vermutlich einen Ersatz. Deshalb greifen sie nach modernen Weltuntergangstheorien, saugen Computer-Hochrechnungen, die die nahende Erschöpfung von Rohstoff-Vorräten oder den drohenden Hitzetod an die Wand malen, begierig in sich auf.

Allerdings bieten diese Projektionen durchaus keinen gleichwertigen Ersatz für die biblische Apokalypse, auch wenn das die postmoderne „Diktatur des Relativismus“ postuliert. Die Johannes-Offenbarung besagt, dass Gott selbst dieser Welt ein Ende setzen wird und nicht wir Menschen. Für Gläubige ist das aber ein Ende ohne Schrecken, weil es gleichbedeutend mit der Wiederkehr des Herrn Jesus Christus ist. Oder anders herum: Der Weltuntergang wird nicht das Werk der Menschen sein. Wer die Menschen für einen drohenden ökologischen Kollaps verantwortlich macht, begeht also Gotteslästerung. Von daher verwundert es sehr, dass sich die meisten christlichen Kirchen inzwischen zum grünen Apokalypse-Ersatz bekennen. Denn Blasphemie wird bekanntlich nicht erst im Jenseits bestraft.


Internet:

Über Gerald J.S. Wilde

Gerald J.S. Wilde: Target Risk 2

Literatur:

Edgar Gärtner: Vorsorge oder Willkür? Kunststoff-Weichmacher im politischen Kreuzfeuer. Deutscher Instituts-Verlag, Köln 2006

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