17. November 2009

Koalitionsvertrag Großkoalitionäre Sprachspiele

Die politische Bedienungsanleitung muss erst noch ins Deutsche übersetzt werden

Soll man sich wundern über das stete Gezänk und Gekeife zweier angeblicher Wunschpartner? Kaum haben CDU/CSU und FDP das Brautgemach betreten, schreien sie nach dem Therapeuten. Vom Honeymoon ging es direkt ins verflixte siebte Jahr, Drohgebärde und Beleidigungen inklusive. Damit war leider zu rechnen. Der Ehevertrag ließ nichts anderes erwarten.

Das hervorstechende Merkmal nämlich der Großschrift „Wachstum. Bildung. Zusammenhalt.“ sind nicht die drei Punkte, die schon in der Überschrift auf Trennung deuten, wo Vereinigung und also der Beistrich zu erwarten wäre. Der Koalitionsvertrag zur 17. Legislaturperiode beeindruckt auch nicht primär durch den erschöpfenden Willen, sich jedem, wirklich jedem Politikfeld zuzuwenden und so zwischen Gesundheitswirtschaft, Kutterfischerei und Au-Pair-Beschäftigung die Frage zu versäumen, warum eigentlich neue Minister neue Wege für sich beanspruchen.

Wirklich zentral und entlarvend zugleich ist das babylonische Begehren, als Sprachschöpfer in die Geschichte des deutschen Parlamentarismus einzugehen. Der Koalitionsvertrag weicht immer dann auf locker gebundene, vermutlich tiefnachts erfundene Komposita aus, wenn klare Benennung gefragt wäre. Und genau dieser Interpretationszwang, der verunglückten Neologismen eigen ist, macht jetzt jedes Koalitionstreffen zum Krisengespräch. Die Arbeit am Gedanken muss nachgeholt werden.

Zum Beispiel soll eine „faire Verantwortungskultur in Unternehmen“ etabliert werden: Verantwortung aber wofür? Ausgeführt wird lediglich, die Eigentümer und Manager stünden „in voller Verantwortung zu einer Gesellschaft“ – also ist doch nur eine symbolische Verbindung gemeint, ein öffentliches Bekenntnis, keine innere Verpflichtung? Sonst müsste man eher von der Verantwortung für etwas sprechen.

Was weiterhin sind „Naturnutzer“, die gemeinsam mit der Regierung die „Umweltbildung“ fördern sollen? Der Wandersmann also ist aufgerufen, sich umfassend über Flora und Fauna zu informieren? Und inwiefern kann Natur pädagogisch genutzt, also doch wohl auch gebraucht, verbraucht, konsumiert werden?

Deutschland als Ganzes müsse fernerhin zum „Innovationstreiber“ werden. Ich gestehe, dem Treiber bisher nur im Zusammenhang mit den Erfordernissen launischer Computer und störrischer Drucker begegnet zu sein. Ist demnach eine Applikation gesucht, die sich dem Land anverwandeln möge? Eine universale Software, an die man die BRD anschließt, damit sie ohne Unterlass Innovationen produziert? Schnittstellenrepublik Deutschland?

Dies und vieles mehr wissen die Großkoalitionäre vermutlich selbst nicht so genau. Und sie wollten es auch gar nicht so genau wissen, als sie Nacht um Nacht die 132 Seiten herbei fabulierten. Nun aber soll der plappernde Text als politische Bedienungsanleitung dienen. Und siehe da: Er muss erst ins Deutsche übersetzt werden.

Literatur

Deutschlandtheater: Politik und Zeitvergehen 2008/09 - Alexander Kisslers Kolumnen jetzt als Buch


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