19. November 2009

Für Aussperrung gegen Studentenstreik Die Hörsäle räumen lassen

Über Generationen und ihren Protest

Kann mir mal jemand sagen, wofür die Studenten gerade „streiken“? Abgesehen davon, dass der Begriff Streik in diesem Zusammenhang albern ist: Wenn ich es richtig verstehe, dann sind sie unzufrieden mit der Neuorganisation des Studiums, mit den Bachelor- und Masterstudiengängen. Für Außenstehende schwer nachvollziehbar.

Dabei muss ich gestehen, dass ich 1995/96 auch an Aktionen gegen Sparmaßnahmen teilgenommen habe. Einmal haben wir das Luftbrückendenkmal am Flughafen Tempelhof eingewickelt – so wie den Reichstag damals. Wrapped Hungerharke. Eine tolle Aktion mit etwas Publicity.

Damals ging es um massive Einsparungen durch den Senat, der die Zahl der Studienplätze in Berlin auf unter 100.000 drücken wollte. Betroffen waren die beiden Westberliner Universitäten, die zugunsten der neu aufzumöbelnden Humboldt-Uni vernachlässigt wurden. Unter anderem war „mein“ John-F.-Kennedy-Institut davon betroffen (Wegfall von Stellen, Mitteln etc.).

Damals dachte ich, der jetzige Protest sei etwas ganz Neues und Gerechtes. Und solange ich selbst Student war, war ich auch nicht gerade ein glühender Anhänger von Studiengebühren.

Heute als Absolvent und Steuerzahler sehe ich das natürlich anders. Zwar soll jeder die Bildung bekommen, die er haben will. Aber er soll gefälligst auch dafür zahlen. Heutige Universitäten sind Umverteilungsmaschinen von unten nach oben. Die Kinder aus der Mittelschicht studieren mitunter jahrelang, während die Altersgenossen, die eine Ausbildung gemacht haben, schon arbeiten gehen und Steuern zahlen. Das ist nicht in Ordnung.

Gegen das Herumgammeln an der Uni – bei mir waren es 18 Semester – hilft unter anderem eine Straffung und Normierung des Curriculums. Genau diesem Ziel dient die jüngste Studienreform, nicht wahr? Die Studenten sollen sich freuen, dass es etwas verschulter zugeht heutzutage. Dann werden sie schneller fertig und vergeuden nicht ihre Zeit.

Das andere Thema ist die internationale Vergleichbarkeit der Ergebnisse. Deswegen wurden bei uns diese angloamerikanischen Abschlüsse wie Bachelor eingeführt. Bestimmt gibt es daran zurecht einiges auszusetzen, aber ich kann auch aus eigener Erfahrung sagen: 1995 musste ich an der Uni von Pontius zu Pilatus rennen, um mir einen Schein, den ich an einem College bei Detroit gemacht habe, für mein Grundstudium anerkennen zu lassen. Ein Kommilitone, der Politik studierte, bekam ohne Probleme den gleichen Schein sofort als Leistungsnachweis fürs Hauptstudium anerkannt. Das habe ich damals als unfair empfunden. Einheitliche Maßstäbe, so schwer das im Einzelfall sein mag, wären demnach ein Schritt nach vorne.

Wofür „streiken“ unsere Stundenten also? Ich glaube, jede Studentengeneration macht ihren eigenen, neuen Protest gegen irgendwas. Ob gegen Vietnam oder Studiengebühren – demonstriert wird immer. Das ist falsch. Ich kann nur jedem Jüngeren heute raten, sich von diesem Quatsch nicht ablenken zu lassen. Lernt lieber schnell, damit ihr bald viel Geld verdienen könnt. Das ist der Grund, warum ihr zur Uni geht.

Stattdessen besetzen sie jetzt Hörsäle im ganzen Land. Und in Berlin demonstrieren sie gegen Studiengebühren. Aber die gibt es in der von SPD und Linken regierten Stadt überhaupt nicht. Wie können die gegen etwas streiken, was sie gar nicht betrifft? Nun gut, damals haben sie auch gegen den Krieg in Vietnam demonstriert. Der Vietcong von heute ist eben der Studienkollege aus einem CDU-geführten Bundesland mit Studiengebühren. Logisch, nicht wahr?

Besonders merkwürdig ist das Verhalten von Politik und Universitätsleitung. Da scheinen nur noch 68er und ihre Erben zu sitzen. Deswegen kommt von ihnen gegen Hörsaalbesetzungen kein Widerstand, sondern Zustimmung! So sagte Margret Wintermantel, die Chefin der deutschen Hochschulrektorenkonferenz, es gäbe Nachbesserungsbedarf bei der Studienreform. Klar: Sie will mehr Geld. Und Henry Tesch (CDU), der Kultusminister von Mecklenburg-Vorpommern sagte: „Ich verstehe die studentische Kritik.“ Entgegenkommen auch vom bayerischen Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP), der die Studenten-Aktionen als Ausdruck von Meinungsfreiheit begrüßte!

Mit anderen Worten: Die Streikenden laufen bei den Mächtigen offene Türen ein, weil diese offenbar nicht den Schneid haben, sich den Forderungen der Studenten zu widersetzen. Fehlt nur noch, dass Wolfgang Schäuble sich dazugesellt, um selbst an einer Besetzung  teilzunehmen.

Aber sind es überhaupt „die Studenten“? Schauen wir uns mal die Personen an, die den Hörsaal der Humboldt-Uni vor einer Woche besetzt haben: 800 Studenten waren auf der Versammlung, die das beschlossen hat, sagen die Rädelsführer vom „ReferentInnen-Rat“. 800 von 34.000. Das sind noch nicht einmal drei Prozent. Vor dieser winzigen Zahl von Krawallmachern kuschen die Politiker und die Chefs der Humboldt-Uni, statt den Hörsaal einfach räumen und die Aufrührer rausschmeißen zu lassen.


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