20. November 2009

Welternährungsgipfel Warum kann sich Afrika nicht selbst ernähren?

Globalisierungsgegner, Weltverbesserer, Entwicklungshelfer sind sich einig in der Flucht vor der Realität

Zu Beginn dieser Woche fand in Rom ein weiterer Ernährungsgipfel statt. Bei diesem Treffen dominierten die Funktionäre an der Spitze der umstrittene Generaldirektor der Food and Agriculture Organization (FAO), Jacques Diouf. Wenn er nicht weiter weiß, dann verlangt er weitere Milliarden für die Landwirtschaftsentwicklung insbesondere für das Armenhaus Afrika. Dabei haben selbst gut gemeinte „Hungerhilfen“ mehr geschadet als genützt, die Lieferung von Lebensmitteln hat zahlreiche heimische Landwirtschaften nicht vorangebracht, sondern die Not oft noch vergrößert. Zu meiner Zeit in Cotonou konnte ich nur mit großer Mühe eine UN-Reislieferung nach Benin verhindern. Die hätte die einheimischen Reisbauern, die sich über jährlich drei Reisernten freuen konnten, zugrunde gerichtet.

Globalisierungsgegner, Weltverbesserer, Entwicklungshelfer sind sich einig: „Schuld an der Ernährungskrise ist der freie Handel!“ Die wirklichen Probleme werden nicht angesprochen.

Fehler können aber nur vermieden werden, wenn sie diskutiert werden. Die FAO gilt als schwerfälliger, bürokratischer Apparat. Jacques Diouf hat es in 16 Jahren Amtszeit trotz beträchtlichen Budgets unterlassen, aus der FAO eine effiziente Organisation zur Verbesserung der Ernährung der Bedürftigen zu formen. Die  nahe liegenden Fragen werden nicht gestellt. Wieso hat das multilaterale System versagt, die Krise nicht verhindert? Was muss beim UN-System getan werden, um künftige Krisen zu verhindern? In der Vergangenheit haben die UN-Organisationen FAO, das Welternährungsprogramm (WFP) und der International Fund for Agricultural Development (IFAD) ihre Arbeit wenig koordiniert. Sie sitzen alle drei in Rom und beschäftigen sich auch mit demselben Thema. Wenn man in Afrika tätig ist, hat man den Eindruck, dass sie sich nicht ergänzen, sondern miteinander konkurrieren.

Eine Chance auf Veränderung wird es aber nur geben, wenn die Staaten z.B. in Afrika eine vernünftige Agrarpolitik  verfolgen. Die dortigen Eliten müssen sich mehr für die Entwicklung und Infrastruktur ländlicher Gebiete und damit der Ernährungssicherung interessieren. Wenn das nicht stattfindet, lässt sich das weder durch mehr Hilfe noch durch fairen Handel ausgleichen. Der indische Nobelpreisträger Amartya Sen hat nachgewiesen, dass es zu Hungerkatastrophen immer nur in Diktaturen kam.

Aber auch die Industriestaaten verschärfen mit ihrer hoch subventionierten Landwirtschaft und ihren abgeschotteten Agrarmärkten die Lage. Doppelstandards und Unglaubwürdigkeit müssen abgebaut werden. Afrika ernst zu nehmen bedeutet auch, endlich den Marktzugang für afrikanische Agrarprodukte und Baumwolle zu erleichtern und die Subventionen abzubauen.

Wenn die Probleme nicht erneut übertüncht werden sollen, dann darf ohne eine grundlegende Fehleranalyse nicht noch mehr Geld fließen. Wann werden die kritischen Fragen gestellt und wann wird entsprechend gehandelt?

Information

Volker Seitz, ist Botschafter a.D. und Autor des Buches „Afrika wird armregiert“, dtv, 2009.


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