20. November 2009

Überleben in Krisenzeiten Survival als Lebensstil

Interview mit James Wesley Rawles

Wochenende – Feuilleton lesen. Bei der Überschrift „Wie das Ende unserer Welt zu überleben ist“ blieb ich hängen. Das Titelbild eines Romans zeigt einen schwer bewaffneten Soldaten vor der brennenden Skyline einer Großstadt. Sein Autor: James Wesley Rawles. In Deutschland, anders als in den USA, dürfte Mr. Rawles nur wenigen bekannt sein. Wenn Sie aber auswandern wollen, oder als „Aussteiger“ autark und abseits der großen Städte leben wollen, dann sollten Sie zu diesen wenigen gehören. Dieses Interview liegt mir ganz besonders am Herzen. Ich hoffe, die folgenden Zeilen vermitteln etwas von den Voraussetzungen und der Faszination eines autarken Lebens. Eines Lebens als „Survivalist“.

Wer mit dem Schlimmsten rechnet, (über)lebt länger

ef: Jim, halten Sie die gegenwärtige globale Krise für einen notwendigen Schritt zur künftigen Gesundung?

Rawles: Die aktuelle Wirtschaftskrise wird schmerzhaft sein, aber notwendig, um Schulden („bad debt“) aus dem System zu entfernen. Das wurde am besten in den Schriften der Ökonomen der Österreichischen Schule, etwa von Friedrich A. von Hayek und Ludwig von Mises, beschrieben. Unglücklicherweise benutzen derzeit die Zentralbanken die Staatskassen für den Versuch, die Kredit-Blase wieder aufzublasen. Dies wird die Situation nur noch verschlimmern, und sie wird wahrscheinlich die Rezession in eine lange und tiefe Depression wandeln.

ef: Bitte beschreiben Sie kurz das Ziel Ihres SurvivalBlog.com.

Rawles: In Deutschland wird Survivalism von Wochenend-Outdoor-„Abenteuersport“-Vereinen veranstaltet. Sie wollen damit Menschen auf kurzfristige Naturkatastrophen vorbereiten – Notlagen, die sich höchstens für ein paar Wochen ergeben können. Aber in Amerika zielt Survivalism darauf ab, für einen langfristigen und umfassenden Zusammenbruch der Gesellschaft vorzubereiten, wie ich ihn in meinem Roman „Patriots“ beschrieben habe. Eine Katastrophe dieser Art könnte ein Jahrzehnt andauern, oder sogar über Generationen.

ef: Welchen Rat geben Sie Deutschen, die in die USA auswandern wollen?

Rawles: Ich ermutige freiheitsliebende Deutsche nachdrücklich zur Auswanderung. Die besten Zielregionen sind die dünn besiedelten Gebiete der westlichen USA oder vielleicht die Südinsel von Neuseeland, oder die wenig besiedelten Teile von Paraguay.

ef: Welchen Rat geben Sie Deutschen, die hier im Land bleiben wollen?

Rawles: Tun Sie Ihr Bestes, um sich vorzubereiten, wo immer Sie leben. Aber wenn Sie es sich leisten können, ziehen aus den Großstädten fort. Ziehen Sie dorthin, wo eigene Landwirtschaft und alpine Weidewirtschaft möglich sind. Zurück in die Berge! Die ideale Immobilie verfügt über Quellwasser, aber diese sind selten. Die zweitbeste Wahl wäre Landbesitz mit einem Flachwasserbrunnen beziehungsweise niedrigem Grundwasserspiegel, wo also Wasser aus einer Tiefe von drei Metern oder weniger gepumpt wird. Diese Brunnen können von Hand gepumpt werden oder mit einer einfachen Pumpe, die mit Photovoltaik-Strom betrieben wird.

ef: Der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sagten Sie, dass Deutschland überbevölkert sei. In welcher Hinsicht sind andere Menschen ein Risiko für den Einzelnen?

Rawles: Der Großteil der Bevölkerung Deutschlands lebt zusammengedrängt in einigen wenigen Großstädten. Leider können diese Städte zu Todesfallen werden, wenn es zum gesellschaftlichen Zusammenbruch kommt und die Stromversorgung ausfällt.

ef: Was bedeutet Wohnkomfort für Sie?

Rawles: Ich genieße es, einen Holz-Schuppen voller Brennholz zu haben, eine mit Konserven gefüllte Speisekammer, einen Gefrierschrank voll mit Wild, Elchfleisch und Forellen, und Solarstrom, der auch verfügbar ist, wenn das Stromnetz zusammenbricht. Damit kann ich gut schlafen, wohl wissend, dass ich für meine Frau und Kinder vorgesorgt habe.

ef: Ihr Lebensstil unterscheidet sich viel stärker von der „normalen“ westlichen Zivilisation, als es irgendein Wechsel über eine Ländergrenze hinweg bedeuten könnte. Können Sie sich selbst als Auswanderer sehen?

Rawles: Ich würde nur erwägen auszuwandern, wenn die amerikanische Regierung totalitär werden würde. Ich sehe die Vereinigten Staaten, zumindest Teile davon als sicheren Platz zum Rückzug, nicht als Ort, von dem man fliehen müsste.

ef: Was ist Ihre Strategie, um Steuern zu sparen?

Rawles: Ich nehme Römer, Kapitel 13 wörtlich. Ich bezahle meine Steuern voll und ganz. Aber natürlich nutze ich jede legale Möglichkeit zum Steuerabzug.

ef: Abgesehen von praktischen Tipps und How-To’s – Was sind die grundlegenden Voraussetzungen und Überzeugungen, um als Survivalist zu leben?

Rawles: So autark wie möglich zu leben, und ausreichende Lebensmittelvorräte anzulegen, damit ich etwas übrig habe, um es anderen wohltätig zu geben.

ef: Sie haben einen langen und vielfältigen Dienst in der Army hinter sich. Was ist Ihre Empfehlung für Menschen in Westeuropa, die autark leben wollen und keine vergleichbare Ausbildung haben?

Rawles: Ein vergleichbares Training wird in Abenteuersport- und Schützenvereinen angeboten und in Kursen vom Roten Kreuz, ohne irgendeine Verpflichtung zum Militärdienst.

ef: In „Patriots“ schreiben Sie vom totalen Kollaps und dem Leben danach. Die Massenmedien sagen voraus, dass von jetzt an alles besser wird (wir haben den Tiefpunkt überwunden) – dank der Konjunkturprogramme der Regierungen. Wo liegt deren Fehler?

Rawles: Die nationalen Regierungen haben darin versagt, dass sie die aktuelle Situation falsch eingeschätzt haben. Sie sahen sie als lediglich „tiefer als eine übliche Rezession“ an. Sie versuchen, das zu reparieren, indem sie frisch gedrucktes Geld auf das Problem schütten. Tatsächlich ist es etwas viel Schlimmeres als eine Delle im Konjunkturzyklus. Wir sind Zeugen einer kompletten Kernschmelze des globalen Kreditsystems. Mehr Kredit ist nicht die Lösung, und in der Tat waren ungesicherte Kredite mit künstlich niedrig gehaltenen Zinssätzen die Ursache des Problems. Meiner Einschätzung nach ist langfristig die einzig wirksame Lösung, das „Fractional-reserve-banking“ aufzugeben. Was stattdessen gebraucht wird, ist das traditionelle Depot-Bankwesen, Währungen, die voll in Gold und Silber gesichert sind und private Kredit-Tilgungsringe. Private Kredittilung wird seit über 60 Jahren erfolgreich von der WIR-Bank in der Schweiz betrieben.

ef: Haben Sie je daran gedacht, die USA zu verlassen und nach Paraguay oder in die Dominikanische Republik zu ziehen? Und falls nicht – warum?

Rawles: Paraguay könnte ich mir vorstellen, aber die Dominikanische Republik würde ein Desaster werden. Ihre Bevölkerungsdichte ist viel zu hoch!

ef: In den USA macht die Krise Ayn Rand (und auch Ihren Roman „Patriots“) wieder populär – in Deutschland liest man wieder Karl Marx. Irgendein Kommentar dazu?

Rawles: Ich muss die Menschen warnen: Größere Regierungen und zentralgesteuerte Volkswirtschaften sind nicht die Lösung. Alles, was zentrale Planung und die verschiedenen Ismen im letzten Jahrhundert brachten, waren Hunger, Tod und Vernichtung von Millionen von Menschen. Wir brauchen weniger Staat und mehr individuelle Verantwortung.

ef: Jim, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Information

Knut Gierdahl führte das Gespräch mit James Wesley Rawles für seinen Blog wohin-auswandern.de. Wir danken für die Wiederveröffentlichung auf ef-online.

Survival Blog ist die zentrale Internetadresse von Jim Rawles.

Den Roman "Patriots" gibts bei Amazon (Softcover, bisher nur auf Englisch)  


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Autor

Knut Gierdahl

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