23. November 2009

Kerner, Pocher, Doku-Soaps Ein Fernsehen von morgen

Noch keine Besserung in Sicht

Gibt es womöglich doch eine Grenze der Belastbarkeit? Lässt das schlechte Niveau sich irgendwann nicht mehr optimieren, also weiter verschlechtern? Bleibt der Löffel eines Tages stecken in jenem zuckersüßen Brei, den das Fernsehen täglich kredenzt? Zumindest hat eine galoppierende Ungeduld dafür gesorgt, dass fast täglich gerade die indezenten Formate entsorgt oder verschoben werden. Nicht jeder Tinnef findet mehr seine Konsumenten.

Das semmelblonde Quotenwunderkind Kerner etwa versammelte Montagabends bei Sat.1 eine deutlich geschrumpfte Fangemeinde. Blamable viereinhalb Prozent in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen interessierten sich für das selbstzufriedene Säuseln. Insgesamt weniger als 1,3 Millionen Menschen erbarmten sich. Drei Wochen nach Sendestart wandert die Strohfabrikation auf den späten Donnerstagabend. Dort ist die Konkurrenz schwächer, wäre ein Scheitern zugleich weniger prominent.

Der witzig gemeinte Kaffeeklatsch bei Vox, „Frauenzimmer“, verabschiedete sich nach vier Wochen in die ewigen Jagdgründe. Das Gekeife begann Ende Oktober mit schwachen 360.000 und endete vergangenen Freitag mit desaströsen 240.000 Zuschauern. Zuvor war beim selben Sender das „Promi Kochduell“ ähnlich rasch exekutiert worden.

Kerners neuer Arbeitgeber hat unterdessen auch mit seinem zweiten Stareinkauf Problem. Oliver Pochers Schweinigeleien erreichten zuletzt einen Marktanteil von knapp sieben Prozent in der Zielgruppe; durchschnittlich kommt Sat.1 auf annähernd elf Prozent. Weniger als eine Million Menschen insgesamt wollten Zeuge sein, wenn Pocher taktlos albert, talentfrei blödelt.

Und auch das gezeigte Zeugen Montagabends um viertel nach acht, die Beckenboden- und Hodengymnastik unter dem Titel „Deutschland wird schwanger“, findet keinen Quotenboden. Sie wird nun erst zwei Stunden später auf Voyeurefang gehen.

Leider aber sind diese und ähnliche Sinkflüge Beleg wohl eher für die Ungeduld und die Einfallsarmut der Fernsehmacher denn für das gestiegene Qualitätsbewusstsein der Konsumenten. Die sogenannte Doku-Soap „Wunschkinder“ etwa bei RTL II gilt, trotz eines in absoluten Zahlen geringeren Publikums, als relativer Großerfolg.

Gar nicht zu stoppen, längst oberhalb der Dreißig-Prozent-Zielgruppequote gelandet, ist RTL mit seinen frei erfundenen Doku-Soaps am Nachmittag. Wenn Laien mühsam auswendig gelernte Drehbuchsätze laienhaft aufsagen, ist großes Publikum gewiss. „Familien im Brennpunkt“ ermangelt es weder an Peinlichkeiten noch an Nachfrage.

Ergo ist der Punkt noch nicht erreicht, an dem das Fernsehen so schlecht geworden ist, dass es wieder besser werden kann. Die Täuschung, die es errichtet, hat lediglich ebenso Anteil an den Auf- und Abschwüngen des Interesses wie die gesamte Ökonomie – und wie die Kopisten des privaten Kommerzfernsehens beim öffentlich-rechtlichen Klimbimfernsehen.

Von Zeit zu Zeit hat das Publikum sich eben satt gesehen an den plaudernden Jüngelchen und den innenrenovierten Verkäuferinnen. Dann ist frisches Fleisch gefragt, nicht anderer Geist; jüngeres Blut, nicht hellerer Kopf. Die rein künstlich um Authentizität bemühten Doku-Soaps weisen den Weg – in ein Morgen, in dem das Fernsehen billig darüber wacht, was recht ist und was wahr.

Literatur

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