Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

ef investigativ

Haben Sie Informationen oder Dokumente für uns? Hier können Sie unserem Investigativ-Team eine Nachricht schreiben.

investigativ@ef-magazin.de

ef-Einkaufspartner

Wenn Sie ef-online unterstützen möchten, starten Sie bitte Ihre Amazon-Einkäufe mit Klick auf diesen Button:

ef auf Facebook

Besuchen Sie uns auch auf Facebook:
facebook.com/efmagazin

ef Television

Konsum-, Wachstums- und Kapitalismuskritik: Zurück in ein prämodernes Disneyland?

von Gérard Bökenkamp

Fortschrittsmüdigkeit ist die eigentliche Zivilisationskrankheit

Von den Gebrüdern Grimm stammt das Märchen „Der Hase und der Igel“. Der Hase und der Igel liefen miteinander um die Wette. Am Ende der Strecke empfing der Igel den Hasen mit der Begrüßung: Ich bin schon da. Der Hase konnte laufen so schnell er wollte, der Igel schien immer schneller zu sein als er. Der Grund dafür war, dass es zwei Igel gab, die auf beiden Seiten der Laufstrecke standen. Der Hase konnte noch so schnell rennen und den einen Igel weit hinter sich zurücklassen, der andere Igel war immer schon da, um ihn auf der anderen Seite als angeblicher Sieger zu empfangen. So ähnlich verhält es auch mit den Protagonisten des freien Marktes und ihren Kritikern. 

Die Kapitalismuskritiker stehen auf zwei Seiten, haben selbst keine Erfolge zu verzeichnen, aber werden mit ihren Argumenten die Erfolge der Marktwirtschaft immer schon hinter sich gelassen haben. Wenn es Armut in der Welt gibt, dann rufen die Kapitalismuskritiker, der Kapitalismus lasse die Menschen verhungern. Wenn sich die Produktionskraft der Marktwirtschaft voll entfaltet und Hunger und Armut überwindet und auch die Kritiker nicht mehr leugnen können, dass sich die materielle Lage enorm verbessert hat, dann rufen die Kapitalismuskritiker: Der Kapitalismus verdirbt mit seinem Wohlstand die Sitten und Kultur und macht die Umwelt kaputt.  Egal, was in der Marktwirtschaft auch immer an wirtschaftlichen und sozialen Fortschritten erreicht wird, die Marktkritiker werden immer ein Haar in der Suppe finden.

Zuerst hieß es, dass der Kapitalismus zur Verelendung der Arbeitermassen führe. Als dann die Arbeiter der westlichen Industriestaaten ihre ersten Italienurlaube machten, entdeckten die Marktkritiker die Dritte Welt. Als im Rahmen der Globalisierung große Teile der Dritten Welt, China, Indien, Lateinamerika, große Fortschritte bei der Überwindung der Armut machten, entdeckten sie den Klimawandel und den „Konsumterror“. Plötzlich war das Schlimme am Kapitalismus nicht mehr, dass er zu wenig, sondern dass er zu viel Wohlstand schafft. Nicht mehr das Elend der Massen, sondern der Konsum der Massen wurde zum Problem hochstilisiert. In diesem Diskurs ist immer schwer zu identifizieren, ob die Linke schon rechts, oder die Rechte schon links geworden ist. Der Unterton dieser Fortschritts-, Kapitalismus-, Technologie- und Konsumkritik hat etwas pastorales: Verzicht üben, sich mäßigen, auf Wachstum verzichten, mehr Bescheidenheit. Die „Konsum-Gesellschaft“ erscheint als Inbegriff der Entfremdung und Sünde wider die Natur.

Was ist aber überhaupt Konsum? Und was bedeutet es, wenn man den Konsum einschränkt? Nur wenige Konsumkritiker ziehen für sich Konsequenzen aus ihrem Zivilisationsekel – etwa Verzicht auf warmes Wasser, Zentralheizung, Kühlschrank, Auslegeware, Computer usw. Natürlich könnte man statt mit dem Auto auch mit der Kutsche zur Arbeit fahren, statt Glühbirnen auch Kerzen verwenden und auf den Computer zu Gunsten der Schreibmaschine oder noch besser zu Gunsten der Feder verzichten. Aber da heißt es dann, man könne ja leider als Einzelner nicht aus dem Verwertungskreislauf aussteigen. Na Gott sei Dank für die Betreffenden! Es gehört zur Ironie dieser Geschichte, dass die Kritik an Globalisierung, Wachstum, Fortschritt, Konsum und Technologie in der Regel auf einem modernen PC verfasst und in Buchform oder im Internet veröffentlicht wird, damit andere diese Auslassungen „konsumieren“ können.

Wenn die Kritiker an Konsum denken, dann meinen sie in Wahrheit gar nicht den Konsum im ökonomischen Sinne. Denn Konsum im ökonomischen Sinne ist die gesamte, uns umgebende und von Menschen für Menschen produzierte Umwelt aus Gegenständen, die der Erreichung unserer Ziele dienen und die wir mit unserem Geld zu unserem Gebrauch erworben haben oder noch erwerben können. Ob ich mir einen Flachbildschirm, eine teure Kitschvase oder eine antiquarische Ausgabe der gesammelten Werke von Goethe kaufe, macht im ökonomischen Sinne keinen Unterschied. Ob ich mir ein Theaterstück, einen Kinofilm oder ein Fußballspiel ansehe, ebenso wenig. Viele glauben, wenn sie im Bioladen einkaufen statt bei McDonalds, dann seien sie weniger Teil der Konsumgesellschaft als die anderen Konsumenten. Sie konsumieren aber nicht weniger, sie konsumieren nur anders.

Kapitalismus, Konsum und Wachstum sind nur eine Chiffre für das mentale Unwohlsein derjenigen, die ihre Kritik daran zum Besten geben. Das ist schon daran erkennbar, dass viele Konsumkritiker sich für wirtschaftstheoretische Auseinandersetzungen gar nicht interessieren. Es ist in vielen Fällen eher eine Frage der Ästhetik als der Ökonomie. Die Konsumkritiker kritisieren eigentlich nicht, dass Menschen konsumieren, sondern vielmehr, dass sie nicht auf die Weise konsumieren, die sie selbst als Kritiker für richtig halten. Sie halten ihren Konsum und das heißt ihren Geschmack schlicht für höherwertiger als den Geschmack der anderen. Viele Konsumkritiker sind Egomanen, sie sind die Sonne, um die das Universum kreist. Wenn sie sich in dieser Welt nicht wohl fühlen, dann kann das natürlich nicht an ihnen liegen, dann liegt es am Zustand der Welt.

Ergo: Wenn eine so große Zahl von Menschen ihren Geschmack nicht teilt, kann etwas mit der Welt nicht in Ordnung sein, dann ist etwas faul im Staate Dänemark. Unmöglich, dass sich die Welt dann auf der richtigen Fährte befindet. Die Bahn des Planeten muss dringend korrigiert werden, um ins gelobte Land zu kommen, wo alle Leute so ticken wie sie. In einer Welt in der auch Kreti und Pleti wieder authentisch eins mit der Natur leben. Oder besser gesagt, nur Kreti und Pleti, denn sie selbst haben für sich in der Regel höhere Ziele und denken gar nicht daran, ihre materiell bequeme Existenz gegen eine Blockhütte oder eine Höhle einzutauschen. Wenn schon Blockhütte, dann als Wochenenddomizil mit elektrischem Licht und fließendem Wasser. Es muss „authentisch“ ausschauen, darf aber nicht zu authentisch sein – das wäre zu unbequem.

Es geht den Fortschrittskritikern bei ihren idealisierten Gegenbildern zur Moderne nicht um das Fremde oder die Vergangenheit an sich, in der die Menschen angeblich noch authentisch gelebt haben, es geht ihnen um ihr Phantasiegebilde von fernen Plätzen und Orten und um ihre Lust, in diesen Vorstellungen zu schwelgen. Irgendwo, irgendwann war es auf jeden Fall schon einmal viel besser als heute, etwa bei den Bewohnern von Tahiti, den Indianern, im Mittelalter oder in der Antike. Umso weiter weg und umso länger her, desto besser. Der Glaube, dass früher alles besser war, hat vor allem auch etwas damit zu tun, dass man so wenig über die Vergangenheit weiß. Wie viele alte Griechen kennen wir? Die meisten sind Philosophen, Dichter oder Staatsmänner. Kein wunder, dass sich die jeweilige Lieblingsepoche im Vergleich zu heute so hervorragend ausnimmt. Ein Schamane oder ein antiker Philosoph nehmen sich natürlich beeindruckender aus als die Leute, die uns bei Rabattaktionen im Einkaufszentrum begegnen.

So schimmern ferne Zeiten und Orte in einem romantischen Licht. Die materielle Armut, die dort im Vergleich zu heute herrschte, der Schmutz, die Verzweiflung, verursacht durch Krankheit und Not, können dieses wundervolle Bild nicht stören. Was ist schon eine Hungersnot oder hohe Kindersterblichkeit als gesellschaftliches Übel gemessen an den Verbrechen des modernen Kommerz'. Das Motto: Besser authentisch verhungern als entfremdet konsumieren. Was ist schon die große Hungersnot in Irland in den 1840er Jahren oder das Massensterben durch Maos „Großen Sprung nach vorn“ gemessen  an der Geschmacklosigkeit des Privatfernsehens oder dem Verbrechen, dass das Kinderspielzeug heute nicht mehr aus Holz, sondern aus Plastik gemacht ist. Was ist schon eine kurze Lebenserwartung im Vergleich zu der schweren psychischen Verwerfung, dass die Leute lieber Hamburger als vegetarisch essen.

Im Grunde träumen die Fortschrittskritiker von einer Art prämondernem Disneyland, in der die Aufgabe der Mehrheit darin besteht, für sie eine große Show aufzuführen. Die Rollen der Statisten variierten je nach ideologischer Färbung der Fortschrittskritik: Auf seiner Scholle verwurzelter Bauer, Proletarier, der fröhlich den Kommunismus aufbaut, authentischer Ureinwohner oder was auch immer für antizivilisatorische Phantasmen ausgebrütet werden. Charakteristisch ist, dass das, woran man sich in der Moderne stört, in keinem Verhältnis steht zu dem, was wenigstens verbal in Kauf genommen werden soll, um diese Moderne zu überwinden.  Aus Angst vor dem Klimawandel die Zivilisation abzuschaffen heißt aus Angst vor dem Beinbruch Selbstmord zu begehen. In die Vergangenheit zurück zu wollen, weil einem der Massengeschmack nicht zusagt, ist das Ergebnis davon, dass man selbst sich die Entbehrungen vergangener Zeiten gar nicht mehr vorstellen kann.

Die Fortschrittskritik unserer Tage ist tatsächlich ein Produkt unserer Wachstums- und Konsumgesellschaft. Viele Leute haben einfach viel Zeit und Muße, sich ihrem Weltschmerz hinzugeben und das nötige Kleingeld, sich ihre Flucht aus der Wirklichkeit in Form von Bionahrung, Öko-Strom, exotischen Urlauben und antizivilisatorischer Erbauungsliteratur auch etwas kosten zu lassen. Ein Arbeiter in Shanghai, der gerade das Elend des chinesischen Landlebens überwunden hat, wird so schnell nicht auf die Idee zu kommen, Grundsatzkritik am technologischen Fortschritt zu üben. Schon deshalb, weil dieser noch gut in Erinnerung hat, dass ein „naturverbundenes“ Leben, hungern und frieren sich im Alltag nicht ganz so romantisch ausnimmt, wie sich das die westlichen Fortschrittskritiker so denken. Erst der Umstand, dass Wohlstand zur Selbstverständlichkeit wird, schafft die Grundlage für die Kritik an der „Konsum-Gesellschaft“. Daher ist im Grunde die Fortschrittskritik die eigentliche Zivilisationskrankheit.

27. November 2009

Unterstützen Sie ef-online

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien.
Klicken Sie hier für Informationen zur Fördermitgliedschaft.

Testen Sie eigentümlich frei

Prominente Autoren und kantige Kolumnisten wie Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Frank Schäffler schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht.

Diesen Artikel teilen

Anzeigen