30. November 2009

Magdeburger Jahresende Weihnachten, postmodern

Die Kulturrevolution der Frühaufsteher

Das Land zwischen Saale und Altmark hält einen einsamen Rekord: Nirgends sonst verlässt der Durchschnittsbürger so zeitig sein Nachtlager. Um 6 Uhr 39 klingelt der Wecker in Sachsen-Anhalt. Der anderweitig gebeutelte Landstrich wirbt darum für sich mit dem Slogan: „Wir stehen früher auf.“ Erklärend heißt es, „Frühaufstehen ist die Mentalität eines Landes, das aufholt, das nach vorne will und das sich anstrengt.“

Die schöne Frucht solch habitueller Bettflucht ließ sich nun in Magdeburg besichtigen. Kurzerhand wurden dort eine Woche vor Advent die andernorts stupide getrennten Jahresendbräuche absatzfördernd zusammengelegt. Warum nicht vermengen, was keiner mehr durchschaut?

An jenem Sonntag also, der auch Ewigkeits- oder Toten- oder Christkönigsonntag genannt werden könnte, wurde der Weihnachtsmarkt zu Magdeburg eröffnet. Über fünf Wochen lang, bis zum 30. Dezember, locken „135 Buden und Fahrgeschäfte zum Bummel rund um das Rathaus.“ Weder auf das Ponyreiten noch auf „weihnachtstypische Artikel“ muss der übermüdete Sachsen-Anhalter verzichten.

Die lange Dauer ist durchaus originell. Immerhin sechs Bummeltage werden demnach in der eigentlichen, am 24. Dezember anlassgemäß spätabends beginnenden Weihnachtszeit stattfinden. Und die Zusatzwoche noch ehe der Advent begonnen hat, ist dem Bruttosozialprodukt dienlich.

Der eigentliche Clou aber ist der phantasievolle Synkretismus, mit dem der Rummel anhob. Zum Auftakt nämlich, lesen wir in der ortsansässigen „Volksstimme“, zog „der Weihnachtsmann auf einem Kamel gemeinsam mit den Heiligen Drei Königen“ ein.

Das Belegfoto zeigt einen Mann mit erhitzten Zügen, roter Nase, die rechte Hand in den Himmel reckend, gewandet in einen knallroten Morgenmantel mit Kunstpelzbesatz und Kapuze. Vor sich, auf dem Kamelrücken, liegt ein derber Jutesack. Begleitet wird er von Männern mit Turban und Rittershelm, Hellabarden ragen in die Luft, ein Bischofsstab ist auch dabei. Hoho. Haha.

So kommt alles zu allem, bunt gemischt, der Heilige Nikolaus und Knecht Ruprecht, der Weihnachtsmann von Coca Colas Gnaden, die drei Weisen aus dem Morgenland, der Bischof und der Brauseverkäufer, Orient, Okzident, Kukident, Bummel und Rummel, Schlawiner und Schlafittchen und Abrakadabra, Cebrakadabra – veredelt allesamt zu der Sachsen-Anhalter wachrüttelnder Erbauung.

Magdeburg weist uns matratzenhörigen Restdeutschen den Weg. Es ist das Gold, das leuchtet. Wenn schon gewisse Brauchtümer einen Umsatzanlass bereitstellen, dann lasst sie uns alle auch nutzen. In bewundernswerter Magdeburger Modularbauweise ließen sich weiterhin – eins, zwei, drei im Sauseschritt – das islamische Opferfest am 27. November und das jüdische Chanukka am 12. Dezember und vielleicht auch der Geburtstag des japanischen Kaisers am 23. Dezember integrieren.

Und wem der Januar dann gar zu abweisend erscheint, der möge gleich zu Neujahr mit dem Ostermarkt beginnen: Bugs Bunny und der Osterhase jagen an der Elbe entlang. Gemeinsam mit Ronald McDonald entzünden sie täglich ein Sonnwendfeuer. Hei, wie das prasselt.


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