01. Dezember 2009

Der Fall Polanski Tanz der Anwaltsvampire

Die Schuld, die Sühne und die Doppelmoral

An der Polanski-Affäre gibt es etwas, das mich stört. Nicht dass ich wie Harvey Weinstein und Bernard-Henri Lévy oder gar wie dieser Päderastenminister Frédéric Mitterrand die sexuellen Handlungen an einer Dreizehnjährigen verteidigen will, aber angesichts solcher Freunde, die sich mit derlei Bärendiensten zum Affen machen, würde es an ein Wunder grenzen, wenn Roman nur mit einem Klaps davonkommen würde. Auch wenn das jetzt wichtigtuerisch klingt: Ich bezweifle, dass irgendeiner dieser selbsternannten Anwälte Polanski länger kennt als ich, nämlich seit über vierzig Jahren. Aber rollen wir das ganze von vorne auf.

Was der britische Journalist Hugo Rifkind über Polanski und seine Verteidiger am dritten Oktober geschrieben hatte, trifft die Sache genau. Die Ausdünstungen Hollywoods und dieses ganze Gebräu aus Erderwärmung, Darfur, Aids und Romans Fall stinken sowieso zum Himmel. Mir gefiel indes vor allem, was Rifkind über Mel Gibson sagte, den man fast aus dieser Albtraumfabrik gefeuert hätte, weil er einmal in trunkenem Zustand etwas Antisemitisches gesagt hatte, wofür er sich öfter entschuldigt hat als all meine Katernächte zusammengezählt. „Aber Polanski knallt ein Kind aus Fleisch und Blut, und wir lieben ihn dennoch.“ Pikanterweise waren die vier Leute, welche die Petition für Roman nicht unterschrieben haben, Woody Allen, Robert Blake, O.J. Simpson und Phil Spector, von denen die letzten beiden gerade im Knast sitzen.

Jetzt kursieren sehr viele Witze über Polanski, der es sich jedoch in einem Schweizer Gefängnis sehr übel ergehen lässt. Das ganze erinnert schon seit 32 Jahren ein wenig an Inspektor Javert. Das erste Mal traf ich Roman, als er uneingeladen mein Schlafzimmer in Gstaad betrat und darauf bestand, mir beim Beboxen eines dünnen und an einem Faden hängenden Papierschnitzels zuzusehen. Auf diese Weise bereitete ich mich nämlich auf ein bevorstehendes Karateturnier vor. Danach trieben wir uns gemeinsam etwas herum, und irgendwann ließ er sogar Bruce Lee einfliegen, mit dem ich dann ebenfalls trainieren durfte. Nach den Vorfällen in Los Angeles hatten wir uns zwar verkracht und ich schrieb dann auch ein paar gemeine Dinge über ihn, aber schließlich haben wir uns wieder vertragen, und nur er genau kennt den Preis, den er für jene besagte Stunde des Wahnsinns zahlt. Roman hat nun Kinder, ist glücklich verheiratet, und wie mir seine gute Freundin, die wunderbare Ronnie Harwood mitteilte, hat es kein Kind der Welt verdient, dass so etwas mit seinem Vater passiert, vor allem nicht Romans überaus talentierter und reizvoller Sohn Elvis.

Ich will mich gar nicht auf den Standpunkt von falschen Fünfzigern wie Bernard-Henri Lévy stellen, die da meinen, dass Künstler über dem Gesetz stehen und dass dreizehn Jahre in der damaligen Zeit heutigen achtzehn Lebensjahren entsprechen. Ich halte es auch nicht mit Whoopi Goldberg, die es groteskerweise deuchte, es habe sich damals nicht um eine waschechte Vergewaltigung gehandelt. Doch ich will nur mal folgende Frage aufwerfen: Was um Himmels Willen ist aus dem Konzept „Mitleid“ geworden? Polanski ist seit 32 Jahren auf der Flucht, er hat niemals auch nur annäherungsweise sein Vergehen wiederholt, und er hat sich in höchstem Maße rehabilitiert. In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich, in der wir, nur um die politische Karriere eines obskuren kalifornischen Staatsanwalts zu befördern, die volle Härte des Gesetzes zweier Staaten anwenden, um einen Mann zu bestrafen, der schon seit seiner Geburt gestraft ist, nämlich zunächst durch die Nazis und später durch die Manson-Familie. Kein Wunder, dass Roman irgendwie das Gefühl hat, das Leben würde ihm übel mitspielen.

Und wenn wir schon beim Thema Vergebung sind: Ich kann mich nicht erinnern, dass der furchtbare Terrorist Menachem Begin sich jemals dafür entschuldigt hätte, 91 Menschen, darunter 28 Briten, bei der Sprengung des King-David-Hotels in Jerusalem ermordet zu haben. Er entschuldigte sich nicht einmal dafür, als er den Friedensnobelpreis bekam. Doch man vergab und vergaß, als Israel dank Uncle Sam ein gewichtiger Spieler auf der Weltbühne wurde. Der kaltblütige IRA-Mörder Patrick Magee wurde von den Angehörigen derjenigen empfangen, die er 1984 in Brighton getötet hatte, wobei er sich noch nicht einmal entschuldigte. Der einzige, der richtig reagierte, war der großartige Norman Tebbit, dessen damals in Brighton schwer verwundete Frau Margaret der lebende Beweis dafür ist, dass jene brutalen Iren im Gefängnis verrotten sollten, statt in der feinen Gesellschaft abzuhängen. Meines Wissens hat der entsetzliche Ted Kennedy nicht die Forderung aufgestellt, dass Sirhan Sirhan nach 41 Jahren Gefängnis freigelassen werden soll. Wo bleibt denn da das katholisch-irische Mitleid gegenüber diesem palästinensischen Attentäter?

Die Welt ist voller doppelter Maßstäbe. Bevor mich jetzt jemand beschuldigt, Kindesmissbrauch zu verharmlosen, frage ich mal nach dem Wohltäter Jeffrey Epstein, der dafür verurteilt wurde, minderjährige Frauen dafür bezahlt zu haben, ihm einen runterzuholen, aber von den lächerlich milden achtzehn Monaten, zu denen er verurteilt worden war, nur dreizehn absitzen musste. Epstein hatte es gut. Niemand weiß, woher dieser Mathematikforscher seine Milliarden hat. Epsteins Richter in Palm Beach bekam zudem zwei Empfehlungsbriefe, einen von Gouverneur Bill Richardson in New Mexico und einen anderen von Epsteins engem Freund Bill Clinton, den Epstein in seinem Privatflugzeug durch die ganze Welt zu fliegen pflegte.

Wir haben also auf der einen Seite ein 32 Jahre zurückliegendes Verbrechen, das bis zum bitteren Ende verfolgt wird und von einem Mann begangen wurde, der mehr Leid erfahren hat als die meisten von uns jemals erleben werden. Und auf der anderen Seite haben wir Jeffrey Epstein, einen Freund der Mächtigen und Milliardär, der ganze zwölf Monate in einem Luxusknast in Palm Beach verbringen muss. Wenn das wahre Gerechtigkeit ist, dann ist das Gesetz für den Arsch, aber das wusste ich ja schon immer. Warum versuchen wir es zur Abwechslung nicht mal mit Mitleid und Vergebung, jedoch nicht für die wirklich bösen Buben, sondern lediglich für den armen Roman Polanski?

Information

Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 98


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Taki Theodoracopulos

Über Taki Theodoracopulos

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige