17. Dezember 2009

Staatliche Kontrolle, die mich richtig ankotzt (Serie, Teil 1) Flughafenkontrollen

Der Überwachungsstaat im Endstadium

Als Kind bin ich immer gerne geflogen. Es geht schnell. Es ist aufregend. Es gibt ein Bonbon und einen Tomatensaft – außer du fliegst mit dem Viehtransport der Neuzeit namens Easyjet. Und vor allem: Es gibt dieses Über-den-Wolken-Gefühl, das ich früher immer mit den Urlaubsreisen in Verbindung gebracht habe, zu denen ich mit meinen Eltern nach Deutschland, England oder sonstwohin aufgebrochen bin.

Heute gibt es das alles nicht mehr. Ich hasse das Fliegen.

Zum einen fliege ich eigentlich immer beruflich, denn für eine richtige Journalistin gibt es keinen Urlaub im herkömmlichen Sinne. Immer geht es auch um eine Geschichte, deretwegen ich einen Flug buche. 100-prozentigen Urlaub kennen Vollblut-Journalisten nicht. Irgendwas müssen sie immer mitbringen.

Der Hauptgrund aber sind die aberwitzigen Kontrollen, denen wir uns heutzutage unterziehen müssen. Ich rege mich jedes Mal aufs Neue auf: Es fängt mit den Flüssigkeiten an, die ich nicht im Handgepäck mitführen darf. Der Mensch gewöhnt sich ja sehr schnell an jeden Unfug. Neulich bin ich aus Russland nach Deutschland geflogen. Von russischem Territorium in die EU also. Dabei habe ich meine Wasserflasche vergessen.

Als ich ins Flugzeug einstieg, fiel mir das auf. Auf dem Hinflug hätte ich die Flasche wegwerfen müssen. Warum eigentlich? Weil vor drei oder vier Jahren ein paar durchgeknallte Araber angeblich versucht haben sollen, ein Flugzeug mit Flüssigkeiten in die Luft zu sprengen. Und deswegen müssen jetzt Millionen Fluggäste ihre Mineralwasser, ihre Cola, ihre Hautcreme oder ihr Deo wegwerfen. Was für ein Schwachsinn!

Und dann die Kontrollen: Meistens stehen lange Schlangen davor. Dann Laptop auspacken, in einen Plastikbehälter tun. Mantel und Stiefel ausziehen. Gürtel abmachen. Münzen aus den Hosentaschen nehmen. Schlüssel aus den Hosentaschen nehmen. Kaugummi mit Silberpapier auch. Alles zusammen mit dem Handy in einen neuen Plastikbehälter packen. Neulich wurde ich am Hamburger Flughafen von Sicherheitspersonal in einen Extraraum gebracht. Ein Mann ging mit einer Art Staubsauger über die Tastatur des Laptops. Seine Wundermaschine würde Sprengstoff in geringsten Dosen aufspüren, sagte er mir. Gefunden hat er aber nichts. Ich fragte weiter: Er hat noch nie etwas gefunden.

Betrachten wir mal die Fakten: Es hat in der Geschichte der Luftfahrt vielleicht eine Handvoll Terroranschläge auf Flugzeuge gegeben. Der letzte in Europa liegt sage und schreibe zwanzig Jahre zurück. Das war Lockerbie (1989). Öfter vorgekommen sind Flugzeugentführungen wie die Landshut (1977) oder 9/11 (2001). Deswegen ist die Suche nach Waffen beim An-Bord-Gehen durchaus berechtigt. 100-prozentige Sicherheit wird es aber nie geben. Jemand kann immer irgendwie Waffen in ein  Flugzeug schmuggeln, wenn er es unbedingt möchte.

Vorsicht, jetzt wird es makaber! Nähern wir uns der Problematik mal von der anderen Seite: Wenn ich Terroristin wäre und einen Anschlag mit vielen Toten durchführen wollte, was würde ich tun? Auf gar keinen Fall würde ich ein Flugzeug in die Luft sprengen angesichts dieser Sicherheitsmaßnahmen. Viel effektiver wäre eine Bombe auf einem belebten Platz.

Oder in einem Zug! Denken wir an Madrid 2004. Bei den Anschlägen starben ein paar hundert Menschen. Wenn ich eine Bombe in einem vollen ICE zünde und der Zug entgleist, dann gibt es auf jeden Fall etliche Tote. Bei Zugunglücken wie in Eschede gab es auch eine dreistellige Opferzahl. Wenn kein Einzeltäter, sondern eine Terrorzelle am Werk ist, was Al Qaida und den anderen üblichen Verdächtigen immer unterstellt wird, dann könnten mit mehreren Bomben in mehreren Zügen zum Beispiel im Ruhrgebiet auf einen Schlag Tausende in den Tod gerissen werden.

Komisch: Auf einem Bahnhof bin ich noch nicht kontrolliert worden. Das heißt: Die Sicherheitsmaßnahmen in Flughäfen sind überhoch, während es im Bahnverkehr überhaupt keine gibt. Das soll bitte nicht als Plädoyer für mehr Kontrollen auf Bahnhöfen fehlinterpretiert werden. (Nicht, dass Schäuble & Co. noch auf dumme Gedanken kommen.) Ich will nur nachweisen, dass die Kontrollen auf Flughäfen absurd sind und in keinem Verhältnis zum möglichen Nutzen stehen.

Fazit: Tatsache ist doch, dass es seit Jahren in Deutschland keinen Anschlag gegeben hat. Die Al-Qaida-Typen, die wie die Sauerlandgruppe hierzulande zum Glück dingfest gemacht werden konnten, sind nicht aufgrund von Flughafen-Kontrollen ins Netz der Behörden gegangen. Es hat, wenn wir von diesen gescheiterten Versuchen absehen, seit Jahren keinen ernstzunehmenden Anschlag mehr im deutschen und europäischen Flugverkehr gegeben. Dafür aber einen im Bahnverkehr (Madrid), der – dem Himmel sei dank – in jeder Hinsicht ohne Folgen blieb: Erstens keine weiteren Anschläge durch Terroristen, zweitens keine verschärften Kontrollen durch den Staat (auf Bahnhöfen).

Daraus können wir schließen, dass die terroristische Gefahr viel geringer ist, als uns eingeredet wird. Es geht nämlich in Wirklichkeit um Kontrolle der Bürger. Der Staat zeigt ihnen durch die ständigen Kontrollen, welche Macht er über sie hat Bemerkenswert ist, dass die Bürger das alles über sich ergehen lassen.


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