21. Dezember 2009

Forschungsethik I Die interne Unterdrückung der Wissenschaft

Klimaskeptiker sind nicht die einzigen Wissenschaftler, die wie Aussätzige behandelt werden

Als bekannt wurde, dass Klima-„Forscher“ in privaten Emails diskutiert hatten, wie sie dem Publikum wichtige Daten vorenthalten können, damit der Glaube der Öffentlichkeit an das Dogma, dass menschliche Aktivitäten erheblich zur Erwärmung des Klimas beitragen, nicht erschüttert wird, war ich weniger überrascht als viele andere.

Ich war nicht besonders überrascht, weil ich gerade ein paar Wochen zuvor vor der „Oakland Rethinking AIDS“-Konferenz über den Dogmatismus und die Taktik der Unterdrucksetzung gesprochen hatte, die in anscheinend zunehmenden Bereichen der Medizin und der Wissenschaft grassieren. PowerPoint-Präsentationen der meisten Reden auf der Konferenz sind von der Konferenz-Webseite abrufbar. Hier ist eine leicht modifizierte, lesbarere Textversion meiner eigenen Rede. Das Thema kurzgefasst:

Mehrere Jahrhunderte lang war die moderne Wissenschaft so ziemlich ein freier intellektueller Markt, bevölkert von unabhängigen Unternehmern, deren gemeinsames Ziel es war, zu verstehen, wie die Welt funktioniert. Heutzutage ist sie eine Angelegenheit von Konzernen, wo Patente, Amortisierungen, Prestige und Macht dem Ziel der Erkenntnis wissenschaftlicher Wahrheit vorangestellt sind, und wo die Mächtigen Wissensmonopole errichtet haben.

Peter Duesberg habe ich erst auf der Konferenz persönlich kennengelernt, aber ich kannte ihn schon sehr gut aus vielen Videos. Was mir immer auffiel war sein Ausdruck der Überraschung, des Erstauntseins, der völligen Fassungslosigkeit, als er über die Vorgänge berichtete, nachdem er HIV als Ursache von AIDS in Frage gestellt hatte: „Ich hatte alle Studenten die ich wollte ... Laborplätze ... Zuschüsse ... in die National Academy gewählt ... wurde Wissenschaftler des Jahres in Kalifornien. Alle meine Beiträge wurden veröffentlicht. Ich konnte nichts falsch machen ... professionell ... bis ich in Frage stellte ... dass HIV die Ursache von AIDS ist. Dann änderte sich alles.“

Was dann passierte war, dass er keine Zuschüsse mehr bekam, seine Manuskripte ohne substantielle Kritik zurückgewiesen wurden, nur gesagt wurde, dass „jeder weiß, dass AIDS durch HIV verursacht wird“; Robert Gallo, der zuvor über Duesbergs Ruf als führender Retrovirologe gesprochen hatte, bezeichnete ihn nun öffentlich als in wissenschaftlichen Angelegenheiten unehrlich. Verteidiger der etablierten Sicht haben Duesberg für den Tod hunderttausender Südafrikaner verantwortlich gemacht und ihn moralisch mit Holocaust-Leugnern gleichgesetzt.

Was hatte Duesberg getan, um solch einen radikalen Wandel hervorzurufen?

Absolut gar nichts. Er betrieb Wissenschaft genau wie zuvor: Er sammelte Daten, dokumentierte seine Quellen, machte seine Analysen, präsentierte seine Schlussfolgerungen, damit sie von anderen kommentiert werden konnten. Natürlich war Duesberg überrascht, dass er plötzlich vom gelobten führenden Wissenschaftler zum diskreditierten Exzentriker degradiert worden war.

Natürlich war Duesberg überrascht, weil seine Erfahrung, plötzlich inakzeptabel zu sein, offensichtlich eine Anomalie war. Wissenschaft ist nicht so. Wissenschaft wird mittels objektiver, selbstkorrigierender wissenschaftlicher Methode betrieben. Peer-Review-Gutachten sind sachlich und unparteiisch. Argumente sind gehaltvoll, nicht ad hominem. Diese Erfahrung muss beispiellos sein, einzigartig.

Oder vielleicht nur mit anderen AIDS-Überdenkern geteilt, weil HIV als Ursache von AIDS in Frage zu stellen einfach zu unerhört ist, und völlig gerechtfertigt die AIDS-„Leugner“ außerhalb der Normen wissenschaftlichen Verhaltens und Diskurses stellt. So etwas würden Sie nicht in anderen, normaleren Bereichen der Medizin oder der Wissenschaft finden.

Nun, eigentlich doch. Das würden Sie. Duesberg und die AIDS-Überdenker sind nicht allein. Duesbergs Erfahrung ist nicht einzigartig, sie ist sogar weit davon entfernt, einzigartig zu sein.

Da gibt es zum Beispiel „Apokalypse No!“ (Zu Klampen, Lüneburg 2002), worin Björn Lomborg die Klimaerwärmung diskutiert und, dokumentiert mit mehr als 500 Mainstream-Quellenzitaten, darauf hinweist, dass Kioto-artige Politik die Klimaerwärmung nicht ausreichend reduzieren würde, um so bedeutende Konsequenzen wie die Erhöhung des Meerespiegels zu verhindern. Daher sei es sinnvoll, Anpassungen zu entwickeln, die auf jeden Fall benötigt werden; eine viel bessere Investition als der Versuch, die globalen CO2-Emissionen zu senken.

Ein ziemlich unscheinbares ökonomisches Argument, das allein auf Kalkulationen aus dem Mainstream-Datenpool basiert.

Daher war Lomborg sicherlich genauso überrascht, erstaunt und fassungslos wie Duesberg, als er feststellte, dass ihn seine akademische Diskussion außerhalb des zivilen Diskurses verfrachtete. Der Vorsitzende des „Intergovernmental Panel on Climate Change“ fragte: „Wo ist der Unterschied zwischen Lomborgs Menschenbild und Hitlers?“ Ein australischer Kolumnist pflichtete bei: „Vielleicht gibt es ein Argument dafür, die Leugnung des Klimawandels strafbar zu machen – sie ist schließlich ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ Ein amerikanischer Umweltschützer unterstützte diese Idee und schrieb, dass es „Kriegsverbrecherprozesse für diese Schweinehunde“ geben sollte – „eine Art Klima-Nürnberg.“

Natürlich wurden solche Kommentare nicht in der wissenschaftlichen Literatur gemacht, die solchen Rufmord nicht duldet. Oder, so würde man hoffen. Wie sich herausstellt, ist die Hoffnung vergeblich, weil in einer Buchbesprechung in „Nature“ (414: 149-50) behauptet wurde, dass in Lomborgs „Text die Strategie jener eingesetzt wird, die ... behaupten, dass schwule Männer gar nicht an AIDS sterben, dass Juden nicht von den Nazis zum Vernichten selektiert wurden. ...“

Somit ist die Leugnung der Klimaerwärmung genauso inakzeptabel wie die Leugnung von AIDS. Außer, dass – und vielleicht haben Sie’s bemerkt – Duesberg gar nicht geleugnet hat, dass AIDS existiert, er hat lediglich eine andere Erklärung für seine Ursache. Und Lomborg leugnet nicht, dass die Klima-Erwärmung stattfindet, er stellt noch nicht einmal in Frage, dass menschliche Aktivitäten bedeutend dazu beitragen, er stellt lediglich eine Kosten-Nutzen-Rechnung auf.

Natürlich sind sowohl HIV/AIDS als auch die Erwärmung des Klimas Angelegenheiten, die nicht nur die Wissenschaft beschäftigen, sondern auch die Politik und große öffentliche Ausgaben beinhalten. In einer reinen Wissenschaft wie der Astronomie oder Kosmologie würden Sie so etwas nicht vorfinden, oder?

Doch, das würden Sie. Doch, das tun Sie.

Nehmen Sie die Kosmologie und die Urknall-Theorie vom Ursprung des Universums. Halton Arp war ein respektierter, leitender amerikanischer beobachtender Astronom. Er bemerkte, dass einige Quasar-Paare, die physisch nah beisammen sind, sehr unterschiedliche Rotverschiebungen haben. Wie aufregend! Offenbar sind einige Rotverschiebungen nicht vom Doppler-Effekt verursacht, mit anderen Worten, nicht von der schnellen relativen Bewegung von uns weg. Das bedeutet, dass die Kalkulationen über die Expansion des Universums überarbeitet werden müssen. Es ist möglich, dass es nicht mit einem Urknall begann!

Das ist genau die Art von Entdeckung mit riesigem Potential, auf das Wissenschaftler immer hoffen, nicht wahr?

Ganz sicher nicht in diesem Fall. Arp wurde keine Teleskop-Zeit mehr zugeteilt, um seine Beobachtungen fortzusetzen. Im Alter von 56 emigrierte Halton Arp nach Deutschland, um seine Arbeit am Max-Planck-Institut für Astrophysik fortzusetzen.

Arp war jedoch nicht allein mit seiner Ansicht. 34 leitende Astronomen aus zehn Ländern, einschließlich solch herausragende Figuren wie Hermann Bondi, Thomas Gold, Amitabha Ghosh und Jayant Narlikar schickten „Nature“ einen Brief, in dem sie darauf hinwiesen,

- dass sich die Urknall-Theorie auf eine wachsende Zahl von hypothetischen ... Dingen stützt, die nie beobachtet worden sind;

- dass alternative Theorien alle grundlegenden Phänomene des Kosmos ebenfalls erklären können

- und dass dennoch alle finanziellen und experiementellen Ressourcen in der Kosmologie den Urknall-Studien zugesprochen werden.

Genau diese Art von Diskussion, der Streit über das Für und Wider konkurrierender Ideen, findet in der Wissenschaft ständig statt. Bloß, dass „Nature“ sich weigerte, den Brief zu veröffentlichen.

Er wurde vor kurzem im Internet veröffentlicht, und bis jetzt sind hunderte Unterschriften hinzugekommen – genau das selbe, was mit dem Brief passierte, den die Gruppe der AIDS-Überdenker an „Nature“, „Science“, den „Lancet“ und dem „New England Journal of Medicine“ schickte, die sich alle geweigert haben, ihn zu veröffentlichen.

Auf der Mainstream-Konferenz „Outstanding questions for the standard cosmological model“ wurde die atemberaubend herausragende Frage über diese anomalen Rotverschiebungen nicht einmal erwähnt. Also organisierten die Nicht-Urknall-Kosmologen ihr eigenes, separates Treffen – wiederum wie die AIDS-Überdenker oder jene, die das Mainstream-Dogma des Klimawandels und wie wir ihm begegnen sollen in Frage stellen.

Aus irgendeinem Grund ist Nicht-Urknall-Kosmologie genauso inakzeptabel wie AIDS-„Leugnung“, die keine Leugnung ist, oder Klimawandel-„Leugnung“, die keine Leugnung ist.

Dann gibt es jene abstrakteste aller Grundlagenwissenschaften, die theoretische Physik. Das lange bestehende Problem ist folgendes gewesen: Wie können wir die Relativitätstheorie mit der Quantenmechanik in Einklang bringen? Die Quantenmechanik betrachtet die Welt als aus diskreten Teilchen zusammengesetzt, während die Relativitätstheorie die Welt von kontinuierlichen, nicht diskreten Feldern beherrscht sieht. Seit der Mitte der 1970er Jahre hat es keinen wirklichen Fortschritt gegeben. Alle haben an der sogenannten „String-Theorie“ gearbeitet, die keine überprüfbaren Schlussfolgerungen geliefert hat und eine Hoffnung, eine Spekulation, nicht eine wirkliche Theorie ist. Dessen ungeachtet finden theoretische Physiker, die andere Ansätze untersuchen wollen, keine Anstellung, keine Zuschüsse und werden nicht veröffentlicht. (Lesen Sie Lee Smolin, „Die Zukunft der Physik“)

Sie fangen an, sich zu fragen, nicht wahr, wie viele andere Fälle es in der Wissenschaft geben könnte, wo eine einzige Theorie sämtliche Ressourcen in Anspruch nimmt? Und wo kompetente Wissenschaftler, die etwas anderes ausprobieren möchten, nicht nur ausgesperrt, sondern auch persönlich beleidigt werden?

Nun, da gibt es die Frage, warum die Dinosaurier ausgestorben sind. Jeder weiß, dass die Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren krepierten, als ein Meteorit auf die Erde traf. Das heißt, jeder weiß das bis auf die Paläontologen, deren Spezialität diese Art von Frage sein sollte.

Die Meteoriten-Theorie wurde vom Physik-Nobelpreisträger Luis Alvarez und seinem Sohn Walter, einem Geologen, entwickelt. Der Paläontologe Dewey Mclean hatte zuvor eine auf Vulkanismus basierende Theorie entwickelt – es war lange bekannt gewesen, dass zu der relevanten Zeit eine gewaltige vulkanische Aktivität, der sogenannte „Dekkan-Trapp“, stattgefunden hatte.

Glauben Sie, dass Alvarez mit McLean eine zivilisierte, gehaltvolle Diskussion geführt hat?

Oder überrascht es Sie zu hören, dass Alvarez auf einer Konferenz im Privatgespräch zu McLean sagte: „Ich werde ihre Karriere vernichten, wenn sie beharrlich bleiben.“ Und Alvarez hat sich tatsächlich mit McLeans Universität in Verbindung gesetzt und versucht, McLeans Beförderung zu blockieren – ich weiß das mit Sicherheit, denn ich war zu der Zeit der Dekan an Dewey McLeans College.

Natürlich hat es in der Wissenschaft immer Widerstand gegen den Wandel gegeben, so wie in anderen Bereichten menschlicher Aktivität auch. Aber dieser Grad an Unterdrückung von Minderheitenmeinungen und die Verwendung von Gossensprache und Rufmord lässt ihn wie ein neues Phänomen erscheinen. Jedenfalls erschien es jenen Leuten so, die sich plötzlich vom Diskurs und den Ressourcen des Mainstreams ausgeschlossen fanden.

Arp, Duesberg, Lomborg, Mclean und andere „Leugner“ verschiedener Mainstream-Theorien sind überrascht, weil die Wissenschaft eigentlich nicht so sein sollte. Lomborg weiß nicht, dass „AIDS-Leugner“ ähnlich wie „Klimaerwärmungs-Leugner“ behandelt werden. Arp weiß nicht, dass AIDS und Klimaerwärmungs-„Leugner“ schlimmer behandelt werden als jene, die den Urknall in Frage stellen. McLean weiß nicht, dass Karrieren der „Leugner“ von AIDS, dem Urknall und der Klimaerwärmung ebenfalls bedroht wurden. Jeder, der solche Erfahrungen persönlich gemacht hat, meint, dass es eine einmalige Erfahrung ist, weil Wissenschaft so nicht sein sollte.

Aber die Wissenschaft ist heutzutage so: Widersprechen Sie der gängigen gegenwärtigen Meinung der Wissenschaft und Sie werden keine Zuschüsse erhalten, nicht veröffentlicht werden, und mit Holocaust-Leugnern gleichgesetzt werden.

Und so war es in Wirklichkeit nicht immer. Heutzutage ist „Wissenschaft“ und „Grundlagenforschung“ extrem halsabschneiderisch geworden, und es gibt eine Menge Kompromisse in der Qualität und pure Unehrlichkeit in der Wissenschaft. Zum Beispiel veröffentlichen die „NIH Rundbriefe“ regelmäßig die Namen spezifischer Individuen, die aufgrund irgendeiner Unehrlichkeit für eine bestimmte Zeit von der Zuschussvergabe ausgeschlossen werden.

In der guten, nicht so alten Zeit gab es keinen Bedarf für ein „Federal Office of Research Integrety“, ein Bundesamt für Forschungsintegrität – eine Bezeichnung, an der George Orwell seine reine Freude gehabt hätte. Aber nun haben wir so ein Amt, und an den Colleges gibt es „Centers for Research Ethics“, Forschungsethikzentren, und Verleger haben Fachzeitschriften wie „Accountability and Research“, „Verantwortlichkeit und Forschung“ herausgegeben – es gibt eine junge, aufkeimende akademische Industrie, die sich der Aufgabe widmet, den Wissenschaftlern zu sagen, wie sie sich zu verhalten haben.

So weit ist es mit der Wissenschaft gekommen. Echte Wissenschaft, die Suche nach besserem Verständnis, ist von Selbstsucht und persönlichem Interesse gekapert worden und ist nun Gefangene der Wissensmonopole und Forschungskartelle. Eine einzige Theorie übt dogmatische Kontrolle über Zuschüsse, Veröffentlichungen, Berufe und Beförderungen aus.

Weshalb? Wie ist das geschehen?

In einem Folgeartikel werde ich beschreiben, wie wir zu dieser neuen Weltordnung der Wissenschaft gelangten.

Information

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 17. Dezember 2009 auf der Webseite lewrockwell.com veröffentlicht und wurde für ef-online von Robert Grözinger aus dem Englischen übersetzt.

Internet

Björn Lomborg: „Apokalypse No!“ (Zu Klampen, 2002)

Lee Smolin, „Die Zukunft der Physik“ (Deutsche Verlags-Anstalt, 2009)


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Henry Bauer

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