Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Rationalisierung statt Zuwanderung?: Roboter als Ersatz für die fehlenden Enkel

von Gérard Bökenkamp

Über die notwendige Anpassung an den demographischen Wandel

22. Dezember 2009

Zuerst die Fakten: Da die Geburtenrate seit bald vierzig Jahren unter der Reproduktionsrate liegt, aktuell bei 1,4 Geburten pro Frau, und gleichzeitig die Lebenserwartung steigt, schrumpft und altert die deutsche Bevölkerung. Die gängigen Prognosen des Statistischen Bundesamtes und der Vereinten Nationen gehen von einem Rückgang der Einwohnerzahlen bis zum Jahr 2050 auf 69 bis 75 Millionen aus. Selbst wenn die Geburtenrate einen Sprung machen würde, würde das heute nicht mehr viel ändern. Bei den Schätzungen ist eine Einwanderung von 100.000 bis 200.000 Personen im Jahr bereits eingerechnet. Die Phase, in der dieser Trend durch eine höhere Geburtenrate abgefangen worden wäre, ist vorbei.

Das Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung erklärte in seinem Dezember-Newsletter: „Im Unterschied zur Situation in kinderreichen Ländern wie Frankreich oder Schweden stellt in Deutschland die Zuwanderung deshalb die einzige Möglichkeit dar, den Bevölkerungsrückgang der Zukunft wenn auch nicht aufzuhalten, so wenigstens abzumildern.“ Das Berlin-Institut fügt allerdings später hinzu, es sei „offen, aus welchen Herkunftsländern diese kommen sollen und wie diese Menschen in Deutschland zu halten wären.“  Das Institut hält das Einwandererpotential aus Osteuropa für weitgehend ausgeschöpft. „Der Blick muss sich deshalb vermehrt auf die Länder richten, deren Bevölkerung wächst.“ Aus diesen Gründen werde die Zuwanderung aus Afrika und Asien an Bedeutung gewinnen. Ohne politische Begrenzung der Einwanderung könne sich die „Nettozuwanderung aus Ländern wie Indien, Marokko oder Tunesien deutlich erhöhen.“

Ganz zum Schluss der Ausführungen merkt man den Verfassern an, dass sie an der Zweckdienlichkeit dieses Lösungsansatzes selbst zweifeln. Denn sie fügen unvermittelt hinzu: „Die Zielländer der Migration sind aber vor allem an einem interessiert: An einem ausreichenden Ausbildungstand der Zuwanderer.“ Mit der Bemerkung konterkarrieren die Autoren, was sie zuvor geschrieben haben. Denn dass aus den Armutsregionen keine Naturwissenschaftler, Informatiker und Ingenieure in die Bundesrepublik strömen werden, ist auch den Verfassern klar. Das Dilemma besteht eben darin, dass die Hochqualifizierten, die gebraucht werden, nicht unbedingt ein Interesse daran haben, ausgerechnet in die Bundesrepublik zu kommen, und die Geringqualifizierte zwar gerne in die Bundesrepublik kommen würden, aber nicht den Ansprüchen des deutschen Arbeitsmarktes genügen.

Ohne weiteres könnte man jedem, der über einen international vergleichbaren technischen oder naturwissenschaftlichen Abschluss verfügt, freies Zuzugsrecht in die Bundesrepublik einräumen. Durch diese einfache Lösung könnte man sich die Bürokratie sparen und sicher den einen oder anderen klugen Kopf nach Deutschland holen. Es würde aber wohl wie schon bei der Greencard-Regelung deutlich werden, dass Deutschland für hochqualifizierte Facharbeiter, die in fast allen westlichen Industriestaaten dankbare Aufnahme finden können, nicht die erste Adresse ist. In den letzten Jahren hatte Deutschland mit dem umgekehrten Trend zu kämpfen, nämlich, dass Hochqualifizierte das Land verlassen.

Deutschland hat eine andere Möglichkeit, die Folgen des demographischen Wandels abzumildern, wenn nicht zu meistern, den auch das geburtenarme Japan beschritten hat: Die verstärkte Rationalisierung durch den Ersatz von Arbeitskraft durch Kapital und Technologie. Alle Möglichkeiten, der so oft gegeißelten Rationalisierung können in den nächsten Jahrzehnten ausgeschöpft werden. Wo immer eine Arbeitskraft durch einen Computer; Automaten oder einen Roboterarm ersetzt werden kann, kann die Produktivität noch gesteigert werden, wenn die entsprechenden Arbeitskräfte aus demographischen Gründen nicht mehr zur Verfügung stehen. In absehbarer Zeit gibt es kaum eine körperlich fordernde Tätigkeit, die nicht effizienter von einer Maschine übernommen werden kann. Deshalb ist für die wirtschaftliche Zukunft die Qualität des Humankapitals entscheidender als die Quantität. Schon das ist ein zentraler Grund, warum Deutschland nicht auf die Impulse durch geringqualifizierte Einwanderer setzen kann. Denn diese strömen in den Bereich des Arbeitsmarktes, in dem die Arbeitskraftnachfrage ohne große Schwierigkeiten durch Rationalisierung ersetzt werden kann.

Gerade aus diesem Grund behindert die Zuwanderung von Geringqualifizierten die Anpassung an den demographischen Wandel eher als sie zu befördert. Dies zeigen die Erfahrungen mit der Einwanderung in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Da die Einwanderer vor allem in stagnierenden und schrumpfenden Branchen eingesetzt wurden, mehrte die Aufnahme von Gastarbeitern nicht nur nicht den Wohlstand der Bundesrepublik, sondern verminderte ihn sogar. Der Strukturwandel wurde durch die indirekte Subventionierung, die die Gastarbeiterpolitik darstellte, gebremst. Der Marktmechanismus blieb nach Ansicht der Sozialwissenschaftlerin Heike Knortz  „solange ausgeschaltet, solange die Bundesregierung der deutschen Industrie über die außenpolitisch motivierten Anwerbe- und Vermittlungsabkommen betriebswirtschaftlich kostengünstige Arbeitskräfte bereitstellte, deren tatsächliche Kosten der deutsche Steuerzahler trug.“

Der große Vorteil von Kapitaldeckung der Altersvorsorge und der Substitution von Arbeitskraft durch Technologie besteht für eine alternde Gesellschaft eben darin, dass die Produktivität so weit wie möglich vom Arbeitskräfteangebot entkoppelt und  das Kapital unabhängig von Territorialgrenzen dort eingesetzt werden kann, wo am effizientesten produziert wird. Die notwendigen Überschüsse für die Altersvorsorge können in einem Maschinenpark in Süddeutschland ebenso wie von Textilarbeiterinnen in Bangladesh erarbeitet werden. Warum Arbeiter nach Deutschland holen, wo sie in einen unflexiblen und von hohen Abgaben belasteten Arbeitsmarkt kommen, wenn man die Fabrik auch gleich in ihrer Heimat bauen kann? Die Arbeit des nichtgezeugten Enkels (und des gering qualifizierten Einwanderers), der zu anderen Zeiten den Rentenbeitrag aus dem Einkommen für seine Tätigkeit am Fließband finanziert hätte, wird dann von einer Maschine ausgeübt und landet auf dem Konto des Pensionärs in Form der Dividende seiner fondsgestützten Altersvorsorge.

Statt auf Teufel komm heraus zu versuchen, die Bevölkerungszahl zu stabilisieren, ist innovative Anpassung an das Unvermeidliche gefragt. Es gilt dasselbe wie in der Klimapolitik: Der Wandel ist die Normalität und lässt sich nicht verhindern, die Gesellschaft kann sich lediglich an die neuen Rahmenbedingungen anpassen. Diese Anpassung erfolgt am besten über die Reform der Altersvorsorge hin zu kapitalgedeckten Systemen, Sicherung der Geldwertstabilität und die Aufhebung der Technik und Forschung behindernden Regulierungen.

Informationen:

Wie wurde Deutschland ein Einwanderungsland?

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