02. Januar 2010

Rezension Avatar - Aufbruch nach Pandora

Sehenswerte Klischees im tiefen, grünen Urwald

James Camerons Avatar ist seit Dezember des letzten Jahres in den Kinos zu sehen. Die Handlung des Films ist ziemlich geradlinig und ihr Ablauf vorhersehbar, wenn man ihre Bezeichnung als durchsichtig vermeiden will. Das Lesen dieser Rezension und das Verraten des Handlungsablaufs sollte daher denjenigen den Spaß nicht verderben, die diesen möglicherweise teuersten Film aller Zeiten noch im Kino anschauen wollen. Offiziell mit einem Budget von 237 Millionen US-Dollar ausgestattet, sprechen gut informierte Quellen eher von einer an die 300 Millionen US-Dollar heranreichenden Summe.

Ein Großteil des Budgets wurde auf die neuartige 3D-Technik verwendet. Diese sorgt für ein außergewöhnliches Kinoerlebnis, das allein schon den Eintrittspreis für den überlangen Film rechtfertigt. Zwar wird der Film auch in einer 2D-Fassung gezeigt, doch sollte man sich nach Möglichkeit unbedingt für die 3D-Version entscheiden. Im Gegensatz zu den früheren Pappbrillen mit roten und grünen Gläsern aus Kunststofffolie sind die aktuellen 3D-Brillen weit weniger lächerlich, wenn auch noch nicht als schick zu bezeichnen. Zumindest ein amüsiertes Grinsen lässt sich nicht verkneifen, wenn der Blick durchs Kino schweift und man das dringende Verlangen nach einer großen Fliegenklatsche verspürt. Das Minus der erzwungenen unästhetischen Homogenität des Zuschauerkollektivs vergisst man indes sehr schnell, sobald man in die von Cameron gezeichnete 3D-Welt eintaucht. Insbesondere zu Beginn des Films hat man mehrfach den Wunsch, die plastisch in den Zuschauerraum hineinragenden Gegenstände berühren zu wollen, wovon nur die Befüchtung, dass der Griff ins Leere die räumliche Illusion zerstören könnte, abhält. Wenn der Protagonist durch den fremdartigen Urwald streift, so möchte man ihm stets zur Seite stehen und den Farn für ihn mit Händen teilen, damit er besser sehen möge.

Der fremdartige Urwald wächst auf dem Planeten Pandora, zu dem Jake Sully aufgebrochen ist. Er ist in die Dienste einer mächtigen Minengesellschaft getreten, die auf Pandora die Vorkommen von Unobtanium ausbeuten will. In der deutschen Übersetzung ist es weniger eindeutig, aus der englischen Originalbezeichnung Unobtainium geht es jedoch klar hervor: Am Ende wird die Minengesellschaft mit leeren Händen nach Hause fahren, da das begehrte Element für sie un-obtainable ist. Der Grund hierfür sind die sich letzten Endes doch als sehr wehrhaft erweisenden Bewohner von Pandora und der Planet selbst. Die Bewohner, die Na’vi leben mit sich und Fauna und Flora von Pandora im Einklang. Die Pflanzen stehen untereinander in Kontakt und die Na’vi sind mit einem biologischen Adapter ausgestattet, mit dessen Hilfe sie sich mit Tieren und Pflanzen verbinden können. Wenn schon diese kurze Beschreibung den Eindruck erweckt, es mit einem Film zu tun zu haben, für den das Drehbuch vom Naturschutzbund geschrieben wurde, so liegt man richtig. Pandora ist die getreue Umsetzung der träumerischsten Visionen, die man einem Mitglied des Nabu unter Nutzung aller verfügbaren Klischees andichten würde. Dies geht sogar soweit, dass der Gaia-Mythos als Eywa implementiert wird. Eywa wehrt sich schlussendlich denn auch höchstselbst gegen die terrestrischen Invasoren, indem sie die auf und mit ihr lebenden Tiere zum Kampf gegen Maschinen und Söldner anstiftet. Das überrascht zwar die Ureinwohnerin in der Hauptrolle, die zuvor noch erklärt hat, dass Eywa sich stets neutral verhalte, nicht aber den Zuschauer, der damit gerechnet hat, ja rechnen musste.

Zu den einfallenden Söldner gehört auch Jake Sully, der, an den Rollstuhl gefesselt, von der Minengesellschaft als Ersatz für seinen verstorbenen Zwillingsbruder angeheuert wird, um an dessen Stelle den für ihn geschaffenen Avatar zu übernehmen. Der Avatar ist der Körper eines in vitro gezüchteten Na’vi, der mit Maschinenhilfe durch den Geist eines Menschen gesteuert werden kann. In diesem Körper macht sich Jake Sully auf zur Erforschung des Urwalds. Die Geschicklichkeit, mit der er dabei vorgeht, erschließt sich, wenn man sich einen im Großstadtdschungel aufgewachsenen Menschen vorstellt, der in den Stamm eines Waldvolks auf Borneo teleportiert wird. Auf sich allein gestellt nicht überlebensfähig in der feindlichen Umwelt wird Sully beziehungsweise sein Avatar zunächst fast Opfer der Fauna, nur um dann von der schönen Eingeborenen gerettet zu werden. Diese erweist sich – ja, auch dieses abgelutschte Motiv nutzt Cameron – als die Häuptlingstochter. Natürlich wird aus dem grobschlächtigen Soldaten ein feinfühliges Stammesmitglied, das die Seiten wechselt, wenn es um die Wurst, respektive den Wohnbaum des Stammes geht, unter dessen Wurzeln das Unobtanium verborgen ist.

Trotz all der Klischees, Schubladen und Vorurteile, die genutzt, gezogen und bedient werden, lohnt es sich unbedingt, den Film zu schauen. Die lineare und vorhersehbare Handlung, die den Konsum jedes anderen Films zu einer fürchterlichen Enttäuschung werden ließe, schadet dem Filmgenuss nicht. Neben der 3D-Technik ist einer der Hauptgründe hierfür wohl die Formen- und Farbenpracht des Spektakels. Weniger in der Gestaltung der Na’vi und der Fauna von Pandora, viel mehr bei der Flora ist den kreativen Köpfen um Cameron ein großer Wurf gelungen. Man kann sich kaum satt sehen an den wunderbaren Pflanzen und ihren Eigenschaften, die da vor einem ausgebreitet werden. Weiter kommt selbstverständlich die Action nicht zu kurz. Die Schlacht um Pandora ist ein visueller Höhepunkt, der in den zahlreichen von Sully zu absolvierenden Aufgaben auf dem Weg ins Kriegerleben sorgsam vorbereitet worden ist. Da stört die, abgesehen vom obligatorischen Drama, einigermaßen ungestört sich entfaltende Liebesgeschichte zwischen Fremdling und Häuptlingstochter nur wenig.

Nicht zuletzt ist es leicht, für das Naturvolk, weniger für Sully, Partei zu ergreifen. Letztendlich geht es um Eigentum, nämlich das des Stammes an seinem Wohnbaum. Genau das wollen die Militärs der Minengesellschaft den Ureinwohnern verleiden. Zurecht verteidigen die Na’wi sich mit Gewalt gegen den Angriff auf ihre Heimat, so dass sich die Sympathien leicht verteilen lassen. Der extremen Cameronschen Schwarz-Weiß-Malerei hätte es gar nicht bedurft, um die Terraner als Bösewichte zu kennzeichnen. Wer ansatzweise vernünftig ist, entscheidet sich ohnehin für die Seite des Rechts, also gegen die aggressiven Eindringlinge. Der krampfhafte Versuch, einen Bezug zur amerikanischen Außenpolitik herzustellen, ist von daher überflüssig. Es ist allerdings traurig, dass der Bezug auf aktuelle politische Ereignisse aus Sicht des Regisseurs notwendig ist, um auch dem letzten klar zu machen, was richtig und falsch ist.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Dirk Friedrich

Über Dirk Friedrich

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige