Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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„Foreign Affairs“: Demographische Bombe?

von Gérard Bökenkamp

Schrumpfung im Westen, Wachstum in den ärmsten Ländern

Die Zeitschrift „Foreign Affairs“ ist eine der einflussreichsten außenpolitischen Periodika in den USA. Die aktuelle Titelgeschichte setzt sich mit der „neuen demographischen Bombe“ auseinander. Jack Goldstone, Professor an der George Mason School of Public Policy, sieht drei Tendenzen, die seiner Ansicht nach, in den nächsten Jahrzehnten zu Krisentreibern werden könnten. Erstens die Alterung der westlichen Industriegesellschaften. Zweitens das extreme demographische Wachstum in den ärmsten Ländern, insbesondere in den Staaten der islamische Welt. Und drittens die Beschleunigung der Verstädterung eben in diesen Staaten.

Europa verliert bis zum Jahr 2050 etwa 24 Prozent der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter. Die USA erwartet hingegen durch eine größere Zahl von Einwanderern und eine höhere Geburtenrate einen Anstieg seines Bevölkerungsanteils im Erwerbsalter um 15 Prozent. Jedoch auch die USA müssen mit einer Verdoppelung des Bevölkerungsanteils der über 60jährigen rechnen. Goldstone geht davon aus, dass die demographische Entwicklung die Trends, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem gesteigerten Wachstum in Europa beigetragen haben – steigende Produktivität, Verbesserung der Ausbildung, technische Innovation und der wachsende Anteil der Frauen an der Arbeitsproduktivität – in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr im selben Maße dazu betragen können. Gleichzeitig werden die Kosten für die medizinische Versorgung sowie für Renten und Pensionen steigen.

Neun von zehn Kindern auf der Welt leben heute in Entwicklungsländern. 70 Prozent des Bevölkerungswachstums wird bis 2050 in 24 Ländern mit einem statistischen Prokopfeinkommen von unter 3.855 Dollar stattfinden. Bangladesh, Ägypten, Indonesien, Nigeria. Pakistan und die Türkei hatten 1950 zusammen 242 Millionen Einwohner. Im Jahr 2009 war diese Zahl auf 886 Millionen gestiegen. Bis zum Jahr 2050 erwarten die Demographen in diesen Ländern ein zusätzliches Wachstum um 475 Millionen Einwohner. Von den 48 Ländern mit dem rasantesten Bevölkerungszuwachs besitzen 28 entweder eine muslimische Mehrheit oder eine muslimische Minderheit von über einem Drittel der Bevölkerung. Aufgrund der schwerwiegenden demographischen Verschiebung empfiehlt Goldstone eine Verbesserung der Beziehungen zur islamischen Welt.

Mit dieser Entwicklung geht eine rasante Entwicklung zur Urbanisierung einher. Im Jahr 1950 lebten etwa 30 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, im Jahr 2050 werden es nach den Vorausberechnungen der UNO bis zu 70 Prozent sein. Dieser Zustand ist insofern beispiellos, als dass die Urbanisierung im Westen mit einem weit höheren Wohlstandsniveau einherging als es in den Entwicklungsländern der Fall ist. Die USA erreichten den Anteil von 65 Prozent städtischer Bevölkerung im Jahr 1950 bei  einem Einkommen von 13.000 Dollar nach heutiger Kaufkraft pro Person. Nigeria, Pakistan und die Philippinen erreichten diesen Anteil  urbanisierter Bevölkerung bereits bei einem durchschnittlichen Prokopfeinkommen von 1.800 bis 4.000 Dollar. In den wachsenden Millionenmetropolen mit sehr junger und zum großen Teil arbeitsloser Bevölkerung sieht der Autor ein wachsendes Potential für soziale Konflikte und politische Radikalisierung.

Goldstone ist zu recht skeptisch gegenüber den Aussichten staatlicher Regulierung des Bevölkerungswachstums. Das Anwachsen der Weltbevölkerung resultiert ohnehin nicht aus steigenden Geburtenraten, sondern aus der Altersstruktur und ist damit eine Folge des „demographischen Trägheitseffektes“. Das heißt, die Bevölkerung wächst selbst dann noch rapide, wenn die Geburtenraten bereits zurückgehen. Adäquate Antworten sind hingegen die Öffnung der Grenzen für den internationalen Handel und die globale Arbeitsteilung sowie der Einsatz neuer Technologien, insbesondere in der Landwirtschaft. Den alternden Staaten Europas empfiehlt Goldstone eine geburtenfreundliche Politik und Einwanderung in beide Richtungen. Einerseits würde der Migrationsdruck auf Europa zunehmen, andererseits könnten Pensionäre verstärkt von den Möglichkeiten der Freizügigkeit Gebrauch machen und ihren Wohnsitz in Regionen mit warmen Klima und preiswerten Dienstleistungen nehmen, was die Kosten des Alterungsprozesses reduzieren könne.

Diese Lösungsvorschläge sind nicht besonders originell. Auf die praktische Umsetzung und die Bewältigung der damit verbundenen Probleme, die Möglichkeiten und Grenzen der Integration und der Familienpolitik, geht der Autor leider nicht ein. Er liefert in seinem Beitrag aber das Zahlenmaterial und zeigt auf, in welche Richtung die zentralen demographischen Trends global weisen, welche Dimension diese Entwicklung besitzt und welche Herausforderungen daraus resultieren.

Literatur

Jack A. Goldstone: The New Population Bomb, in: Foreign Affairs, January/February 2010

12. Januar 2010

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