André F. Lichtschlag

Jg. 1968, Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "eigentümlich frei", Verleger (ef und Lichtschlag Buchverlag).

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Zeitgeist-Wende, Teil 8: Auch Springer-Verlagschef Mathias Döpfner spricht jetzt Klartext

von André F. Lichtschlag

Und erteilt dem Aufklärer Peter Sloterdijk Schützen- und Nachhilfe

Inzwischen erscheinen die vor kurzem noch undenkbaren Artikel fast täglich. Wo? Etwa in der politisch bislang stets überkorrekten „Süddeutschen Zeitung“, die nun den Thesen von Enfant terrible Peter Sloterdijk in einem Interview breiten Platz einräumt.

„Sie sagen“, wirft Sloterdijk seinen sozialliberalen Interviewern gleich zu Beginn entgegen, „der Staat braucht“. Aber „genau um die Qualität dieses Brauchens und um seine Begründung geht es in der aktuellen Debatte. Das Wort ‚brauchen’ kann autoritär und obrigkeitlich ausgelegt werden; Reste dieser absolutistischen Tradition sind bei uns virulenter, als man vermutet hätte.“ Mehr noch: „Das staatliche ‚Brauchen’ kann auch sozialistisch ausgelegt werden: Wenn Eigentum Diebstahl ist, wie die altlinke Vulgata lehrt, dann dürfte ein kräftiges Maß an Gegendiebstahl legitim sein – auch diese Tradition ist bei uns noch auf diffuse Weise mächtig, nicht zuletzt beim akademischen und sozialkritischen Kleinbürgertum, das seine antikapitalistischen Stimmungen nie überprüft hat.“

Sloterdijk erkennt: „Wir haben uns in fiskalischen Dingen so sehr an die Zwangsabgabenkultur angepasst, die alt-autoritäre wie die semi-sozialistische, dass über Alternativen nicht einmal mehr nachgedacht wird.“ In der Schweiz, erklärt Sloterdijk, stimmten „die Bürger seit langem über die Höhe ihrer Steuern ab, ohne dass es je zu Hungersnöten gekommen ist. Ich gehe von der anthropologischen These aus, dass Menschen mehr sind als nur gierige Nehmer.“ Nun ist der Vorzeigephilosoph richtig in Fahrt: „Was Plünderungen angeht, denken bei uns viele noch immer ganz anders herum. Die größeren Steueraktiven werden als Ausbeuter beargwöhnt, denen nur Recht geschieht, wenn man sie stark belastet. Die Missdeutung der Unternehmenskultur ist bei uns ein alter Reflex. Man denunziert allzu gern diejenigen, die etwas zu geben haben, indem man behauptet, sie hätten nur zu geben, weil sie vorher gestohlen haben. Der Glaube an die Legitimität des Gegendiebstahls hat den Bankrott des Sozialismus in den dumpferen Bewusstseinsschichten überlebt – nicht zuletzt bei den intellektuell stehengebliebenen Soziologieprofessoren, die sich in der aktuellen Debatte zu Wort gemeldet haben“ – und die wie etwa die wackeren altlinken Kämpfer in ihren „Blättern für deutsche und internationale Politik“ heute bereits wie seltsame Museums-Relikte aus längst vergangenen Tagen wirken. Sloterdijk und Sarrazin bestimmen die Diskussion selbst in den politkorrektesten Mainstreammedien – und die alten linksnostalgischen Kollegen, vor kurzem noch unangefochtene Meinungsführer, antworten allenfalls müde in ihren letzten Nischenblättern.

Freiwilliges Geben würde nicht funktionieren, wirft auch die „Süddeutsche“ noch einmal ein. Doch „andere Nationen“, so Sloterdikt, bewiesen das Gegenteil. Er habe „kürzlich Statistiken gesehen, wonach in der Bundesrepublik im Jahr 2008 etwa vier Milliarden Euro für philanthropische und kulturelle Zwecke gespendet worden sind. Das klingt zunächst ganz gut. Doch in derselben Zeit sind in den USA nahezu 310 Milliarden Dollar freiwillig aufgebracht worden. Selbst wenn man die Größe der Populationen aufrechnet, ergibt sich für die USA beim Spenden eine 20-fache Überlegenheit. Und man kann nicht sagen, dass die Amerikaner mit ihren Zwangssteuern nicht auch schon reichlich belastet wären.“ Woran das liegt? Amerikaner, sagt Sloterdijk „glauben nicht daran, dass Erfolg Schuld erzeugt. Das Menschenbild, das ihrer politischen Kultur zugrunde liegt, lässt für die generöse Dimension im Sozialverhalten große Spielräume offen. Damit wird in den Bürgern die Geberdimension systematisch herausgefordert. Wir wären gut beraten, uns auch in Deutschland und Europa zu einer Zivilisation des Geberwettbewerbes zu bekehren, statt weiter die einäugige Gier- und Profitjäger-Anthropologie zu pflegen, die uns mit den fragwürdigsten Traditionen des 19. Jahrhunderts verbindet.“

„Platt gefragt“, leitet der „SZ“-Redakteur selbstkritisch ein: „Muss jemand, der so denkt wie Sie, FDP wählen?“ Der 62-Jährige enttäuscht ihn: „Ich kann seitens der Freien Demokraten nicht den geringsten Ansatz einer positiven Resonanz auf meine Thesen beobachten.“ Denn „die meisten Parteipolitiker interessieren sich sehr wenig für die Gedanken und Gefühle der Leute, deren Geld sie ausgeben. In Steuerfragen denken sie nach wie vor rein etatistisch. Sie glauben an die wohlmeinende Kleptokratie, kaum anders als die Fürsten und die fiskalische Obrigkeit von einst.“

„Ein Blick in die Statistik“, lehrt Sloterdijk, verrate noch folgendes: „Die oberen zehn Prozent der Steuerbürger leisten mehr als 50 Prozent der Einkommensteuern, und die oberen 20 Prozent über 70.“ An dieser einen Stelle verrät der Philosoph, dass er von Hause aus kein Ökonom ist, sind diese Prozentzahlen für seine Argumentation doch unerheblich, wenn nicht irreführend. Denn zu den oberen 20 Prozent der Einkommensteuerzahler zählen offiziell auch jene, die selbst gar nicht geben, sondern nehmen. Sloterdijk schlägt all die höheren Beamten aus „Big Government“ und ihre Vettern, die Staatsprofiteure im hochsubventionierten „Big Business“, deren Einkommen allesamt ohne Steuern auf Null sänke und deren „Steuerabzüge“ ein simpler Buchungstrick ist, auf die falsche Seite. Er lenkt versehentlich vom wahren Nehmer-Charakter der vermeintlich so großzügigen Geber ab.

Doch das fällt auch den Interviewern nicht auf, die an der Stelle auf „einen großen Anteil der indirekten Steuern“ hinweisen, die „inzwischen die Hälfte des Gesamtvolumens“ ausmachten. Sloterdijk antwortet etwas unbeholfen: „Man verschweigt bloß gern, dass die an den Konsum gebundenen Steuern nicht gleichmäßig von der gesamten Bevölkerung aufgebracht werden. Der Löwenanteil entfällt auch hier wieder auf die Bezieher der höheren und mittleren Einkommen, weil diese sich naturgemäß als die konsumintensiveren Haushalte hervortun.“ Gerade die Höhe der Einkommen unterscheidet aber eben nicht den Staatsprofiteur vom ausgebeuteten Nettosteuerzahler, der im übrigen auch kaum bei den meist sehr staatsnah agierenden oberen zehn Prozent zu finden ist, sondern in der ausgepressten deutschen Mittelschicht. Hier darf Sloterdijk zur Untermauerung seiner an sich so treffenden Thesen über Geben und Nehmen gerne einmal bei Hayek oder Hoppe nachschlagen, mithin ein wenig ökonomische und liberale Nachhilfe nehmen. 

Mathias Döpfner, mächtiger Chef des Axel-Springer-Verlags, ist was Ökonomie betrifft von Hause aus belesener. Er äußerte sich ebenfalls in bemerkenswerter Art und Weise in dieser Woche beim Neujahrsempfang seines Hausblattes „Die Welt“.  

Ach Döpfner erkennt die deutsche obrigkeitsstaatliche Tradition als Übel: Ein „deutscher Hang zur freiwilligen Selbstunterwerfung in staatliche Fremdbestimmung und Zentralfürsorge“ sei „schwer übersehbar“ und stehe „im scharfen Kontrast zum angloamerikanischen Ideal vom freien Bürger“. Drei Gründe erkennt Döpfner: Die „Bismarcksche Sozialpolitik“ habe „in ihrer Mischung aus Etatismus und Korporatismus die deutsche Mentalität bis heute geprägt. Ordnungsdenken und Obrigkeitsfixierung haben dabei die Entwicklung zum Versorgungsstaat befördert.“ Zweitens sei „der moderne Fürsorgestaat ein Ersatz für die verloren gegangene Vaterfigur, die Religion.“ Und drittens, aus dem Hause Springer wie der zweite Punkt eine Überraschung: „Das Schuld-Trauma des Dritten Reiches hat den Deutschen erstaunlicherweise kein gesundes Misstrauen gegen staatliche Autorität, sondern eher ein besonderes Misstrauen gegen die Staatsbürger selbst eingeimpft. Und noch erstaunlicher: Eine besondere Skepsis nicht gegen den Sozialismus, sondern gegen die Marktwirtschaft.“

Döpfner weist die Verantwortung für die Finanz- und Wirtschaftkrise eindeutig dem Staat zu: „Wo hat denn die Finanzkrise ihren Ausgang genommen? In Amerika, einem der am stärksten regulierten Finanzplätze der Welt. Und in welchem Sektor? In der Immobilienbranche, die durch staatliche Intervention, durch die Ideologie, jeder müsse ein Hausbesitzer werden, Billig- und sogenannte Non Recourse-Kredite, im Klartext: Null-Verantwortungs-Kredite, ausgereicht hat. Und welche Banken waren in Deutschland besonders betroffen? Die Landesbanken, die unter der wenig fachkundigen Aufsicht von Politikern Milliarden verjubelt haben. Jüngstes Beispiel ist die BayernLB, die bei ihrer ehrgeizigen Expansion nach Österreich und in den Balkan – unter wohlwollender Begleitung der Politprominenz im Verwaltungsrat – 3,7 Milliarden Euro versenkt hat.“

Warum also „ausgerechnet mehr Staat, mehr politischer Einfluss“ nun die Lösung sei, „anstatt mehr Freiheit, mehr Eigenverantwortung und vor allem mehr Verantwortung zur Vorbildfunktion“, das, sagt Döpfner allen seinen Zuhörern und Lesern, bleibe „schleierhaft“. Denn: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – das ist der zu trauriger Beliebtheit gekommene Unsatz, den ein Kommunist, genauer: Lenin, geprägt hat. Das Gegenteil ist richtig: Kontrolle ist manchmal leider nötig, Vertrauen ist besser.“

Nun sei es „allerdings so, dass bei uns laut einer aktuellen Umfrage die Mehrheit der Deutschen angeblich sogar gegen eine Steuersenkung ist.“ Das habe es, vermutet Döpfner mit einiger Berechtigung, „noch in keinem Land gegeben, dass die Bevölkerung auf mehr Netto verzichtet, um es dem Staat zur Verteilung zu überlassen.“ Dies komme davon, „wenn selbst bürgerliche Politiker Steuersenkungen ständig als unseriös bezeichnen und behaupten, wir könnten uns das nicht leisten. Irgendwann will der brave Deutsche seriös sein und lieber verzichten – sofern er überhaupt noch Steuern zahlt und nicht schon von Transferleistungen lebt.“ Womit der Verlagschef diesen Punkt tatsächlich noch etwas genauer trifft als der Philosoph: „Weil gespart werden muss, sollte der Staat das zuerst bei sich selbst tun, und überflüssige Ministerien und Bürokratie abbauen.“

Ein anderer Medienmogul zu anderer Zeit hätte die Gelegenheit des Galaempfangs der Politprominenz genutzt, Sondersubventionen für die eigene tatsächlich stark notleidende Branche zu fordern. Französische Kollegen etwa jammern viel und halten auch kurz vor dem Staatsbankrott noch allzu gerne die Hand auf. Döpfner aber verzichtete darauf, und das ehrt ihn.

Größen wie Peter Sloterdijk und Mathias Döpfner, beide nicht irgendwer in dieser Republik, sagen heute beinahe täglich Dinge auf allen Kanälen, die noch vor kurzem allenfalls in „eigentümlich frei“ gedruckt werden konnten. Die Zeitgeist-Wende gewinnt an Fahrt. Lediglich die schwarz-gelbe Bundesregierung träumt noch vom sozialdemokratischen Wolkenkuckucksheim von vorgestern. Auch die Politiker werden in unserem Sozialstaat, der kurz vor der Zahlungsunfähigkeit steht, spätestens nach der nordrhein-westfälischen Landtagswahl im Mai aufwachen müssen.

Internet

Peter Sloterdijk in der „Süddeutschen Zeitung“: Das dumpfe Erbe

Mathias Döpfner in der „Welt“: Springer-Chef für nachhaltige Steuersenkungen

Serie

1. ef 97: Der Fall Sarrazin markiert eine Zeitenwende

2. Der schwarz-gelbe Koalitionsvertrag und die Reaktion der Medien: Zaghafter Beginn einer Zeitgeistwende

3. Beginnender Wandel des Zeitgeists durch Rückkehr des Stolzes: Weitere Belege für den Start in den Epochenwechsel

4. Zeitgeistwechsel kurz vor dem Zusammenbruch: Sarrazin und Sloterdijk als Stauffenbergs und Scholls unserer Tage?

5. Belege für den Zeitgeist-Wechsel jetzt auch in der linken Presse: Die Dämme brechen, das Pendel beginnt den Rückschlag

6. Zeitgeist-Wende, Teil 6: Die schwarz-gelben Küken kommen

7. Zeitgeist-Wende, Teil 7: Martin Mosebach und der Anarchismus der Barmherzigkeit

12. Januar 2010

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Kommentare

Paoyue, am 12. Januar 2010 um 20:32 ( Link )

Vielleicht sollte man bei diesen Wiederkäuern des Sozialstaats-Mantras von einer Klasse der Bornierten sprechen.
Über das Einkommen und den Lebensstil kann man diese Transfergläubigen nicht eingrenzen.

EEkat, am 12. Januar 2010 um 22:59 ( Link )

zwei Zitate:

--->>> Die Zeitgeist-Wende gewinnt an Fahrt. Lediglich die schwarz-gelbe Bundesregierung träumt noch vom sozialdemokratischen Wolkenkuckucksheim von vorgestern<<<<

und

--->>> Das habe es, vermutet Döpfner mit einiger Berechtigung, „noch in keinem Land gegeben, dass die Bevölkerung auf mehr Netto verzichtet, um es dem Staat zur Verteilung zu überlassen<<<

wie paßt das zusammen?

Reim Dich, oder ich freß Dich?

Das ist doch ganz klar, daß dieser, wie alle anderen Untergänge nicht völlig kommentarlos vonstatten gehen wird. Da werden sich auch noch weitere melden. Sarazzin, Sloterdijk, Döpfner, sollte man glauben, die hätten nicht vorher all dies gewußt? Was sie jetzt sich zu sagen trauen? Dann bezöge sich die ZGW nicht darauf, was gedacht, sondern darauf, was man sich dann auch zu sagen traut?

Dann wäre herrschender Zeitgeist also eine Erscheinung, welche eine öffentliche Darlegung von Sichtweisen unterbindet.

Diese Erkenntnis muß man jedoch über die Behauptung legen, wir würden eine offene Informationsgesellschaft darstellen.

Es ist eher ein Tabubruch, wenn in einer Konsens-Gesellschaft, die sozialistisch orientiert ist, jemand diesen bestehenden Konsens aufbricht.

Wie Döpfner richtigerweise jedoch bemerkte, wird dies am Zeitgeist, also der sozialistischen Grundorientierung, nichts ändern.

Was wiederum darauf hindeutet, daß Döpfner in einem anderen Zusammenhang fälschlicherweise dem Bismarck eine Prägung der Deutschen zuweist.

Da war nichts zu prägen.

Bismarck hat nur die Bedürfnisse der Deutschen bedient. Bevor dies die Sozialdemokratie gemacht hätte. Das genau wollte Bismarck verhindern.

So wie Hitler die Bedürfnislage der Deutschen mit seinem Sozialismus bediente.

All dies ist latent vorhanden, kommt in immer neuen Variationen zum Vorschein.

Wo soll da Zeitgeist-Wende Platz finden?

Täglich grüßt das Murmeltier.

EEkat

Diogenes2000, am 13. Januar 2010 um 2:48 ( Link )

Nachdem ich die Originaltexte gelesen habe, muss ich doch etwas Wasser in den Wein gießen. Es mag zwar sein, dass sich da eine Zeitgeistwende (ZGW) andeuten mag, allerdings scheint es mir, dass gerade Sloterdijk - wohl berauscht von der Resonanz auf seine Gedanken - im Begriff ist, sich zu verrennen. Die Steuern auf Freiwilligkeit umstellen zu wollen, erscheint mir doch als sehr verwegen, was aber nicht ausschließt, dass bestimmte Leistungen auch über Spenden erbracht werden könnten.
Dass der Staat sich in zu vieles einmischt... wer wollte daran zweifeln?! Gleichwohl vermute ich mal, dass die große Bereitschaft der Deutschen, mehr Steuern zu zahlen, auch darauf zurückzuführen ist, dass viele eh keine Steuern bezahlen, aber fürchten, dass ihnen bei Steuersenkungen und straffen Sparprogrammen die eine oder andere Transferleistung gestrichen wird.

Wie auch immer... die Diskussion ist angelaufen.
Wir werden sehen, wie sie sich weiter entwickelt.

dickbrettbohrer, am 13. Januar 2010 um 6:44 ( Link )

Hat schon einmal jemand untersucht, wie die Fragestellungen der Umfrage lauteten? Umfragen sind häufiger manipuliert, als man meinen möchte. Vielleicht standen Zweck und Ergebnis schon fest, ehe die Umfrage erstellt wurde. Nichts ist leichter, als den Interviewten in eine Falle zu lenken. Es kommt auf die Art des Fragens an. Und auf das, was den Fragen vorausgeht.
Wer gegen Steuersenkungen votiert, hat offensichtlich etwas mißverstanden. Sicher wählt niemand bewußt für sich einen Nachteil.

Tanja Krienen, am 13. Januar 2010 um 7:12 ( Link )

Sloterdijk ist Sozialdemokrat. ALLE aktuell relevanten Kritiker des Status Quo sind "rechte Sozialdemokraten". Andere sind zu dieser Kritik aus vielerlei Gründen anscheinend nicht in der Lage.

Waldemar , am 13. Januar 2010 um 8:43 ( Link )

…und deren „Steuerabzüge“ ein simpler Buchungstrick ist,...

wie schön, so etwas zu lesen! Kein deutscher Staatsfetischist in irgendeinem Staatsmedium wäre zu einer solchen Aussage bereit, obwohl sie doch so offensichtlich ist.

„deutscher Hang zur freiwilligen Selbstunterwerfung in staatliche Fremdbestimmung und Zentralfürsorge“...

….Ordnungsdenken und Obrigkeitsfixierung haben dabei die Entwicklung zum Versorgungsstaat befördert.

wie viele Jahre musste man doch warten, solche Aussagen in der deutschen Öffentlichkeit zu hören! Es wird sicher noch viele Jahre dauern, bis Änderungen des Zeitgeistes in der Breite spürbar werden, aber allein die Tatsache, dass solche Aussagen öffentlich gemacht werden, ist so schön! Das ist das Licht am Ende des dunklen Tunnels, die erste Luft zum Atmen!

Stefan Miller, am 13. Januar 2010 um 8:46 ( Link )

Sloterdijk ist, genauso wie seinerzeit Hegel, ein Staatsphilosoph. Er lebt von Steuergeldern und hat auch schon mal gegenteiliges behauptet. Mir kommt es so vor, als ob er sich da eine neue Ecke sucht, wo er seine Unverständlichkeiten und Fehlschlüsse verkünden kann. Das ist kontrollierte Kritik, vom Staat gewollt weil beliebig deutbar. Es scheint derzeit in Mode zu sein, liberale Sprüche zu kloppen, ohne danach leben zu müssen. Da wird es noch viele ähnliche Trittbrettfahrer geben.

frozen_ ash, am 13. Januar 2010 um 14:05 ( Link )

Ich hoffe nur dass die "Zeitgeistwende" in den Massenmedien nicht nur Worthülsen sind! Vielleicht wollen die damit nur unser Gewissen beruhigen. Aber der Spuk "Steuern und Co." soll doch bitte gnadenlos weiter gehen!

Weil:

"Nun sei es „allerdings so, dass bei uns laut einer aktuellen Umfrage die Mehrheit der Deutschen angeblich sogar gegen eine Steuersenkung ist.“ Das habe es, vermutet Döpfner mit einiger Berechtigung, „noch in keinem Land gegeben, dass die Bevölkerung auf mehr Netto verzichtet, um es dem Staat zur Verteilung zu überlassen.“

Die meisten haben eben Angst das der Staat wirklich noch vor die Hunde geht. Dann ist Ende im Gelände! Schon verrückt wenn man bedenkt wie hoch die Steuerbelastung samt Ausgaben für Monopolstellungen wie (GEZ, Steuerberater,...) ist.
Lieber ewig weiter machen als sich der Realität (nix da!) stellen.

Wenn das Geld im Portemonnaie sowie auf der Bank keine Kaufkraft mehr hat wird´s wohl erst im Oberstübchen klingen.

Und dann...rette sich wer kann!

df, am 13. Januar 2010 um 16:15 ( Link )

Ist nicht völlig egal, wie Redakteure politisch eingestellt sind und was geschrieben wird?

Rüdiger Märzen, am 13. Januar 2010 um 18:39 ( Link )

Guter Artikel mit vielen interessanten Beobachtungen zu unserer verweichlichten Gesellschaft. Das Umfrageergebnis zum Thema Steuersenkung ist der Hammer, für mich nur eine weitere Folge der "sozialistischen" Gehirnwäsche, die in den bundesdeutschen Schulen tagtäglich passiert. Ich wünschte mir auch in DE diese amerikanische, unvoreingenommene Sicht auf Erfolg und das Erfolgstreben statt Neiddebatten und Schuldkantaten.

Aber auch der mündige Bürger wird zum Nichtdenken angeregt, der Staat richtet es, ALG1-Leistungen in schwindelerregender Höhe und Dauer, mancher ALG2 bewohnt eine bessere Wohnung als manche Erwerbstätigen (Die qm stehen ja zu). Subventionen wo das Auge reicht, so schafft man keine freie Gesellschaft, sondern man erzieht den Menschen zum Sklaven. Wer schon mal in den USA oder in anderen Ländern war, die kein dermassen ausgebautes Sozialsystem haben, weiß mit wieviel Elan man dort an die Arbeit geht, man sieht den Menschen an, dass sie motiviert sind. Was hat man hier, eine Null-Bock-Mentalität, eine Neid- und Schuldkultur. So tötet man das was einen Menschen u.A. ausmacht, die Fähigkeit zum träumen.

Sven Adam, am 14. Januar 2010 um 13:28 ( Link )

Die Bereitschaft der Deutschen, mehr Steuern zu zahlen, unterstreicht nur allzu deutlich, daß die Nettosteuerzahler eine überlastete Minderheit sind, die ...

a) als Minderheit in solchen Umfragen natürlich unterliegen,
b)eben wegen der Überlastung gar keine Zeit haben, an solchen Umfragen teilzunehmen. War die Umfrage online? Dann ist da vermutlich kaum ein Arbeitnehmer oder Unternehmer nach Feierabend drüber gestolpert. Fand die Umfrage auf der Straße statt? Dann wohl vor Feierabend.

Die nicht zu Unrecht geäußerte Vermutung, daß in der Art der Fragestellung und womöglich gar bei der Auswertung noch das ein oder andere Rädchen gedreht wurde, ist dabei noch gar nicht berücksichtigt.
Und auch bei der Interpretation kann man gut manipulieren. Die Pharmaindustrie hat das seinerzeit exzellent vorgemacht, als das Präparat Clopidogrel als dem Aspirin bei der Schlaganfallprophylaxe überlegen verkauft wurde mit dem Argument, es "senke das relative Risiko um die Hälfte." Wer mit dem 'relativen Risiko' nichts anfangen kann, hat schon verloren ... und zahlt Tagestherapiekosten von 2,50 EUR statt weniger Cents.

Radiergummi, am 14. Januar 2010 um 15:08 ( Link )

@Diogenes2000


Gleichwohl vermute ich mal, dass die große Bereitschaft der Deutschen, mehr Steuern zu zahlen, auch darauf zurückzuführen ist, dass viele eh keine Steuern bezahlen, aber fürchten, dass ihnen bei Steuersenkungen und straffen Sparprogrammen die eine oder andere Transferleistung gestrichen wird.

Nein, das denke ich nicht.
Meiner Erfahrung nach denkt kaum jemand darüber nach, woher das vom Staat bezogene Geld eigentlich stammt. Die wenigen, die darüber nachdenken, sind meist eher links angesiedelt und rechtfertigen Steuern nach im Artikel beschriebenen Muster, dass mehr Einkommen auf Diebstahl zurückzuführen ist und es nur gerecht ist, dass der Staat dieses Geld wieder an die Bestohlenen zurückleitet.
Das ist soweit ich das überblicken kann, ziemlich genau das, was der Kampfbegriff "soziale Gerechtigkeit" beinhaltet.

Die Bereitschaft mehr Steuern zu zahlen, resultiert meiner Meinung nach eher aus der Überlegung (sofern überhaupt stattgefunden), dem Staat mehr Mittel zur Verfügung stellen zu müssen, um Probleme jedweder Art (bspw. Finanzkrise, Klimaerwärmung, Schweinegrippe oder eben Aussicht auf Konsumverzicht) zu lösen.
Oder kurz: Um sich selbst aus der Verantwortung für sich selbst zu nehmen.

EEkat, am 14. Januar 2010 um 20:31 ( Link )

Deutsche sind eben leicht zu beeinflussen.

Was man nicht machen darf: sie sich selber überlassen.

Dann fangen sie an zu denken, und gehen beispielsweise nicht zur Schweineimpfung.

Der gesetzliche Zwang fehlte wohl.

Ansonsten laufen sie jeder Fähnlein nach, das nur laut genug auf sich aufmerksam macht.

Daß Steuersenkung falsch sei, ist zunächst von den linken Medien aufgebracht worden, als Unterminierung der unerwünschten FDP-Impulse, den Staat durch Stärkung des Individuums wieder nach vorne bringen zu wollen.

Sowas geht ja nun garnicht.

Auf diesen losstampfenden Zug sind dann alle Politiker aufgesprungen, besonders nachdem diese Parole ale offenbar öffentliche Meinung Tritt zu fassen begann.

Und mittlerweile schlägt sich das halt in den Umfragen nieder. Die fragen nun ab udn verbreiten, was sie selber erst erzeugt hatten.

Dabei existiert jedoch weiterhin eine starke Minderheit, die sich keineswegs zu Steuererhöhungen bekennt. Die jedoch kommt in der Berichterstattung nicht vor. Weil sie nicht ins erwünschte Bild paßt.

Man fragt sich, wer bei uns regiert.

E.Ekat

tsilaizos, am 16. Januar 2010 um 14:22 ( Link )

Wer Tennisbälle sicher über ein Netz schlagen kann, schnell mit einem Auto im Kreis fährt oder populäre Liedchen trällert, wird in der „Leistungsgesellschaft“ schon vor Erreichen des dreißigsten Lebensjahres mit einem ungeheuren Vermögen entlohnt. Wie sinnvoll diese “Leistung” ist, wird nicht einmal gefragt, weil sich die westliche Gesellschaft, freilich ohne zu wissen, was sie tut, im Zuge der neoliberalen Revolution für ein Knappheitsprinzip ohne wenn und aber entschieden hat. Derjenige dagegen, der sein Leben lang die Böden in Universitäten und Betrieben schrubbt, muss statt eine ordentliche Rente zu erhalten, am Ende zum Sozialamt betteln gehen. Noch schlimmer, wer für die Gesellschaft vollkommen unproduktive Geschäfte tätigt, also z. b. auf den Finanzmärkten die Preise für Rohstoffe oder Währungen hoch treibt, weil er und viele seiner Kumpane darauf mit Schulden gewettet haben, erbringt offenbar eine „Leistung“ in der Sloterdijkschen FDP-Welt. Auch wenn dabei schließlich das gesamte System zu kollabieren droht und der kleine Putzmann für die Verluste haften muss, ist der Spieler nach Sloterdijk ein Leistungsträger, weil an dem von ihm selbst aufgeblasenen Spekulationsballon so viel verdient hat, dass er - selbst wenn er brav seine Steuern bezahlt - danach nie wieder arbeiten muss. Das ist nicht die Leistung, die eine Gesellschaft trägt! Weil in einer Marktwirtschaft gerade nicht Leistung belohnt wird, ist es gerechtfertigt und notwendig, dass der Staat wesentlich mehr von denen verlangt, die durch glückliche Umstände, Privilegien oder die inhärente Knappheitslogik des Systems überdurchschnittlich „entlohnt“ worden sind.

http://www.nachdenkseiten.de/?p=4443


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