23. Januar 2010

Kollektivierung Innovative Organallokation

Perfider Mitmachzwang

Einen legalen Markt für Organe gibt es wohl nirgends auf der Welt. Organe dürfen nicht ver- und nicht gekauft werden. Das gilt sowohl für die Organe lebender Menschen als auch für die Organe der Verstorbenen. Statt eines legalen Marktes gibt es fast überall mehr oder weniger ausgefeilte Systeme, nach denen Organe an die Bedürftigen verteilt werden. Die Folgen dieser Praxis sind völlig klar. Angebot und Nachfrage finden nicht zu einem Ausgleich. Da das Angebot von Organen Restriktionen unterworfen ist, kommt es unweigerlich zu einem Mangel. Es fehlt an jeglichem Anreiz zur Erhöhung des Angebots. Der Mangel an für Transplantationen zur Verfügung stehenden Organen hat sich verfestigt und ist von den Planern bürokratischer Organallokation zwar als solcher erkannt worden. Seine Ursachen liegen für sie jedoch im Dunkeln. Die Antwort auf den Mangel, der zu Unzufriedenheit unter den Nachfragern von Organbedürftigen führt, erfolgt mit den typischen Mitteln bürokratischer Planung.

An erster Stelle steht immer der Appell an die Bevölkerung. Das Muster ist von anderen reglementierten Bereichen bekannt. Immer wenn der Staat Soldaten benötigte, hat er sich zuerst des Appells bedient, statt den Sold zu erhöhen. Unter Hinweis auf das Nationalgefühl, die staatsbürgerliche Pflicht oder die Sorge um den Verlust der Heimat werden die jungen Menschen in die Armee gelockt. Es wird mit solchen Appellen auf die subjektiven Werterntscheidungen Einfluss genommen. Bei Organen ist es nicht anders. Spendet Organe! Werdet Organspender! Tue gutes für Deine Mitmenschen.

Im zweiten Schritt wird den bürokratischen Planern klar, dass auch der gefühlsmäßige Appell den Mangel nicht beheben kann. Dem staatlichen Appell folgt der Zwang. Junge Menschen werden nicht zur Armee gelockt, sondern als Wehrpflichtige eingezogen. Auch in Bezug auf Organe ist dieser Weg von vielen Staaten unterschiedlich weit beschritten worden. Statt sich aus freien Stücken für die Organspende entscheiden zu können, müssen Menschen in vielen Systemen eine Willensentscheidung abgeben, dass sie keine Organe spenden wollen. Nach dieser in Europa in Luxemburg, Österreich, Polen, Portugal, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien und Ungarn geltenden Widerspruchsregelung, ist der Organspende ausdrücklich zu widersprechen, wenn man keine Organe abgeben will.

Ein innovatives System den Mangel an Organen zu beheben haben sich israelische Bürokraten ausgedacht. Spenderorgane sind umso wertvoller, je früher der Bedürftige in den Genuss einer Transplantation kommen kann. Die Platzierung des Bedürftigen auf der Warteliste ist daher von lebenswichtiger Bedeutung. In Israel gilt nun ein Punktesystem, nach dem diejenigen Spenderorgane zuerst enthalten, die die meisten Punkte haben. Punkte erhält man, wenn man sich selbst frühzeitig als Organspender gemeldet hat. Punkte erhält man aber auch, wenn die Verwandten als Organspender zur Verfügung stehen.

Auf den ersten Blick sieht dies wie ein faires Verfahren aus, das diejenigen belohnt, die selbst bereit sind zu geben. Tatsächlich ist es aber ein zutiefst perfides Vorgehen. Denn der Staat hat ein gesetzliches Monopol über die zur Verfügung stehenden Organe. Man stelle sich ein System vor, in dem es ein Monopol über die Produktionsmittel zur Nahrungsherstellung gibt. Wenn in diesem System beschlossen würde, dass Nahrung nur denjenigen zur Verfügung gestellt wird, die bestimmte Arbeitspflichten erfüllen, so könnte man nur zwischen den Alternativen Zwangsarbeit und Verhungern wählen. Dieses System würde von jedem Liberalen zu Recht als sozialistisch gebrandmarkt und abgelehnt werden.

Für ein System, in dem der Staat ein Monopol über Spenderorgane errichtet hat, kann nichts anderes gelten. Wer schnell oder überhaupt ein Spenderorgan erhalten will, der muss sich dem Mitmachzwang fügen. Das israelische System führt nicht zu Solidarität, die aus freien Stücken erfolgt, sondern zur Kollektivierung der Menschen. Dabei sorgen die Extrapunkte für die Organspendebereitschaft der Verwandtschaft zu einem zusätzlichen innerfamiliären Zwang. Die Sorge um die Nächsten treibt sogar die dazu an, dem System beizutreten, die es sonst ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit ablehnen würden. Wer könnte es sich schon verzeihen, wenn der Sohn nur deshalb nicht rechtzeitig ein Spenderorgan erhält, weil man selbst kein Organspender sein wollte?

Das auf den ersten Blick Verführerische an dem israelischen System ist der Ähnlichkeit zur echten reziproken Solidarität geschuldet. Wenn sich Menschen freiwillig einem System des do ut des anschließen, so entspricht das im Ergebnis einer Versicherungslösung. Man trägt gemeinsam das Risiko und ist bereit, die negativen Folgen untereinander zu teilen. Wo jedoch ein solches System vom Staat monopolisiert wird und Alternativen nicht zur Verfügung stehen, so bedeutet es nichts anderes als die Enteignung des eigenen Körpers zum Wohle des größeren Ganzen.

Quelle:

BBC über das israelische Organspendesystem


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