24. Januar 2010

„Forscher“ Geralf Gemser im Dienst des staatstragenden Engagements Große Verleumdung als kleiner Kollateralschaden

Die posthume Denunziation als neuer Zweig der Volkspädagogik (1)

Wie erlangt man öffentliche Aufmerksamkeit, wenn die eigenen Fähigkeiten und Talente nicht einmal für eine Erwähnung im städtischen Mitteilungsblättchen Anlass geben? Diese Frage beschäftigt offenbar nicht wenige Mitmenschen, anders wären die Bewerberschlangen für Casting-Shows und TV-Quizsendungen nicht so endlos lang. Die Aussichten auf Erfolg und Ruhm sind begreiflicherweise verschwindend gering, anders als in einer anderen Sparte medialer Selbstdarstellung, die in dieser Form wohl selbst im globalen Maßstab einzigartig sein dürfte.

Das Stichwort lautet „Vergangenheitsbewältigung“, wobei der Begriff „Bewältigung“ bewusst irreführend gewählt ist, denn es geht heutzutage längst nicht mehr um Bewältigung im Sinne von Aufklärung und kritischer Bestandsaufnahme, sondern um die Zementierung von Deutungsmustern im Sinne einer realen oder unterstellten Staatsräson. Und natürlich geht es auch nicht um die Historie in ihrer Gesamtheit, sondern um jene zwölf Jahre NS-Diktatur,  auf die sich das Geschichtsbild dieses Gemeinwesens zunehmend verengt. Feststehende Deutungsmuster haben Vor- und Nachteile, einer der Vorteile ist der, dass derjenige, der ihnen bereitwillig folgt, automatisch auf der richtigen Seite und außerhalb der Kritik steht. Der Nachteil ist, dass es inzwischen fast unmöglich geworden ist, Äußerungen echter Betroffenheit von jenen zu unterscheiden, die ausschließlich der karrierebewussten Selbstinszenierung dienen. Von Staatswegen korrekte Meinungen bringen automatisch die Spezies der „Hundertprozentigen“ hervor, die sich – zumeist sogar unaufgefordert – in den Dienst der „guten Sache“ stellen und jederzeit bereit sind, den Beweis ihrer vermeintlichen Rechtschaffenheit zu erbringen und Andersdenkende niederzubrüllen.

Das erklärt auch, weshalb es nachgeborene Historiker (die dieses Fach vermutlich aus den gleichen Gründen gewählt haben wie einst die Philosophie- und Journalistik-Studenten in der ehemaligen DDR das ihre) heutzutage vorziehen, ihre „Forschungen“ thematisch und natürlich auch vom Resultat her, dem unterstellten „Bedarf“ anzupassen, wofür unter anderem der Chemnitzer Nachwuchs-Wissenschaftler Geralf Gemser ein treffliches Beispiel abgibt. Was einen studierten Menschen dazu bewegen kann, mit dem Eifer eines Eichhörnchens, das seinen Wintervorrat zusammenträgt, 60 Jahre nach Kriegsende 3.000 (!) Schulnamen auf mögliche dunkle Stellen (sprich NS-Verwicklungen) ihrer jeweiligen Namenpatrone zu untersuchen, dürfte unter normalen Gegebenheiten allenfalls für Psychopathologen von Interesse sein, in diesem Lande jedoch öffnet ein derartiges Unterfangen dem Betreffenden alle Türen zum Ruhm. Mögen die Ergebnisse noch so lächerlich bis abstrus sein – unter den posthum denunzierten Namenspatronen befinden sich unter anderem Dichter wie Hans Fallada, Wissenschaftler wie Werner Heisenberg und Automobil-Pioniere wie August Horch, für die Qualitätsmedien dieses Landes von der einst seriösen „Zeit“ bis zum Reeducation-Kampfblatt „Spiegel“ sind derlei „Erkenntnisse“ Anlass für seitenfüllende Elogen.  Kleine fachliche Fehler wie die von einer Provinzzeitung nachgewiesene Verleumdung des Frankenberger Heimatforschers Max Kästner auf Grund von Herrn Gemsers schlampige Recherche gelten dabei als lässliche Kollateralschäden staatstragenden Engagements und erfordern natürlich auch keine öffentliche Richtigstellung. Mit derlei Kleinigkeiten gibt sich der Chor der Anständigen (politisch verstärkt von Rot-Rot-Grün und diversen Antifa-Vereinen) gar nicht erst ab...

Ich möchte gar nicht erst darüber nachdenken, auf welcher Seite der Barrikade Persönlichkeiten wie Herr Gemser und seine medialen Claqueure unter anderen gesellschaftlichen Umständen gestanden hätten, wirklich nicht. Das wäre einfach zu deprimierend...

Frank W. Haubold

Der Autor, Jg. 1955, ist promovierter Informatiker und Schriftsteller

Internet

MDR-Liste der „umstrittenen Namensgeber“

Derunvermeidliche „Spiegel“-Artikel zum Thema

Ein kleiner Fehlschlag bei der Denunziation


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