30. Januar 2010

Soziale Gerechtigkeit Überbleibsel der Horde in der Großgesellschaft

Der moderne Mensch im Spiegel seiner Evolution

Der Jubel ist groß. Die Jäger sind zurück und sie haben große Beute gemacht. Die Kinder kommen zuerst, um die kräftigen Männer zu begrüßen. Die Alten und Frauen kennen das Spiel. Ihre Aufmerksamkeit gilt denen, die die gefährliche Jagd nicht heil überstanden haben. Nicht jeder ist unverletzt geblieben. Die Jagd nach den wilden Tieren ist gefährlich. Einer der Älteren kennt sich mit Verletzungen aus. Er wird nicht nur die üblichen leichteren Schmarren zu versorgen haben. Einem der Jäger wird er später den zerquetschten Arm vom Rumpf schneiden müssen. Auch ein Opfer der Jagd hat die Horde zu beklagen. Der Unglückliche wurde zu Tode getrampelt. Doch zunächst wird die Beute verteilt. Diese Aufgabe kommt dem Anführer zu. Das beste und größte Stück erhält der, der den gefährlichsten Part übernahm und mit seinen Stoßspeer der Beute das Leben nahm. Die anderen Jäger werden der Reihenfolge nach bedacht, dann die Übrigen. Niemand wird vergessen, nicht die Verletzten, die diesmal nicht an der wilden Hatz teilnehmen konnten, und auch nicht die Alten und Versehrten, die teils die Produktion nützlicher Gegenstände übernommen haben und manchmal vielleicht auch gar nichts anderes mehr tun können, als auf das Feuer aufzupassen. Zu Streit kommt es selten. Fast immer schafft es der Anführer, die Verteilung so vorzunehmen, dass sich niemand benachteiligt fühlt. Jeder vertraut ihm und die Horde zieht in der warmen Zeit, wohin er wünscht. Natürlich hat er Berater unter den älteren Mitgliedern der Horde, weise Frauen wie erfahrene Jäger und Alte. Gerade dann, wenn harte Entscheidungen gegenüber Einzelnen, etwa jüngeren aufsässigen und Unfrieden bringenden Jägern gefordert sind, verlässt sich der Anführer auf seine Berater, um sich zu versichern, dass seine Autorität nicht angezweifelt wird. Doch letztendlich ist er verantwortlich für das Wohlergehen der Horde und es wird sein Ende sein, wenn er bald einmal die falsche Entscheidung trifft und die Jagdbeute ausbleibt.

So oder ähnlich könnte es sich in den Anfängen menschlicher Gesellschaften vor zehntausenden von Jahren zugetragen haben. Die ältesten gefundenen Jagdwaffen entstanden schätzungsweise vor 400.000 Jahren. Der Übergang der Gesellschaften der Jäger und Sammler zum Ackerbau fand dagegen erst vor ungefähr 15.000 Jahren statt. Den Großteil des Daseins verbrachte der Mensch in der oben romantisch beschriebenen Gesellschaftsform. Erst durch die Sesshaftigkeit wurde der Übergang von der Horde zur modernen Großgesellschaft eingeleitet. Das ist eine radikale Veränderung – auf den ersten Blick.

In einem Punkt verhalten sich die modernen Menschen wie steinzeitliche Jäger und Sammler. In den westlichen Großgesellschaften halten sie an der Versorgung der Alten, Kranken und Schwachen durch hierarchische Zuteilung fest. Längst ist die Horde Geschichte, die Menschen im größten Teil der Welt in der Moderne angekommen, doch verlässt man sich in bestimmten Fällen auf Methoden der Steinzeit. Nahrungsproduktion und -allokation sind heute mit Hilfe von Märkten organisiert. Das Preissystem, undenkbar ohne Verträge und Eigentum, sorgt für die Koordination von Angebot und Nachfrage in Zeit und Raum. Es hat sich als überlegen herausgestellt und man kann mit Überzeugung sagen, dass der Rückschritt in eine hierarchische Nahrungsmittelproduktion unmöglich ist, wenn man nicht den Tod von Millionen, vielleicht von Milliarden Menschen in Kauf nehmen will. Diese Erfahrung mussten die russischen Kommunisten machen. Nach der Revolution wurde die Nahrungsmittelproduktion per Befehl organisiert. Die Versorgungsdiktatur erlaubte der Partei, die Erträge zuzuteilen. Die Bedürfnisse der Bevölkerung konnten nicht befriedigt werden und allgemeiner Hunger war die Regel. Dem half Lenin durch die Neue Ökonomische Politik ab, die ab 1921 zu einem gewissen Grade das Privateigentum an den Produktionsmitteln im Nahrungsmittelbereich wiederherstellte und Gewinnorientierung gestattete. Die schlimmsten Ernährungsprobleme konnten so überwunden werden.

Der Übergang von der Horde in die Marktgesellschaft ist gekennzeichnet durch die Verdrängung des Befehls durch den Markt. Dieser Übergang ist indes nicht in allen Bereichen vollzogen. Sozialhilfe, Kranken- und Pflegekassen, Arbeitslosengeld und Hartz IV zeigen, dass Güter in wesentlichen Bereichen durch hierarchische Zuteilung, den staatlichen Befehl, und nicht durch den Markt zugeordnet werden. Die soziale Ordnung der Horde überlebt  hier in der Moderne. Der Wunsch nach Übertragung der Sozialstrukturen der Horde in die anonyme Großgesellschaft schlägt sich in dem Festhalten an hierarchischer Zuteilung nieder.

Der Ökonom und Sozialphilosoph Friedrich August von Hayek hat dieses Phänomen in mehreren Schriften untersucht. In diesen nimmt er den Begriff der sozialen Gerechtigkeit, unter deren Schirm die Fürsorge per Befehl im Allgemeinen gerechtfertigt wird, unter die Lupe. Ihm ist darin beizupflichten, dass die soziale Ordnung der Menschen sich viel schneller entwickelt hat als ihre biologische Verfassung. In den wenigen Jahren des Ackerbaus und der Großgesellschaft war es uns nicht möglich, unsere aus der Zeit der Horde stammenden moralischen Instinkte und eingewurzelten Emotionen abzulegen. Instinkte und Emotionen bestimmen zu einem großen Teil, was wir verlangen. So sinnvoll die aus diesen Instinkten und Emotionen resultierenden Verhaltensweisen über hunderttausende von Jahren waren, so überflüssig sind sie in einer auf dem Marktprinzip beruhenden Gesellschaftsorganisation.

Es kann – so auch Hayek – dahingestellt bleiben, ob diese Instinkte und Emotionen vererbt oder angelernt werden. Wer über die soziale Ordnung der Menschen philosophiert, muss mit ihnen als Tatsache umgehen. Die Unschärfe des Begriffs der sozialen Gerechtigkeit liegt darin begründet, dass sie Ergebnis von Instinkten und Emotionen anstelle rationaler Überlegung ist. Instinkt und Emotion können selbstverständlich positive Ergebnisse zeitigen, sind aber auch Ursache für den Ruf nach sozialer Gerechtigkeit. Gefordert wird in Wahrheit jeweils die zwangsweise Verteilung von Gütern durch Befehl, um tradierten Trieben zu entsprechen. Das Verlangen nach sozialer Gerechtigkeit ist nur durch Anwendung des politischen Mittels zu befriedigen und somit auch die Ursache von Politik selbst. Gleichwohl bedingt das Vorhandensein solcher Triebe nicht die ewige Existenz der Güterverteilung per Befehl. Überall musste der Befehl erst durch das Preissystem abgelöst werden. Weder musste sich der Mensch dazu biologisch weiterentwickeln, noch eine höhere Bewusstseinsstufe erreichen. Die Überlegenheit einer sich auf den Markt verlassenden Sozialordnung ist nicht abhängig von einem bestimmten wie auch immer gezeichneten Menschenbild oder des Menschen Entwicklungsstufe.

Quellen:


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