Edgar L. Gärtner

Jahrgang 1949, Hydrobiologe, Wissenschaftsautor.

ef investigativ

Haben Sie Informationen oder Dokumente für uns? Hier können Sie unserem Investigativ-Team eine Nachricht schreiben.

investigativ@ef-magazin.de

ef auf Facebook

Besuchen Sie uns auch auf Facebook:
facebook.com/efmagazin

Anzeige

Haiti: Der Fluch der Blasphemie

von Edgar L. Gärtner

Warum US-Fernsehprediger Pat Robertson nicht ganz falsch liegt

31. Januar 2010

Der inzwischen 79-jährige evangelikale Star-Prediger Pat Robertson löste Wellen gutmenschlicher Entrüstung aus, als er das schreckliche Erdbeben auf Haiti am 13. Januar im TV-Sender Christian Broadcasting Network (CBN) auf einen Pakt mit dem Teufel zurückführte, den die aufständischen Negersklaven der einst als „Perle der Karibik“ bekannten Insel im Jahre 1791 im Rahmen einer Voodoo-Zeremonie geschlossen hatten, um die Befreiung von der französischen Kolonialherrschaft zu erlangen. Zweifelsohne eine Provokation für alle Kulturrelativisten, die vielleicht gerade noch die Existenz eines fernen Gottes zugeben, jedoch die Existenz seines Gegenspielers Satan leugnen müssen. Aber ist es tatsächlich so abwegig, einen Zusammenhang zwischen dem aktuellen Desaster mit Hunderttausenden von Toten und dem geistigen Hintergrund der sozialrevolutionären Ursprünge der Republik Haiti zu postulieren?

Viele Touristen werden sich schon darüber gewundert haben, dass die westindische Insel Hispaniola, auf der Christoph Kolumbus und seine Seeleute 1492 erstmals amerikanischen Boden betraten, vom Flugzeug aus auffällig zweigeteilt erscheint. Der etwas größere östliche Teil, die spanisch sprechende Dominikanische Republik, ist satt grün, während der von der französisch sprechenden Republik Haiti eingenommene westliche Teil beinahe so kahl ist wie der Mond. Die Dominikaner leben mehr oder weniger einträglich vom Tourismus, während die Haitianer heute, trotz mehr als großzügiger „Entwicklungshilfe“ der US-Amerikaner in den vergangenen Jahrzehnten, zum allergrößten Teil bettelarm sind. Dieser Kontrast hat offenbar keine natürlichen Ursachen.

Nachdem die wenigen Ureinwohner ausgerottet und die Insel unter französische Herrschaft gelangt war, blühte dort über hundert Jahre lang der Zuckerrohranbau, der mithilfe aus Afrika importierter Sklavenheere betrieben wurde. Haiti wurde zu Frankreichs ertragreichster Kolonie. Als aber im französischen „Mutterland“ die Revolution ausbrach und Robespierre und seine Anhänger die Oberhand bekamen, konnte es nicht ausbleiben, dass einzelne Schwarze, die aufgrund besonderer Umstände eine bessere Bildung genossen hatten, von der in der Metropole herrschenden Gleichheits-Idee angesteckt wurden. Zu ihnen gehörte der als „schwarzer Jakobiner“ bekanntgewordene Toussaint Louverture, der Sohn eines in Benin geborenen freigelassenen Haussklaven. Er wurde zum Führer der weltweit einzigen (vorübergehend) erfolgreichen Sklavenerhebung, erlebte aber nicht mehr deren Sieg über das von Napoleon gesandte Expeditionskorps und die Unabhängigkeitserklärung Haitis im Jahre 1804 unter seinem Genossen und Rivalen, dem „schwarzen Kaiser“ Jean-Jacques Dessalines.

Das heutige, nicht erst durch das aktuelle Erdbeben ausgelöste gesellschaftliche und politische Desaster Haitis nahm seinen Lauf mit der nach der Revolution eingeleiteten egalitären Landreform. Die Besitzer der Zuckerplantagen wurden enteignet. Jede Bauernfamilie erhielt zunächst 15 Hektar Ackerland. Da die meisten Familien sich auf die Befriedigung ihres eigenen Bedarfs konzentrierten, brach die Exportwirtschaft zusammen. Infolge der von der Gleichheits-Idee diktierten Erbteilung des Landes schrumpften die Parzellen mit jeder neuen Generation immer mehr zusammen. Um die rasch wachsende Bevölkerung zu ernähren, wurden nach und nach auch die für den Ackerbau kaum geeigneten steilen Berghänge gerodet. Dennoch verfügte schon im Jahre 1971 jede Bauernfamilie im Schnitt nur noch über anderthalb Hektar karges Ackerland. Heute wird der größte Teil der Agrarfläche, da durch Übernutzung ausgelaugt und durch starke Tropenregen erodiert, gar nicht mehr bestellt.

Revolutionsromantiker und Fair-Trade-Fans sehen das allerdings anders. Um von der verheerenden Wirkung der Gleichheitsideologie abzulenken, verweisen sie auf die der jungen Republik als Gegenleistung für die diplomatische Anerkennung durch Frankreich unter Androhung militärischer Gewalt auferlegte Entschädigungssumme für die Enteignung der Plantagenbesitzer in Höhe von 90 Millionen Goldfranken (heute umgerechnet 17 Milliarden Euro!). Um die Riesensumme einzutreiben und schrittweise abzubezahlen, mussten dem Volk große Opfer und Restriktionen auferlegt und die Ressourcen des kleinen Landes buchstäblich ausgeplündert werden. Dabei erwies es sich als fatal, dass in Haiti der Voodoo-Kult von Anfang an als dem Christentum zumindest ebenbürtig, wenn nicht überlegen angesehen wurde. Die infantile Gleichsetzung des demütigen Betens um göttliche Gnade mit obskurantistischen Beschwörungen und Zaubereien begünstigte die Machtübernahme durch Dynastien kleptokratischer Diktatoren und die damit einhergehende Vernachlässigung von Vorsorge-Investitionen gegen Hurrikane und Erdbeben. Davon hat sich Haiti nicht mehr erholt. Im Jahre 2003 haben Voodoo-Priester den ausgelaufenen Teufelspakt von 1791 mit Tieropfern ausdrücklich erneuert. Ein halbes Jahr zuvor hatte der damals herrschende Diktator Jean-Bertrand Aristide den Voodoo-Kult zur zweiten Staatsreligion neben dem Katholizismus erklärt.

Was könnte man aus diesem (zugegebenermaßen sehr groben) Einblick in die Probleme Haitis lernen? Die Haitianer mussten wie die Franzosen und später die Russen und Chinesen erfahren, dass blutige Revolutionen - so gut sie auch gemeint sein mögen – alles noch schlimmer machen als vorher. Nur stille und unblutige Revolutionen wie etwa in jüngerer Zeit die Verbreitung des Internet und mehr noch die Verbreitung des Christentums seit fast zwei Jahrtausenden bringen die Menschheit voran. Nach christlichem Verständnis ist jede blutige Erhebung gleichzusetzen mit Blasphemie, der die Strafe Gottes auf dem Fuße folgt. Auch Nichtchristen können kaum darüber hinwegsehen, dass es in der Geschichte keine vergleichbaren Fälle von Hochmut gibt, die nicht im Desaster endeten. Der Spruch „Hochmut kommt vor dem Fall“ bringt das zum Ausdruck. Nur Demut erweist sich als nachhaltig.

So kann ich dem Prediger Robertson zwar nicht folgen, wenn er zum Mord an Venezuelas rotem Diktator Hugo Chavez aufruft. Ich muss ihm aber zustimmen, wenn er die Zurückdrängung des Voodoo-Kultes durch massive Missionsarbeit für wichtiger erklärt als über aktuelle Nothilfe hinausgehende materielle Entwicklungshilfe. Der nicht religiös argumentierende Kolumnist des „Wall Street Journal“ Bret Stephens sieht das übrigens ähnlich.

Internet

Pat Robertson auf Dailymotion

Erdbeben eine Folge vom ‚Pakt mit dem Teufel’? 

Haiti Hilflose Perle der Karibik

To Help Haiti, End Foreign Aid


Literatur

C. L. R. James: Die schwarzen Jakobiner: Toussaint Louverture und die Unabhängigkeitsrevolution in Haiti. Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1984. (Nicht mehr lieferbar, weil vom ehemals DKP-nahen Verlag wegen der trotzkistischen Position des Autors wieder aus dem Verkehr gezogen.)

Unterstützen Sie ef-online

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien.
Klicken Sie hier für Informationen zur Fördermitgliedschaft.

Testen Sie eigentümlich frei

Prominente Autoren und kantige Kolumnisten wie Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Frank Schäffler schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht.

Diesen Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare


Der Kommentarbereich für diesen Artikel wurde geschlossen.

Anzeige